Der schottische Hund

In einer U-Bahn-Station zeigte sich an einem Morgen dieses Bild. über das sich unbeteiligte Zuschauer vielleicht gewundert haben: Ich will mich gerade hinsetzen, da kommt ein Mann mit einer Special-Forces-Basecap auf dem Kopf auf mich zu, wünscht einen guten Morgen und hält mir den Dotter eines hartgekochten Hühner-Eis entgegen, es sagt das Wort „Frühstücksei?“ und ich antworte ihm „nein danke, bis später!“. Dann geht er weiter und ich setze mich. Beginne dann, das Buch Runen von Alexander Graeff zu lesen, welches ich mir nach dieser Beschreibung von Stefan Heuer neulich bestellte. Das Fahrgastfernsehen zeigt einen Beitrag, in dem es darum geht, dass ein Hund in Schottland einen ganzen Dönerspieß verschlungen hat, inklusive Spieß, und dann operiert werden musste.

 

 

 

3 kleine Kaiser

Es stehen in einem Schaufenster des chinesischen Restaurants 3 kleine chinesische Kaiser. Sie reichen mir nicht einmal bis zum Knie, sind recht dick und tragen edle, mit Gold verzierte Gewänder, die langen Haare sind an den Seiten zu Zöpfen geflochten, wenn ich es im Vorbeilaufen in Richtung Bäckerei richtig gesehen habe. Nachts, wenn niemand mehr sie beobachtet, schmieden sie Fluchtpläne oder plündern die Küche, eine ewige Suppe aufzusetzen.

Auf den Brücken

Erster Schultag nach den großen Ferien: Die Straßenbahn wieder voll mit Schülern, zwei Mädchen unterhalten sich, wohin sie in den Urlaub verreist sind.

Ich war in Dänemark ich fahr auch so gerne nach Dänemark ich fahr so gerne mit der Fähre wenn wir ausgezogen sind können wir zusammen nach Dänemark fahren Au ja.

im Telefon sehe ich Bilder aus einer anderen, weit entfernten Stadt vom fast in der Dunkelheit verloren gegangenen Mond an und denke, wie wir selber an dem Abend aus waren, es war einer dieser vielen heißen Tage, auf dem Rückweg sind wir am Fluss entlang gefahren und auf den Brücken standen viele Menschen und schauten in den Himmel, es dauerte etwas, bis uns klar wurde, warum sie das tun. Dann haben wir den fast in der Dunkelheit verloren gegangenen Mond doch noch gesehen.

Mit bloßen Füßen

Einer der schönsten Momente beim Klassentreffen am letzten Wochenende war, ich fand es jedenfalls, als wir einen kurzen Weg am Abend gingen, den Kainer Weg hinunter und bis zu der kleinen Brücke über die Lachte. Das Wasser des kleinen Flusses ist dort ganz klar und nicht tief und wir zogen die Schuhe aus und wateten ein wenig durch das sandige Flussbett den Flusslauf hinunter, in der Abendsonne. Dann ging ich mit bloßen Füßen, damit die wieder trocken werden, über die warme Straße. Zwei oder drei schwarze, glänzende Käfer, die diese überquerten.

Mit einem Wimpernschlag

Im Blog-Backend klicke ich auf aktualisieren gerade eben und lasse zwei Plugins sich auf die neueste Version bringen, währenddessen holle ich noch ein Bier aus der Küche. Im Radio läuft ein Johann-Strauß-Potpurrie allen Ernstes und auf der Fensterbank der Ventilator. Das Twitter bringt Bilder aus dem Goncourt-Blog unter dem Titel [Société du soleil], dort ist ein Gedanke notiert, den ich jedenfalls gut kenne und verstehe und mir das auch schon überlegt habe.

Dabei werden die Chancen jeden Tag aufs Neue ausgewürfelt und der Zufall ist nicht vergesslich, er hat nicht einmal ein Gedächtnis. Wäre oft gerne mehr Zufall.

Vor einigen Tagen im Drogeriemarkt eine Lesebrille gekauft. Und die Hitze. Es ist, als liefen wir durch eine Unwirklichkeit. Dennoch immer noch jeden Tag alles zu machen, was der Tag einem nun einmal abfordert. Alles flimmert leise vor sich hin, die Vögel sind ruhiger. Menschen erscheinen einem vor den Augen und verschwinden wieder, sie sagen ein paar Worte dazwischen, die ich garnicht hören kann. Kaum schreibe ich das mit den leisen Vögeln auf, spielt das Radio das dazu passende Lied als einen kitschigen Ersatz. Das ist jetzt der Sommer mit den Fledermäusen und ich muss nicht die Gedanken bis zum Ende aufschreiben, es ist ja doch bekannt, was gesagt werden soll.Ich kann sie alle hier nebeneinander auf den Bildschirm legen und dann ergibt sich alles. Gestern mit einigen wenigen Ehemaligen in einem Biergarten am Rande des Stadtwalds getroffen. Alle hatten Bierdeckel auf ihre Gläser gelegt, um die Wespen fernzuhalten. Die Wespen aber, sie sind ein wenig wie wir sind, zur Zeit, sie sind nicht sehr kampfeslustig und lassen sich fast schon mit einem Wimpernschlag vertreiben. Wir ließen sie an die leergetrunkene Coladose heran, die auf dem Tisch lag und an die zuckrigen, kleinen Pfützen, die von den Alsterwassern auf dem Holztisch gelangt waren. Es waren winzige, zitternde Wesen, die sich dem Zuckerwasser begierig, aber sehr vorsichtig, näherten und es dann aufsogen.

Die kleinen Kinder zwei Tische weiter, vielleicht vier Jahre oder fünf sind sie, fangen plötzlich an, Bella ciao zu singen, nur immer die zwei Worte, Bella ciao, Bella ciao, ciao ciao singen sie. Alles zukünftige Antifascista, vom Pop zum richtigen Leben im Falschen verführt und alle Kritiker wiederlegt. Wir werden sie bitter nötig haben.


Der Mann mit langen, fettigen Haaren saß an diesem Nachmittag an der Haltestelle Friedhof Lahe, auf seinem Schoß wohl einen Tabakbeutel, neben sich, rechts und links, Bierflasche und vielleicht eine oder zwei kleinere Schnapsflaschen stehend. Die Hände wie erstarrt in der Drehbewegung zur Zigarette, der Kopf ein wenig nach unten geneigt. Hoffentlich, dass er nur schläft, und nicht einen Hitzschlag erlitten hat.

Insgesamt 20.000

Gestern auf dem Balkon in der Dämmerung und der etwas leiseren Hitze des Abends, als die Fledermäuse schon flogen und es erst in der einen Ecke des Hinterhofs und dann in der anderen Ecke des Hinterhofs und dann, nach ungefähr einer halben Minute, noch in der Mitte des Hinterhofs drei oder fünf Tropfen regnete, vielleicht insgesamt 20.000. Es war ein leichtes Schweben in all dem, es vermischte und verwischte sich alles ein wenig mehr als gewöhnlich, im Rückblick.

Hannah Arendt allerdings …

… ist auf eine Wand gepinselt im Hinterhof eines Hauses an der Ecke Lindener Marktplatz, wie ich an diesem Morgen gesehen hatte, im Vorbeigehen und ohne zu wissen, dass es ihr Geburtshaus ist.

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Ich lese von Rainald Goetz „Klage“, das Buch hatte ich, ohne zu wissen, worum es sich handelt (nicht wovon es handelt) in einem Antiquariat gekauft. Dachte gleich nach den ersten zwei Seiten es ist wie ein Blog ohne Links und ausgedruckt und erfuhr dann doch, dass es genau dies ist. Welch dumme Idee von Suhrkamp. Ich werde zusehen, dass ich es schnell wieder loswerde. Ich weiß nicht, ob Goetz das drucken lassen musste, ob er oder der Verlag Geld brauchten, was auch immer, aber es ist tote Literatur, weil es aus seinem ureigenen Ökosystem herausgedruckt wurde.

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Da hilft auch das vorangestellte Luhmann-Zitat nicht weiter, welches ich gleich als ein Zeichen deutete, mich doch jetzt endlich einmal wirklich umfänglicher, als dies an der Akademie möglich war, mit Luhmann zu befassen. P. hatte ja bereits an Jan. 12 auf meine Frage ein paar Hinweise gegeben und in der vorherigen Woche hatte ich zuletzt daran gedacht, aber das Gehirn ist ja sowieso ein ewiges Wiederholen unerledigter Sachen. Diese explorative Annäherung (wie auch sonst) gefällt mir aber, sich immer mit dem zu befassen, was einem gerade vor die Assoziationsfüße fällt durch den Nebel der eigenen Ignoranz. Das war jetzt so eine Metapher.

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An diesem Morgen gute out-of-city-experience an der schönen Brücke, Paris oder etwas ähnliches.

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Ein Mann mit langen, recht fettigen Haaren sitzt auf einem der Vierer-Plätze auf der anderen Gang-Seite in der Straßenbahn und fächelt sich mit einem Groschenroman Luft zu. Ich meine, ihn aus einem dieser untergegangenen Zusammenhänge zu kennen, vom Sehen. Steigt am Friedhof Lahe aus.

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Ständig muss man zum Friseur, zum Zahnarzt oder die Drachen füttern.

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Überschrift im Fahrgastfernsehen:

Eierlikör: Igel haben Kater

(Foto von einem Igel, Text nicht gelesen).

und direkt danach:

Großer Fun
105 kg Drogen

(Foto von irgendwelchen Stoffsäcken, die angeblich wohl Drogen enthalten sollten)

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(Es stand dort allerdings Fund, das „d“ wurde nur von einer der Halteschlaufen verdeckt, aus meinem Blickwinkel).