Tungsten Pentachloride

Die Kälte macht mit mir, dass ich mich gerade sehr lebendig fühle, auch wenn sie mich anstrengt. Ich bewundere die Vögel, diese kleinen Wesen, wie sie es schaffen nicht zu erfrieren. Am einem Morgen, bevor es kalt wurde, hörte ich die Amsel zum ersten mal singen. Momentan hört man aber nichts davon, welchem Vogel jetzt der Baum, der Busch, der Giebel und die Antenne auf dem Dachfirst gehört. Das fängt dann wieder an. Am Abend noch einen kurzen Weg mit dem Fahrrad gefahren, um Wein und Bier und Milch und Butter zu kaufen. Zwei Meisen flatterten durch die Birkenzweige, als ich das Rad an der Laterne vor dem Haus anschloss, als wenn nichts wäre, ungewöhnlich leise war ihr Zwitschern jedoch. Via Mail wird mir Tungsten Pentachloride angeboten.

Gestern oder heute sagte ich zu den beiden Kollegen, dass dieser plötzliche Winter für mich ein wenig eine Normalität wieder herstellt. Dabei das latente Wissen, das es sich gewissermaßen um eine Simulation handelt und dass das Eis am Nordpol trotzdem weiter schmilzt. Jeden ersten Augenblick der dunkle Abgrund der Dystopie, der seinen gierigen Schlund unter den Füßen aufsperrt, jeden zweiten Augenblick die glitzernde Welt der Science-Fiction, in der die Maschinen endlich unsere Arbeit machen.

Ganz umhüllt sind Deine Schritte

So haben die Krähen Dir das Lied gesungen an diesem frühen Morgen in der letzten Januarwoche des Jahres 2018. Mit Schritten, die bald nicht mehr Deine sein würden, liefst Du in das Dämmerlicht hinein, den Schatten auf der Seele nachspürend, weil dieser Morgen noch unsicher ist, nicht ganz vorhanden und passiert, als wenn es kein Morgen gäbe.

Als würdest Du durch Schnee laufen klingen Deine Schritte, bis Du stehen bleibst und der frühen Amsel die Straße und den Morgen lässt. Hier kommen die Krähen vom nahen Stadtwald herüber, überfliegen die Villen aus dunkelrotem Backstein (wie geronnenes Blut), in ganzen Schwärmen sitzen sie in den Wipfeln und singen das Lied vom Winter und den Menschen. Ganz umhüllt sind Deine Schritte und ist die ganze Dämmerung vom Krähengesang und wenn es dann so kommt, wie es kommen muss, wieviel essen sie von uns und wieviel andersrum?

[Einmal für drei Monate]

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In dieser Stadt liegt noch eine ganz andere, große Stadt, von der ich wirklich nur etwas geahnt habe und die ich nur durchquerte, bis jetzt, bis ich jetzt, beim erneuten und sozusagen fast täglichen Wiederholen der Durchquerung bemerke, das diese Quartiere eine ungeahnte Ausdehnung besitzen und das die Stadt in Gänze viel größer ist, als immer angenommen. Ich glaube, dass sich noch viel mehr überraschende Urbanitäten in allen Himmelsrichtungen finden könnten. Heute auf dem Weg nachhause die Idee gehabt, dass es wirklich ganz schön wäre, einmal für drei Monate in einem anderen Stadteil wohnen zu können, und dann wieder für drei oder vier Monate in noch einer ganz neuen Gegend. Das wird jetzt so eine Idee sein, die mich jahrelang verfolgen wird, das weiß ich jetzt schon. So legt man sich eine fixe Idee nach der nächsten in das Kästchen hinein, bis endgültig angebaut werden muss. Ende der Durchsage.

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Die Fotos passen nun noch nicht wirklich, da ich mich noch nicht getraut habe, einfach die Kamera oder das Telefon im vorrübergehen zu gebrauchen, beiläufig und verwackelt, um das Zittern zu kaschieren, im Dämmerlicht.

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Vielleicht das ich die Fotos dann einfach gegen andere austausche, es wird ja eh niemand bemerken.

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Denn was gegen alle Gegenden jenseitz der Bödeker bzw. Ferdinand-Wallbrecht spricht ist doch: Sie sind einfach zu weit entfernt von der Calenberger Neustadt, der Nordstadt und Linden. Aber für jeweils drei Monate, das könnte gehen. Man müsste natürlich die Wohnung behalten können.

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Und einmal hier drin kommst Du nie wieder raus, es sei denn Du bist Snake Plisken

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Begleitreise oder Jäger haben keine Schäferhunde

Wolfsburg, eine Stadt, gebaut für eine Zukunft, die es nie gegeben hat. Mehrfach. Dann weiter nach Braunschweig, wo die Architektur gleich anfängt, harziger, also hölzerner, zu werden. Termin in einem Geschäft in der Nähe des Schloßes. Scheinbar aus Feldsteinen gebaute Brückenbögen überspannen die von beiden Seiten mit Bäumen, also Wald, bestandenen Straßen.

(Gleich kommt ein von einem Deutschen Krokodil gezogener D-Zug über die Brücke gefahren. Ein Trupp Jäger mit Schäferhunden tritt aus dem Wald auf den Bürgersteig neben der Bundesstraße).

Dann auch noch in Wolfenbüttel gewesen. Kaffee und Brötchen in einem Bäckerladen im Edeka. Die vergessene Frau, die traurig und ein wenig feindselig schaut, und einen Latte Macchiatto aus einem übertriebenen Glas trinkt. Ein Student telefoniert mit dem Handy, um sein Referat über Brand Strategy zu besprechen.

Die Stadt gibt sich Mühe mit der Traurigkeit

20170925_182708.jpg – Lister Platz

Auf der Lister Meile im leisen Regen versucht ein Bettler, sich ein paar Euros zusammen zu sammeln, auf dem Rücken trägt er einen Klapphocker mit sich herum. Gleich fängt ein Straßenmusiker an, »My Heart Will Go On« zu intonieren, der vor der Sparda-Bank unter einem knappen Vordach steht, die Stadt gibt sich Mühe mit der Traurigkeit und dem Grau. Wenig später steige ich in den Bus und bin froh darüber, einmal wieder mit diesem Bus zu fahren, durch diesen schönen Stadtteil, ich schaue aus dem Fenster. Schräg gegenüber auf der anderen Seite des Gangs sitzt ein alter Mann, der sich hustet und räuspert als wolle er auf sich aufmerksam machen, aus den Augenwinkeln habe ich vielleicht schon ein merkwürdiges Grinsen gesehen. Eine Frau steigt ein und fragt den Fahrer, ob er weiß, wo die Robertstraße wäre. Was soll da sein? … Eine Pizzeria. … Nein, tut mir leid, weiß ich nicht. … Ach sie fahren ja hier um die Ecke, uh, dann muss ich jetzt aussteigen … dreht sich um und der nach unten gehaltene Regenschirm spannt auf und verhakt sich mit umgedrehtem Schirm unter den Sitzschalen, dann klappt sie den schnell zu, woraufhin dem Mann auch einfällt, dass er hinaus muss und er geht ihr hinterher. Er hat einen mintfarbenen, mechanischen Schmutzaufnehmer dabei, ich sehe es jetzt erst, als er den Bus verlässt.

Heubüschel vom Himmel

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Heute auf der Arbeit schwebten minutenlang Heubüschel vom Himmel hinab, ich konnte garnicht aufhören, mir dieses merkwürdige Schauspiel anzuschauen und zu denken solang es keine Frösche sind. Die Stellfläche des Logistik-Unternehmens gegenüber war gesprenkelt von diesen unverhofften Schwebeteilchen.

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Die Mutter schickt per Textnachricht die Meldung hinüber, sie habe Bolognese und Huhn eingekocht.

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Einer dieser Tage also, an denen der Himmel so hell erleuchtet ist, dass sich das müde Herz überlegt, vielleicht doch gleich zu sterben, weil es besser nicht mehr werden kann. Wie in jedem Sommer mehrmals, je nach Sommer.

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Der Bussard, der noch nicht vertrieben ist im neu entstehenden Gewerbegebiet, umkreist die langsam abwärts gleitenden Fremdkörper.

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Am Abend endlich an der Noltemeyerbrücke gewesen; Das der Friseur mich nicht mehr vorlassen wollte, war nicht weiter schlimm, die Gegend war wie eine andere Stadt und der Mittellandkanal. Eine neue Filiale eines Pizza-Franchise feiert sich noch selbst mit bunten Ballonen und einem schönen Fettgeruch, der das Gefühl der Fremdheit nur verstärkt, dass ich hier habe und gut finde. Unverhoffterweise ergeben sich neue Zusammenhänge und Knotenpunkte allerorten.

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Fast wie Blasen im Raum erscheinen Déja-vus, als könnte ich mich innerhalb der wenigen Meter, die sie beinhalten, bewegen wie in einer anderen Welt, würde ich es nur wagen.

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Aus der Mieterzeitung habe ich einen Artikel ausgeschnitten, in welchem über ein 19-stöckiges Gebäude in einer dieser vollkommen unbekannten chinesischen Millionenstädte berichtet wird, in welchem im sechsten bis achten Stockwerk eine S-Bahn-Station eingebaut wurde.

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Ich glaube das war das letzte Fragment, nach dem ich noch suchte, bevor dies hier veröffentlicht werden konnte. Falls ich mich geirrt haben sollte, wird mir dies sicher im Morgengrauen einfallen. Dann wird es auch gut sein.

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