Die Mauersegler sowieso

Die Pandemie ist in den Träumen schon seit einer ganzen Zeit — heute am Morgen bspw. im Traum darüber beschwert, dass in einem Café Name und Telefonnumnmer nicht notiert werden.

Das Fenster zum Hinterhof ist geöffnet. Irgendwo findet wohl eine Party statt, ein leiser Duft von Shisha-Tabak weht durch die späte Dämmerung. Auf dem Kranausleger des Krans, der gegenüber an der großen Straße an der Baustelle neben dem Hotel steht, sammeln sich die Krähen, wie an jedem Abend, und krächzen sich zu, wo sie eine tote Kuh haben liegen sehen. Eine Elster. Ein Kind schreit. Dann ein Hubschrauber. Die Mauersegler sowieso. Später wird sich eine Nachbarin beschweren, aus dem geöffneten Fenster heraus.

Jetzt ist der angekündigte Regen da, aber nur ein kurzer Schauer, vielleicht.

Was im Essen ist

Heute bei einem anderen Bäcker 20 oder 30 Minuten in der Schlange gestanden, dabei Gedichte und Blogeinträge gelesen. An der großen Straße war das. Hinter mir ruft irgendwann jemand jemand anders an und fragt nach einem Rührei, er möchte eins haben oder schlägt vor, schon einmal eines zu essen, weil es länger dauere, da höre ich nicht so genau hin.

Auf dem Fahrrad die ganze bisherige Woche hindurch, auch schon in der letzten Woche wohl, Fragmente des Lieds von den Elchen im Kopf herummschwirren gehabt, ich kenne die Melodie noch, aber der Text ist Bruchstückhaft.

Schutzmaske auf, in die Bäckerei gehen, versuchen möglichst schnell zu sein, damit die anderen nicht noch länger warten müssen. Das oberen Ende der Maske auf dem Nasenrücken, der neu hinzugekommene, schwankende, baumwollweiße Horizont, auch wenn es sich heute um Polyester handelt, am unteren Rand des Blickfeldes, die Lesebrille beschlägt, wenn sie gleichzeitig getragen wird, etwa im Supermarkt, um herauszufinden, was im Essen ist. Das alles ist nicht weiter schlimm.

Das Modell eines fernen Planeten

Ich habe außerdem eine Schreibtischlampe, eine weiß lackierte von IKEA, die mit den Metallfedern, auf denen man auch Musik machen kann, und sie hat einen Batman-Aufkleber auf dem Schirm. Daran hängt eine Christbaumkugel, die, wie ich gerade erst bemerke, das Modell eines fernen Planeten repräsentiert, mit großen Kontinenten und Ozeanen.

Am Morgen des 10. Mai

In der U. shuffelt die Musik ausgerechnet Uberlin auf die Kopfhörer, als wenn das in diesem Moment Irgendjemand gebrauchen könnte. Ich lese unverdrossen eine Geschichte über Käfer und eine über Nachtigallen in Berliner Hinterhöfen. Gleich denke ich auch noch an Shakespeare, „die Nachtigall, die Lärche“, und die Vögel hier im Hinterhof.

Juliet: Wilt thou be gone? it is not yet near day:
It was the nightingale, and not the lark,
That pierced the fearful hollow of thine ear;
Nightly she sings on yon pomegranate-tree:
Believe me, love, it was the nightingale.

Eine kleine Frau reibt sich unentwegt die Hände als würde Sie sie eincremen, hört etwas auf den Kopfhörern, dabei lächelt sie ganz entrückt, immer wieder. Die Schuhe glänzen  schwarz wie Melasse. Am Endpunkt treffen sich, wie an jedem Morgen, die Kollegen, die in derselben Bahn  saßen. Heute ist gestern der britische Kollege – Waliser aus Schottland oder Schotte aus Wales, ich merke es mir nicht mehr – eingebürgert worden. Wir gratulieren und machen einen Witz über irgendetwas Deutsches, beim Einsteigen pfeifft der eine, seinem Gesangstouretteimpuls folgend, die ersten drei Takte von Rule, Britannia!. Er hört es aber nicht. Im Bus reden wir darüber, ob es bei dem Hof, der die Eier verkauft und jetzt auch Erdbeeren anbietet, Spargel gibt.

Wieviel Maurer noch bei den Freimaurern logieren

Am Morgen stehe ich an der Bushaltestelle, gegenüber der Reitstiefel-Schuhmacherei. Der üblicheste Verkehr wie an jedem Freitagmorgen. Es kommen sich auf den gegenüberliegenden Spuren ein roter und ein grüner Betonmischlaster entgegen — sofort die Idee, dass die beiden Fahrer sich eigentlich grüßen sollten, da sehe ich auch schon, wie der eine mit einem speziellen Handzeichen den anderen erkennt. War das jetzt ein geheimer Freimaurergruß? Betonmischlasterfahrer stehen den Maurern ja nicht weit entfernt, wobei die Frage bleibt, wieviel Maurer noch bei den Freimaurern logieren, in dieser Zeit der Fertighäuser. Vorerst war es also ein Betonmischlasterfahrergruß.

 

Eine Woche fast lag der Brief nun bei mir herum, insbesondere aufgrund eines Wortes, dessen ich mir nicht so recht sicher war und das mir also quer in den Gedanken herumging, sodass ich die Kopie zunächst auf das Telefon übertragen musste, um den Brief dann, am Donnerstag, auf dem Weg zur Arbeit, nochmals zu lesen und dann am heutigen Freitag (morgens) letztenendes einzuwerfen.

Der Getränkemarkt, vor dessen Schaufenster der Briefkasten steht, hat eben dieses von innen fast vollständig mit Plakaten verklebt, die sich um Aufführungen des hiesigen Schauspielhauses, Kinder-Musicals, Atelierrundgänge, Literarischer Salon und sonstige kulturelle Angelegenheiten drehen.

Als ich, an der Rückwand des Toilettenhäuschens vorbei und über die Fußgängerampel, wieder an der Haltestelle stehe, fährt ein in diesem Ostblock-Himmelblau lackierter Trabant Kombi mit dem trabbitypischen Geräusch vor mir die Podbielskistraße quer herunter, von links nach rechts.

Die Uhr blieb stehen, nicht die Zeit

Heute Nacht kam dann endlich der ersehnte Regen, wobei es wohl auch blitzte und krachte, dass es gut war die Ohrenstopsen zu tragen. In der letzten Woche hatte ich R. ja welche dsvon geschickt, in einem Brief, nun weiß ich nicht ob die ankamen denn ich hörte nichts. Sie hatte diese zum Mitbringen in Auftrag gegeben aus einer Stadt im hohen Norden, die ich kürzlich besuchte und in der es angenehm warm war, zu dieser Zeit bereits. Am morgen lag dann noch der Dampf des Gewitters auf den Feldern und die luft war aber angenehm kühl, verglichen mir der Hitze der vergangenen Tage. Würzig roch sie. All diese vergessenen Gedanken sie hinterlassen Leerstellen, winzige, die aufzufüllen sehr schwer sein kann, und in der letzten Zeit kamen einige hinzu.

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Aufpassen müssen wir, dass die Zahnpasta nicht explodiert wenn wir vorher Kindercola getrunken haben. Alle Erwachsenen essen Kirschen bevor sie Schwimmen gehen.

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Bei Rewe gibt es keine Sammelbilder mehr, eine Woche vor dem Turnier. Die Kinder sind enttäuscht, mir ist es egal wie nichts. Draußen auf dem Parkplatz, beim Hähnchengrill, fragt eine Frau den Grillhähnchenverkäufer, wie spät es jetzt wohl wäre, erzählt dann, als Begründung oder Entschuldigung, aber vielleicht nur um etwas zu erzählen, dass ihre eigene Uhr nämlich stehengeblieben wäre.

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Ich weiß wirklich nicht mehr, wann all dies gewesen sein könnte, irgendwann in letzter Zeit jedenfalls.

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Beim Blick in den Kochtopf fragte ich mich, ob die Löcher, die sich im Reis während des Kochens bilden, die durch die aufsteigenden Luftbläschen entstehen und kleine Tunnel sein dürften, auch so gleichmäßig verteilt wären, würde der Top etwa auf einem offenen Feuer stehen oder an einer Kette über einer Feuerstelle hin- und herpendeln.

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Nebenbei (wie so alles nebenbei gemacht wird) drucke ich die gesammelten Rezepte neu aus, denn sie wurden vielfach gekocht und das sieht man den Blättern jetzt an. Recherchiere sie noch einmal, wenn es noch keine Druckvorlage gibt und sortiere sie dann in Klarsichtfolien

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Am Morgen bespricht eine Frau, die auf dem Einzelsitz schräg rechts hinter dem Busfahrer sitzt, die Rathausaffäre mit diesem. Sie sind sehr wohl einer Meinung.

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Das Lied der Amsel dauert den Frühling, Sommer und den Herbst.

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Auf der Arbeit nachgeschaut, wie die Abkürzung von „Unter Umständen“ richtig geschrieben wird: u. U.

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Als ich durch den schönen grauen Morgen am Kanal entlangfahre, liegen die Schiffe Annabelle und Alina hintereinander am Ufer. Kanalschiffe haben oft Namen, die an Frauengestalten im Schlager erinnern.

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Das jedenfalls notierte ich am letzten Freitag

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Am Nachmittag scheint die Sonne. Es sind jetzt die Bäume und die Büsche , das Gras usw., in schönstem Grün aufgeschrieben.

Menschen in der Stadt

Der Kiosk hat ein Verkaufsfenster für die Vorbeieilenden und einen Laden, in dem ich stehe. Am Fenster der Einarmige in der Jeansweste, der einen anderen Akzent hat als der Mensch im Kiosk, möchte ein „Chindeler“, der Kioskmann versteht aber nur „Krombacher“. Ich hole ein „Lindener“ aus dem Kühlschrank, halte es dem Einarmigen hin und frage, ob er das möchte. Der nickt. Kioskmann und Einarmiger zufrieden.

Die Bahn, mit der ich jetzt fahre, fährt zu einer Haltestelle, an der sowohl die ‚Swiss Life‘ als auch die ‚HDI‘ große Niederlassungen haben. Gestern saß mir schräg gegenüber eine Frau im schwarzen Kleid, die hatte eine Tasche dabei, auf welcher, über die ganze Tasche verteilt, die Buchstaben „MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK“ geschrieben standen. Auch hatte sie kürzlich einen teuren Friseur besucht und las in der Zeitschrift „Glanour“. Ein Mann im Jeanshemd, ausgetretenen Schuhen und mit halber Glatze, der hinter ihr Stand, las unbemerkt und interessiert mit. Mir direkt gegenüber eine Dame, die eine ganz ähnliche Mode trug wie die Glamour-Frau, nur in der Ausführung nicht ganz so glatt. Aus der Tragetasche neben ihr ragten Blumenköpfe.

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Am Abend stieg ich an der Noltemeyerbrücke aus, gleich steht dort auch ein Mann mit einem knallblauen Turban auf dem Kopf, mir gegenüber an der Fußgängerampel, außerdem Holzfällerhemd, Stone-Washed-Jeans, Turnschuhe und ein grauer Bart. Das war am 28. August diesen Jahres.