Mit einem Wimpernschlag

Im Blog-Backend klicke ich auf aktualisieren gerade eben und lasse zwei Plugins sich auf die neueste Version bringen, währenddessen holle ich noch ein Bier aus der Küche. Im Radio läuft ein Johann-Strauß-Potpurrie allen Ernstes und auf der Fensterbank der Ventilator. Das Twitter bringt Bilder aus dem Goncourt-Blog unter dem Titel [Société du soleil], dort ist ein Gedanke notiert, den ich jedenfalls gut kenne und verstehe und mir das auch schon überlegt habe.

Dabei werden die Chancen jeden Tag aufs Neue ausgewürfelt und der Zufall ist nicht vergesslich, er hat nicht einmal ein Gedächtnis. Wäre oft gerne mehr Zufall.

Vor einigen Tagen im Drogeriemarkt eine Lesebrille gekauft. Und die Hitze. Es ist, als liefen wir durch eine Unwirklichkeit. Dennoch immer noch jeden Tag alles zu machen, was der Tag einem nun einmal abfordert. Alles flimmert leise vor sich hin, die Vögel sind ruhiger. Menschen erscheinen einem vor den Augen und verschwinden wieder, sie sagen ein paar Worte dazwischen, die ich garnicht hören kann. Kaum schreibe ich das mit den leisen Vögeln auf, spielt das Radio das dazu passende Lied als einen kitschigen Ersatz. Das ist jetzt der Sommer mit den Fledermäusen und ich muss nicht die Gedanken bis zum Ende aufschreiben, es ist ja doch bekannt, was gesagt werden soll.Ich kann sie alle hier nebeneinander auf den Bildschirm legen und dann ergibt sich alles. Gestern mit einigen wenigen Ehemaligen in einem Biergarten am Rande des Stadtwalds getroffen. Alle hatten Bierdeckel auf ihre Gläser gelegt, um die Wespen fernzuhalten. Die Wespen aber, sie sind ein wenig wie wir sind, zur Zeit, sie sind nicht sehr kampfeslustig und lassen sich fast schon mit einem Wimpernschlag vertreiben. Wir ließen sie an die leergetrunkene Coladose heran, die auf dem Tisch lag und an die zuckrigen, kleinen Pfützen, die von den Alsterwassern auf dem Holztisch gelangt waren. Es waren winzige, zitternde Wesen, die sich dem Zuckerwasser begierig, aber sehr vorsichtig, näherten und es dann aufsogen.

Die kleinen Kinder zwei Tische weiter, vielleicht vier Jahre oder fünf sind sie, fangen plötzlich an, Bella ciao zu singen, nur immer die zwei Worte, Bella ciao, Bella ciao, ciao ciao singen sie. Alles zukünftige Antifascista, vom Pop zum richtigen Leben im Falschen verführt und alle Kritiker wiederlegt. Wir werden sie bitter nötig haben.


Der Mann mit langen, fettigen Haaren saß an diesem Nachmittag an der Haltestelle Friedhof Lahe, auf seinem Schoß wohl einen Tabakbeutel, neben sich, rechts und links, Bierflasche und vielleicht eine oder zwei kleinere Schnapsflaschen stehend. Die Hände wie erstarrt in der Drehbewegung zur Zigarette, der Kopf ein wenig nach unten geneigt. Hoffentlich, dass er nur schläft, und nicht einen Hitzschlag erlitten hat.

Insgesamt 20.000

Gestern auf dem Balkon in der Dämmerung und der etwas leiseren Hitze des Abends, als die Fledermäuse schon flogen und es erst in der einen Ecke des Hinterhofs und dann in der anderen Ecke des Hinterhofs und dann, nach ungefähr einer halben Minute, noch in der Mitte des Hinterhofs drei oder fünf Tropfen regnete, vielleicht insgesamt 20.000. Es war ein leichtes Schweben in all dem, es vermischte und verwischte sich alles ein wenig mehr als gewöhnlich, im Rückblick.

Die Uhr blieb stehen, nicht die Zeit

Heute Nacht kam dann endlich der ersehnte Regen, wobei es wohl auch blitzte und krachte, dass es gut war die Ohrenstopsen zu tragen. In der letzten Woche hatte ich R. ja welche dsvon geschickt, in einem Brief, nun weiß ich nicht ob die ankamen denn ich hörte nichts. Sie hatte diese zum Mitbringen in Auftrag gegeben aus einer Stadt im hohen Norden, die ich kürzlich besuchte und in der es angenehm warm war, zu dieser Zeit bereits. Am morgen lag dann noch der Dampf des Gewitters auf den Feldern und die luft war aber angenehm kühl, verglichen mir der Hitze der vergangenen Tage. Würzig roch sie. All diese vergessenen Gedanken sie hinterlassen Leerstellen, winzige, die aufzufüllen sehr schwer sein kann, und in der letzten Zeit kamen einige hinzu.

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Aufpassen müssen wir, dass die Zahnpasta nicht explodiert wenn wir vorher Kindercola getrunken haben. Alle Erwachsenen essen Kirschen bevor sie Schwimmen gehen.

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Bei Rewe gibt es keine Sammelbilder mehr, eine Woche vor dem Turnier. Die Kinder sind enttäuscht, mir ist es egal wie nichts. Draußen auf dem Parkplatz, beim Hähnchengrill, fragt eine Frau den Grillhähnchenverkäufer, wie spät es jetzt wohl wäre, erzählt dann, als Begründung oder Entschuldigung, aber vielleicht nur um etwas zu erzählen, dass ihre eigene Uhr nämlich stehengeblieben wäre.

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Ich weiß wirklich nicht mehr, wann all dies gewesen sein könnte, irgendwann in letzter Zeit jedenfalls.

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Beim Blick in den Kochtopf fragte ich mich, ob die Löcher, die sich im Reis während des Kochens bilden, die durch die aufsteigenden Luftbläschen entstehen und kleine Tunnel sein dürften, auch so gleichmäßig verteilt wären, würde der Top etwa auf einem offenen Feuer stehen oder an einer Kette über einer Feuerstelle hin- und herpendeln.

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Nebenbei (wie so alles nebenbei gemacht wird) drucke ich die gesammelten Rezepte neu aus, denn sie wurden vielfach gekocht und das sieht man den Blättern jetzt an. Recherchiere sie noch einmal, wenn es noch keine Druckvorlage gibt und sortiere sie dann in Klarsichtfolien

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Am Morgen bespricht eine Frau, die auf dem Einzelsitz schräg rechts hinter dem Busfahrer sitzt, die Rathausaffäre mit diesem. Sie sind sehr wohl einer Meinung.

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Das Lied der Amsel dauert den Frühling, Sommer und den Herbst.

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Auf der Arbeit nachgeschaut, wie die Abkürzung von „Unter Umständen“ richtig geschrieben wird: u. U.

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Als ich durch den schönen grauen Morgen am Kanal entlangfahre, liegen die Schiffe Annabelle und Alina hintereinander am Ufer. Kanalschiffe haben oft Namen, die an Frauengestalten im Schlager erinnern.

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Das jedenfalls notierte ich am letzten Freitag

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Am Nachmittag scheint die Sonne. Es sind jetzt die Bäume und die Büsche , das Gras usw., in schönstem Grün aufgeschrieben.

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Zerfaserung der Augenblicke, weitere Objekte für die Sammlung seidener Fäden. Bisweilen auch versiegelte Luft zu atmen, in den stillen Stunden, wenn der Morgen Dich bei der Hand nimmt und sagt wir müssen jetzt einmal an Morgen denken, aber nicht sich damit meint.

Das andauernde Ringen mit etwas großen und dunklem erfordert sehr viel Kraft und Ausdauer. Die Runden im Park helfen dabei, aber ob ich früh genug losgelaufen bin, um noch einen plausiblen Vorsprung erreichen zu können? Von Ziel oder Sieg ganz zu schweigen.

Gartenpavillon am Ende der langen Allee. Menschen im Sommer. Mit dem alten Handy ein paar Fotos gemacht, die dann aber aus Versehen gelöscht. Es ist nicht schlimm, ich kann neue machen. Das Geräusch metallener Rechen auf dem Kies der Parkanlage begleitet den guten Nachmittag.

Holzschutzfarbe

Sogar liegt eine Katze auf dem Verbundpflaster vor der Garage
der Carport riecht nach Holzschutzfarbe und auch die Grillen
neben dem Splitweg sie singen das Abschiedslied  (als wenn
es morgen niemals geben würde und immerzu) sogar auf
dem  Fahrrad auf dem Weg nachhause ziehen alle Sommer
vorrüber

Es müssen Gräser stehen am Rande der Straßenbahschienen
viel mehr leuchten und leise summen es könnte doch könnte
doch eine Essenz von Regenwasser

destilliert werden, mit den Gießkannen, es müssten Gräser stehen.
Am Feuerlöschteich, sogar am Zaun und das trockene, gemähte,
neben dem leeren Messeparkplatz riecht, leise, zum Feierabend,

müsste dann das Katzenauge verloren gehen, am Wegesrand,

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Die Hundstage

sind kalendarisch überstanden, draußen hingegen ist das Thermometer, jetzt, um kurz vor 10 am Freitagabend, gerade so eben unter die 30 Grad gesunken. Wie auch alle übrigen Texte, habe ich den neuesten Eintrag auf ickinjapan.de heute am Morgen in der U-Bahn gelesen, auf dem Telefon-Bildschirm. Ich fand es schon die ganze Zeit über sehr passend, das so zu tun, und manchmal ergaben sich auch schöne Überlagerungen der Realitäten, wenn das kleine animierte Gif, welches oft zur Illustration vorangestellt wird, etwa eine U-Bahn-Situation zeigt. So auch heute, einfach weil sich schon auf dem Weg zur Arbeit ein anstrengender Tag jenseits der 30° andeutete. Ich hatte heute meinen Hut auf, der erstaunlicherweise, wie neulich entdeckt, aus Karton gefertigt ist und den ich in einem wirklich authentischen Laden in La Barcelonetta gekauft hatte. Aber was ist schon dagegen zu sagen? Eben.

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Robert Delaunay: Femme avec le parapluie. Le Parisien.

„Wir grüßten uns lächelnd aus der Ferne, indem wir unsere Schirme ein zwei Mal leicht hoben und senkten.“

An dieses Bild musste ich jedenfalls gleich denken, als ich heute morgen von dieser Sonnenschirm-Begegnung las. Es ist eines meiner Lieblingsbilder. Ich finde, der Sommer ist hier so deutlich zu sehen, und die Bewegung der Frau unter dem Sonnenschirm (lt. Titel ja auch hier ein zweckentfremdeter Regenschirm) ist so wunderschön unbestimmt und trotzdem so elegant. Schaut sie dort gerade in ein Notizbuch? Oder ist alles ganz anders gemeint? Für einen Moment dachte ich auch an eine anderswo beschriebene, großstädtische Begegnung, und wie es einmal so war, dass unser Netz ganz anders organisiert war, wenn überhaupt organisiert, und wir uns in unseren eigenen Texten begegnen konnten, fast wie zufällig.

Seit langem schon ist es ein Vorsatz, so wie jetzt hier versucht, wieder mehr, sozusagen im Vorbeigehen, auf andere Seiten hinzuweisen, damit das große Rauschen wieder leiser wird, damit wir uns wieder mehr auf uns selbst besinnen können – „und als der Moment vorbei war, ging sie zum Aufzug und ich zur Treppe.“

 

Zitronenhühnchen | Oma Hans & Oma Emil | Vietnam

Im Unendlicher Spaß verschmäht der junge Held auf S. 1142 (Zitronenhühnchen mit Kartoffelkroketten), um wichtigeren Dingen nachzukommen: landet dann aber wiederum ganz woanders. Auch in der Mensa gab es heute dieses Essen. Am Abend dann, in der Apotheke, die mit bunten Flickentüchern verschleierte Frau, die ein Medikament bestellt und dazu eine Kennnummer auswendig kann, auch hier Assoziation: N.v.D. — Ganz bunt sind die Lumpen mal gewesen, die sie trägt, vermute hier ein bewusstes Verhängnis des eigenen Gesichts, dass nicht zu tun haben muss mit einer Religion, die es erforderlich machen würde. Andere Religionen beispielsweise verlangen das tragen von Perücken. In manchen Ausprägungen. In der Bahn: Die Frau, die mit spitzen Fingern die Längsfäden am Loch in ihrer Jeans ordnet. Immer wieder zupft es und zupft wieder daran herum. Sie hat ganz glatte Haare, ganzb glatter Schnitt am Rand, ist ganz dünn. Die Studentin, die auf Ihrem Handy über abfotografierte wissenschaftliche Texte wischt, es geht ganz schnell, blättert sie 10, 20 Bilder vor bis sie die Seite gefunden hat; Mit spitzen Fingern zieht sie dann den Text auf: Pattern recognition. Der (doch wohl rote?) Luftballon von Oma Emil ist mir noch garnicht aufgefallen. Die beiden Herren (nicht im Bild zu sehen) unterhalten sich derweil über die Häuser drumherum.

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Fahre ich mit Oma Hans und K. Getränke kaufen, K. fährt und Oma Hans singt vom kalten Mammut, dass es eine Freude ist. Die Fenster des Passat lassen sich per Hand runterkurbeln und er ist auch sonst genau so, wie ein Auto sein sollte — Draußen sind es 30° und drinnen sicherlich noch mehr, während all die Fahrten in klimaanlagenlosen Autos in diesen wenigen Augenblicken kondensieren, am Tag der Feier zum 40. (es war der 19.7., genau zu sein). Kann ich hier einen Punkt machen?

Am Sonntag darauf ist es ein heißer und schwüler Tag mit Regen in der Luft gehängt, wir fahren dorthin und räumen drei Dinge auf, dann gehen wir in’s Street Kitchen auf der Limmer. Die Luft (und so weiter, Essen, insbesondere auch der weiße Ventilator auf dem Tresen, neben dem bunten Kassenbildschirm, ein weltweit verkauftes Modell) konstuieren aus Instant-Kristallen ein Bild von Vietnam, überbrücken für wenige Augenblicke die 10.000 Km zw. hier und ebd. Ein Fernseher zeigt ein Musikvideo mit Pixelstörungen.

(Die theoretische Erreichbarkeit Vietnams mit dem Fahrrad)
(Muss ich jetzt an „Saigon Stories“ denken)

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Als wir neulich, nach einer langen Pause, wieder im Schwimmbad waren und ich in Wasser, Chlor und gleißendem Sonnenlicht schwamm, daran erinnern, wie wir hier das erste mal waren und es schneite draußen und war dunkel, vom Schwimmbecken konnte man die wirbelnden Schneeflocken und gelben Straßenlaternen sehen.

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Das Buch ist inzwischen auch abgeschlossen. Das jedenfalls war der Sommer in der Stadt, in das Fass mit Herbst gefallen inzwischen auf dem oben die Blätte liegen und abgesoffen, das Wasser ein wenig merkwürdig riecht. Gänsewein. Was für ein Ende und was für ein furioses Werk, dieser unendliche Spaß und wie schade. Aus purem Egoismus: wie schade! Das Telefon zeigt mir an ich soll Ohrstöpsel kaufen. Kann ich einfach noch einmal von Vorne?

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