Im Hinterhof singt das Rotkehlchen, vorne, auf der Straße, singt der Laubbläser. Später am Morgen eine kurze Besorgungstour, mit dem Pulli durch die noch etwas zu kühle Luft. Zwei Banken und ein Tchibo. Vor dem Tedi an der Vahrenwalder schiebt eine Frau mit einem Hubwagen eine Palette bunter Bälle auf den Gehweg.
Stadt
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im bahnhof steht einer mit dem rücken zum geländer eines lichtschachts zur einkaufsmeile unter der erde und hält eine rede mit lauter stimme „kann sein ich bin dagegen allergisch ich weiß es nicht ich mag zum beispiel morgens keine wurst dann schenkt dir einer ein salamibrötchen dann stehste doof da“.
grand hotel: auf dem französischen balkon vor seinem zimmer steht ein mann im weißen bademantel und schaut auf sein handy. [25. 3., zwischen viertel nach sieben und halb acht]
architekturwettbewerb »dystopisches bauen«, 1. platz
wir bauen an unserem schönsten dystopia im verlorenen land zwischen müllverbrennung und moor. die punks sind fort und mittlerweile auch der eine hoffnungsvolle bauwagen, der stehen geblieben war. an seiner stelle stapeln sich nun zweistöckig ausrangierte wohncontainer. an einem steht „container 1 2300 c“, an einem anderen „not an entry“. einige paare schuhe sind in den zweigen der bäume hängen geblieben und einige dämonen wohl auch. neue sind hinzugekommen, davon ist auszugehen
Aus den Briefen – 23.2 –
Mit großer Freude habe ich Springweg brennt gelesen, insbesondere auch deshalb, weil wir erst kurz davor in U. waren, wie Du ja weißt. An das Hotel wo früher das Duitse Huis war und den Mariaplaats kann ich mich sehr gut erinnern. Ich hatte aber auch das Gefühl, die Menschen, die Du beschreibst, ein wenig zu kennen, von früher, aus einem anderen Leben, vielleicht. Die Art von Menschen. Diese Leute, die einfach in keine Schublade passen. Beim Bürgerradio hier in meiner Stadt habe ich ein paar davon kennengelernt, aber auch anderswo, auf dem Weg. Auch die Sache mit den Gespenstern kann ich gut verstehen. Hier auf meinem Arbeitsweg wurde ja kürzlich ein gruseliges Haus im Moor neben der Müllkippe von Punks bezogen, da musste ich auch an alte und neue Dämonen denklen. ich schrieb einen kurzen Text darüber. Ich glaube aber, sie sind nicht mehr dort, obschon der Bauwagen immer noch auf dem Grundstück steht.
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[Markus Pfeifer (besser bekannt als mequito): Springweg brennt — edition schelf, 2025]
Nachts leuchten die grellen Lichter der Verbrennungsanlage herüber
Im gruseligen Haus, im Moor neben der Müllkippe, wohnen jetzt die Punks. Die alten Dämonen sind noch da und jedes bringt ein oder zwei Neue mit in den gemeinsamen Haushalt. Derweil verwandelt sich das Grundstück langsam in einen Außenposten der Kippe, zwischen dem sich ansammelnden Schrott und Müll stehen ein oder zwei Bauwagen. In die Zweige eines Baumes haben sie Schuhe gehängt und Sonntags reiten sie mit ihren Pferden aus. Am Zaun zur Straße hin noch ein Schild mit einem Hinweis auf Videoüberwachung.
Letzter Arbeitsweg im Jahr
Bei der Ohrenärztin gewesen. Durch die Lister Straße, dann Lister Damm zum Kanal. Stromumspannwerk. Der Wagenplatz an der Kanalbrücke, ein Hüttendorf, es gibt eine bunte Lichterkette und möglicherweise wird mit Schrott gehandelt. Kannte mal eine, die hier gewohnt hat, Jahre, Jahrzehnte her. Andere Leben. An der Brücke fliegen die Tauben hoch und eine Krähe hockt auf dem Durchfahrt-Verboten-Schild und singt. Möwen auf dem Kanal. An der Swiss Life sage ich dem Hasen auf Wiedersehen und den Schafen, die noch auf der Weide stehen. [11.12.24]
Am Abend des 8.6.2024
fuhren wir mit dem Fahrrad vom Stadtrand nachhause in die Innenstadt zurück. Lindener Hafen, Kanalbrücke am Eichenbrink, Leine, Nordstadt. Die Stadt pulsiert von Musik, überall sind junge Menschen unterwegs, kein bißchen Weltuntergang. [8.6.24]
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einige von ihnen klingen als seien sie mit möven zur schule gegangen. am himmel die dünne sichel neumond, später. [8.1.24]
Sonder mijn heele team kan ik dat niet doen
sagt die Frau im Radio und ich verstehe jedes Wort sofort, fast schon ohne es zu übersetzen, und noch einiges mehr in dem Beitrag, längst aber nicht alles.
Wenn man eine Stunde vor Sonnenaufgang da ist, kann man hören, wie einzelne Vögel nur mit dem morgendlichen Getöse beginnen, über den ganzen großen Platz verteilt sitzt in jedem der Bäume eine Krähe. Sie rufen sich zu, sie machen sich bereit, sie rufen ihre Freunde.
Höre das Album Janus vom ehem. Netlabel Stadtgruen und vielleicht mache ich das jetzt den ganzen Januar hindurch. [4.1.24]
An einem Donnerstagabend gegen halb sechs
An Vier Grenzen hat vor einer Weile ein sog. Wucherpfennig Deli aufgemacht, ein kleiner Supermarkt mit gekühlten einzelnen Flaschen Bier und einem Bäckerladen mit ein paar Tischen unter Sonnenschirmen vor der Tür. Es war vielleicht nicht so geplant, dass sich Monteure in blauen Arbeitshosen und neongelben Jacken ein Bier kaufen und sich dann, zum Schutz vor dem Herbstregen, der in die Abenddämmerung fällt, unter diese Schirme setzen und sich zuprosten, an einem Donnerstagabend gegen halb sechs.
Wenn Nachmittagsunterricht war, sind wir oft zum Wucherpfennig gegangen, um uns eine 5er-Packung Schokoriegel zum Mittagessen zu kaufen, anstatt in der Schulküche zu essen. Das allerdings war kein Deli sondern ein kleiner EDEKA Laden in der Südstadt. Wir saßen dann gegenüber auf einer Vorgartenmauer, was den Hausbewohnern nicht so gut gefiel, erstens, weil wir jung waren und sie alt und zweitens, weil die eine oder andere Schokoriegel-Umverpackung auf ihrem gemähten Rasen landete.






