Kurz knistert und glitzert

Die aufgeschnittene Zwiebel (wer wollte sie umständlich häuten?) kann auf dem Brettchen in der Küche liegen, neben einem Stück Zitrone. Im Radio ein schwerer Dub aus Hamburg.

Manchmal Mord und Totschlag in den Träumen, manchmal unbekannte Gegenden in der Stadt, die bunten Häuser an der Hildesheimer bspw., mit dem Fahrrad in die Rabatten beim »Alten Haus Lans«.

Heute spielte der Akkordeonspieler auf dem Wochenmarkt „Que séra“ und letztes Mal „La Vie en rose“. Heute spielte ein Gitarrespieler auf dem Wochenmarkt „Streets of London“.

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Unrasierte Tage, blasser Schimmer. Sprich nicht in Zungen von der Liebe. Wickel stattdessen den Fisch von gestern ein in die Zeitung von morgen. Kurz knistert und glitzert die Stadt auch in Zeiten von Pandemie und Lockdown, in denen nichts passierte, außer die Schiffe den Kanal und die Tomaten im Tetra Pak.

Seattle Hot Girls

Wir mussten einen Al·go·rith·mus berechnen, wobei mir auffiel, dass wir ja ohne Mund-und-Nasen-Maske viel zu dicht zusammen in der Klasse saßen, woraufhin ich mich bei meinem Sitznachbarn, ich glaube T.W., entschuldigte und sagte ich würde gleich die Maske aufsetzen. Dann fiel mir auf, dass ich die Aufgabe nicht würde lösen können, was mir aber egal war, denn die Zeit der unlösbaren abstrakt-mathematischen Probleme war, soviel wusste ich immerhin noch, endgültig Vergangenheit. Dann sollten wir in einem Eishockeyspiel gegen eine andere Schulauswahl antreten. Schon auf dem Eis mussten wir alle zunächst ausprobieren, ob das mit dem Bremsen noch klappte und nahmen kurzen Anlauf, um dann durch Schrägstellung der Kufen zu bremsen, dass das Eis nur so stob. Das gegnerische Team, stellte sich dann heraus, war aber kurzfristig ausgefallen, deshalb sollten wir gegen ein professionelles Juniorteam aus den U.S.A. antreten, nämlich die Seattle Hot Girls. Die waren auch schon auf dem Eis, sie hatten alle Haarsprayfrisuren, jedenfalls die zwei Frauen, die ich sah, und begannen, sich aufzuwärmen. Ich musste noch die Schlittschuhe anziehen

Natürlich gab es Schwierigkeiten mit den Schnürsenkeln. Die Seattle Hot Girls waren zwischenzeitlich zu einem reinen Männerteam metamorphosiert, und um die Gegner ein wenig in Verlegenheit zu bringen, sangen wir den Refrain des Liedes „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“. Dann stakste ich auf dem Kufenschutz am Spielfeldrand herum, und als das Spiel endlich losgeht, habe ich wieder garkeine Schlittschuhe an. [aufgew.].

Ich war durch einen Wald gegangen

Ich will jetzt doch noch diesen Traum aufschreiben, weil er mir nicht aus dem Gedächtnis geht, was schön ist, denn ich hatte Angst, zu vergessen. Bevor es doch noch passiert und am Ende nur noch ein Bild übrig ist, es sind wohl schon weniger geworden. Ich war durch einen Wald gegangen und zu einer Siedlung gelangt, in der sich viele Menschen aufhielten. Es fand eine Art Feier statt. Ich kannte wohl auch ein paar der dort Anwesenden, so erfuhr ich, dass es sich um die Vorbereitung zu einer Feier handelte, die — so ist es ja oft — tatsächlich schon ein Teil der Feier war. Es war das jährlich stattfindende Fest der Waldmänner, von denen auch einige dort durch die Gegend liefen. Es waren kleine Wesen, vielleicht einen Meter und vierzig oder fünfzig, die größten vielleicht und 60 cm groß, die lange, ungepflegte Bärte trugen, welche nach unten spitz zuliefen. In einer horizontal gespiegelten Symmetrie hatten sie, ergänzend dazu, spitze Hüte auf, die alle eher dunkelbraun, schwarz oder dunkelgrau waren. Sie würden schon bald in den Wald gehen und dann, jeder für sich, auf sehr hohen Stelzen, also etwa auf Höhe der Wipfel oder noch darüber, mindestens einen Tag und eine Nacht lang ausharren. Danach würden sie zurückkommen und das Fest würde weitergehen.

 
Ich selber war, aus irgendeinem Grund, etwas unruhig und auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit, wollte andererseits aber auch gerne noch bleiben. Ein freundliches Echsenwesen kam an mich herangetreten, mit einem Maßband in den Händen, und maß dann meinen Kopfumfang aus. Diese Wesen sind die Begleiter der Waldmänner. Die Siedlung befand sich offenbar auf einem Berg oder an einem Hang jedenfalls. Ein paar Schritte weiter, am Dorfrand, befand sich eine dichte Hecke, aber nur so hoch gewachsen, dass ich noch drüberschauen konnte. Hinter der Hecke war die Drachenweide, auf einer abschüssigen Wiese, die am Abhang in das Tal gelegen war. Ich weiß nicht mehr, ob ich einen der Drachen zu Gesicht bekam, alles andere auch nicht. Irgendwann wohl [aufgew.].

Schleudergang und Haushaltsleiter

Im Radio wird gesagt, es wäre nun Neumond und dann spielen sie ein furchtbares Lied von der furchtbaren Band Bosse, in dem das Wort Mond vorkommt, weshalb ich das Radio ausmachen musste. Gestern als Worte in das Netz geschrieben wurden lief in der Nachbarwohnung der Schleudergang der Waschmaschine an und erzeugte einen Rhythmus auf der in meinem Zimmer an der Wand angelehnten Haushaltsleiter. Glücklicherweise war das Tonbandgerät bereits aufgebaut, so in etwa.

Bald wird auch noch zu hören sein vom Rasenmäher und Fahrradsattel. Heute im Zoo gewesen.

Zu der Suchanfrage „Herrndorfstraße“ wurde in Google Maps nichts gefunden

Nachdem ich in der vorletzten Nacht, im Traum, wieder unverhofften Besuch bekommen hatte, dann gestern Nacht an einem mir noch unbekannten Ort der Stadt gewesen mit ganz wunderbaren und erstaunlichen Gebäuden, deren geschwungene Ziegeldächer speckig und rotbraun in der Sonne glänzen. Dorthin gelangt auf einer bis dahin unbekannten Bahnstrecke, auf welcher die Bahn eine erstaunlich sehr steile Abfahrt von einer Brücke nimmt. Ich mache eine Bemerkung zu der Straßenbahn-Fahrerin, irgendetwas mit Achterbahn. Ich habe mein Fahrrad dabei und steige an der Station Herrndorfstraße aus und sehe gleich das schöne Haus, dessen Dach ein wenig an einen Reptilienrücken erinnert, ein Gürteltier, vielleicht. Ich gelange in eine düstere und mit Staubfangtüchern verhangene Straße, in der mir gleich ein in Lumpen gekleideter und mit wirren Worten sprechender Mensch entgegenkommt, sodass ich gleich umkehre. Bemerke, wieviele Touristen in dieser Gegend sind und überlege, was die wohl in der Stadt machen mögen, jetzt, da doch alles geschlossen ist. Ein Dönerladen verkauft immerhin etwas zu Essen durch ein geöffnetes Fenster. Auf einem an einer Straßenecke stehenden Stadtplan steht folgerichtig „Nova Zona Touristica“, um diese Gegend zu bezeichnen. Es wird trotz des Ausnahmezustands einiges geboten, Straßenbahnen, die ich aus Kindheitstagen kenne, kutschieren die Besucher durch die Gegend. Ich kann mir gerade noch den Namen der Straßenbahnstation merken, denn ich habe vor, hier noch einmal herzukommen und dann den Fotoapparat mitzunehmen. Dann [aufgew.], froh über die schönen Bilder, die ich am letzten Rest der Nacht noch mir ausdenken konnte. Ich hatte tatsächlich den Wecker auf 7 Uhr vorgestellt, zuvor, fühlte mich dann in dieser Entscheidung zusätzlich bestätigt.

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Ich fahre ja z. Zt. aufgrund des Bestrebens, möglichst vielen Menschen möglichst weiträumig aus dem Weg zu gehen, mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das Rad müsste zum Schrauber, denn im Kugellager hat sich offenbar ein kleiner Schwarm mechanischer Spatzen niedergelassen, die mein Treten mit rhythmischem Spatzengezwitscher begleiten. Mein Arbeitsweg führt mich jeden Morgen und jeden Abend durch das Moor. Es ist bereiter denn je, sich das Land wiederzuholen. Schon lassen sich die Gänse auf dem Fußweg am See nieder.

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Das Modell eines fernen Planeten

Ich habe außerdem eine Schreibtischlampe, eine weiß lackierte von IKEA, die mit den Metallfedern, auf denen man auch Musik machen kann, und sie hat einen Batman-Aufkleber auf dem Schirm. Daran hängt eine Christbaumkugel, die, wie ich gerade erst bemerke, das Modell eines fernen Planeten repräsentiert, mit großen Kontinenten und Ozeanen.

Getarnt als nasser Hund,

 
wiederum regenbedingt, hatte ich mich am Samstag an einen noch unbekannten Ort bewegt auf dem scheppernden Rad und zwar, um ein Koncert der Formation WNU zu hören. In einem Hinterhof in einem sehr nahe an der Innenstadt gelegenen Industriegebiet, in dem naturgemäß die Umsätze in ihrem Wachstum mit dem der Nachtschattengewächse im Wettberwerb stehen, und wie sollte es auch anders sein. Der Regen, der seit Tagen ergiebig auf die Stadt herunterkam, hatte mich fast zur Umkehr bewogen, allerdings dauerte die Fahrt 1.) nur ungefähr 10 Minuten und 2.) hatte ich ⅓ der Musiker mein Kommen versprochen, und am Ende war es dann nicht weiter schlimm.

WNU sind Wilson Novitzki (Gitarre), Nils Schumacher (E-Bass) und Uli Hoffmann (Schlagzeug)

Denn da saß also ich als der nasse Hund und hörte zu, wie man sich schöne Songtitel ausdachte (»Nacht der Algorithmen«) und noch schönere Komplexitäten zusammenimprovisierte, sodass das Denken verwinkelter Zusammenhänge, zumindest für die Dauer des Koncerts, eingestellt werden konnte. Projektionsflächen aus Tönen zogen sich durch den Raum, der ansonsten voller Bilder war, die jedoch nicht alle zu hängen gekommen waren, sondern in an die Wand gelehnten Stapeln standen. Ein Plakat kündigte einen Maskenball direkt nach Beginn der Fastenzeit an. Es war natürlich viel lauter, als die Stücke auf der Soundcloud-Seite sich anhören. Zwischendurch, beim zuhören, tatsächlich für einige Momente aus der Zeit gefallen, was ja immer besonders schön ist. Häufig.

Hier noch ein kurzes Video der Formation von einem Auftritt in Berlin

Der christliche Glaube der Sponsoren

Die Dohlen und die Krähen fliegen gemeinsam ein Stück des Weges am Morgen, sie rufen sich zu in ihren unterschiedlichen Lauten und der Wind. Später dann auch Gänse in der Luft, sie fliegen schräg in Richtung der nahen Autobahn über die Felder in Richtung des Sees. Tatsächlich am Abend, als ich aus dem Gebäude in das Dämmerlicht trete, dann riecht die Luft wie der Bonbonstand auf dem Jahrmarkt nach süßem Pfefferminz. Auf einen Tieflader werden zwei Unfallwagen verladen für den Export, in den Kofferraum des einen laden Menschen noch Koffer und mit schwarzer Folie umhüllte Pakete. Im Kreisel sitzt eine Elster im hohen Gras, das die Gemeinde hier stehen lässt. Weiterhin stehen auf dem Kreisel aus rostigen, metallenen Platten geschnittene Silhouetten, die repräsentieren sollen: einen Feuerwehrmann, ein Mädchen auf einem Pferd, eine Frau, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem Nudelholz in der einen Hand und einer Maske in der anderen, ein fußballspielender Junge und ein kleines Mädchen mit Röckchen und auch einem Ball, in ihren Händen.

So sind hier die Zeiten eingeordnet. Nicht weit entfernt, vielleicht eine drei¼ Stunde mit Bus und Bahn, wohnt einer, der nur mit besonderen Wassern malen kann, aber malen muss er. Da ist das eine Bild von einem großen Fisch, das er malte mit Wasser aus einer Wärmflasche. Dann ist da das Bild von einer großen Katze mit einem buschigen Schwanz, sie sitzt in der Fensterbank nnd schaut wohl aus dem Fenster hinaus. Dieses Bild wurde gemalt mit einem Rest Wasser, welches aus einer Flughafentoilette in Amsterdam-Schiphol stammt. Der überwiegende Teil wurde aber benutzt, um damit eine Sukkulente zu bewässern, die auf derselben Fensterbank in einem zu engen Topf steht, auf der die gemalte Katze gerne sitzen würde, um in den Hinterhof hinaus zu schauen und die Menschen in den gegenüberliegenden Fenstern zu beobachten. Diese Katze hat kein Notizbuch.

 

Auf dem Kanal die Schiffe Alina (am Morgen, festgemacht zwischen Brücke und Brücke), dort im Vorbeifahren ein Blick in das erleuchtete Küchenfenster, was es wohl zum Frühstück gibt auf so einem Kahn, am Abend dann die Polaris und die Franziska, letztere kein langes Schiff, sondern eine in verrostetem Blau-Gelb gemalte Schiebeeinheit, welche große, tief im Wasser liegende Behälter in Richtung Schleuse Anderten schob. Heimathafen Berlin.

Die Tabernakel der dunklen Begierde, das Sägewerk der guten Wünsche und die Gänse, heute wieder in der Luft. Bitterer Wermuttee in meiner Tasse, an den schweren Abenden.

Die Lesebrille, die mich jetzt immer begleitet und die immerzu von den fettigen Fingern verschmutzt werden wird, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Einer der andauernd sendenden Bildschirme vermeldete die Taufe eines Zwillingspaares von Pandabären in Belgien — die Katze auf der Fensterbank notiert daher in ihr imaginiertes Notizbuch, sie würde es durchaus begrüßen, wenn man bis zur Volljährigkeit warten würde, und die Tiere dann selbst entscheiden könnten, ob sie den christlichen Glauben der Sponsoren annehmen möchten.

Was kann ich denn dafür, wenn die Katze das denkt.