Am Morgen des 10. Mai

In der U. shuffelt die Musik ausgerechnet Uberlin auf die Kopfhörer, als wenn das in diesem Moment Irgendjemand gebrauchen könnte. Ich lese unverdrossen eine Geschichte über Käfer und eine über Nachtigallen in Berliner Hinterhöfen. Gleich denke ich auch noch an Shakespeare, „die Nachtigall, die Lärche“, und die Vögel hier im Hinterhof.

Juliet: Wilt thou be gone? it is not yet near day:
It was the nightingale, and not the lark,
That pierced the fearful hollow of thine ear;
Nightly she sings on yon pomegranate-tree:
Believe me, love, it was the nightingale.

Eine kleine Frau reibt sich unentwegt die Hände als würde Sie sie eincremen, hört etwas auf den Kopfhörern, dabei lächelt sie ganz entrückt, immer wieder. Die Schuhe glänzen  schwarz wie Melasse. Am Endpunkt treffen sich, wie an jedem Morgen, die Kollegen, die in derselben Bahn  saßen. Heute ist gestern der britische Kollege – Waliser aus Schottland oder Schotte aus Wales, ich merke es mir nicht mehr – eingebürgert worden. Wir gratulieren und machen einen Witz über irgendetwas Deutsches, beim Einsteigen pfeifft der eine, seinem Gesangstouretteimpuls folgend, die ersten drei Takte von Rule, Britannia!. Er hört es aber nicht. Im Bus reden wir darüber, ob es bei dem Hof, der die Eier verkauft und jetzt auch Erdbeeren anbietet, Spargel gibt.

Dann stehste da

Ständig verheddert sich Alles und dann stehste da. Im Hinterhof hingegen der schwere Geruch der Fliederblüte, später dann wird’s etwas brenzlig. An unverhoffter Stelle liegen 10 Schwedische Kronen herum, die letzten Peseten würdest Du dann aber wohl vergebens suchen, suchtest Du sie. Auf dem Schreibtisch noch Briefmarken, das Weitere wird sich finden. Die Pläne sind jetzt fast fertig geschmiedet. Wort reiht sich an Wort, zu allem Überfluss. Die frühe Wärme des Frühlings, der Tage in Zahnangelegenheiten unterwegs gewesen, etwa am schönen Marktplatz. Große Strahlung der Stadt auf dem Weg zur Arbeit, dann, alles greift ineinander und fügt sich ins rechte Licht hinein, ohne dabei weiter groß aufzufallen.

Ob Wasser Strom leitet

Am Morgen an der Haltestelle nimmt eine Chinesin das Gezwitscher der Spatzen auf, die im Busch an der Hausecke sitzen allesamt. Reet an den Schienen. Ein Plakat bewirbt den „Circus Mirage“. Mittags, als wir den kurzen Spaziergang machen, sitzt einer der Staplerfahrer auf dem Gulli, der etwas erhaben aus dem Boden kommt, die Cola-Flasche, auf dem Boden abgestützt, locker in der rechten Hand. Der erinnert ein wenig an eine Buddha-Gestalt. Schläft er? Am Abend reden die Jugendlichen in der Bahn über den an diesem Tag verstorbenen Karl Lagerfeld, um nahtlos überzugehen in eine Diskussion in der es darum geht, ob Wasser Strom leitet – ein Junge ist davon überzeugt, dass er das nicht tut und eines der Mädchen versucht vergebens, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Nun ist seit über einer Woche bereits der Sturm in der Luft, immer wieder Regen. Auf dem Feld sehen wir an einem Morgen vier Reiher. Grau wie nasser Zement liegt dann der Kanal am Abend in seinem Bett. In einem Schuhgeschäft mit dem Namen Rheingold gewesen, schwarze Schuhe gekauft. Ich musste dann noch den Knopf an den Mantel annähen, dabei darüber nachgedacht, wer mir das mit dem Streichholz beigebracht hat: Damit der Knopf gut durch das Knopfloch passt und nicht zu eng am Stoff angeheftet ist, wird zwischen die Fadenlöcher im Knopf ein Streichholz gelegt, um welches dann die stiche geführt werden. Wenn der Faden vernäht ist, einfach das Streichhols hervorziehen und zurück in die Schachtel legen, die im Nähkästchen aufbewahrt wird.

Immerzu fallen mir Worte zu und

ich muss mich ihnen unbedingt ausliefern, ich versuche, sie festzuhalten, manche erscheinen kurz vor dem Schlaf und manche werden mir im Traum diktiert, oder halt beiläufig gezeigt, sodass ich sie nie und nimmer werde erinnern können. wenn der Morgen graut. An manchen Abenden gelingt es dann aber, ein paar Bruchstücke zusammenzusetzen und — zumindest was mich betrifft — daraus etwas zu machen, das, zumindest in dem kurzen Moment zwischen publish und timeline, Bestand hat. Hier also das erste von den drei Gedichten, die am heutigen Abend fast fertig geworden sind.

Horizont Taler Silber Streif am südlichen
Mittel Land Kanal Heute oder Morgen.
Das Schiff Aqua Aquarius hat den Bauch

voller ausgemusterter Waschmaschinen
das maßgeschneiderte Herz an Bord wittert
Geheimnisverrat dieses Zucken vor dem

Einschlafen ist ist das normal die Fremden
sind die eigentlich von hier?

Andeutung und Zwischenahnung

Ein Exemplar der Tageszeitung »Dagblad van het Noorden«, genauer die Samstagsausgabe vom 22. Dezember .2018, die ich an diesem Tag in einer nördlichen Stadt kaufte, wärmte mir seitdem immer, wenn ich den Rucksack trug, vergessenerweise meinen Rücken. Sie befand sich im für Zeitungen oder tragbare Schreibmaschinen gedachten Fach meines Rucksacks und bewahrte zugleich die Einkäufe, etwa wie heute tiefgefrorene Erdbeeren sowie Blattspinat, vor durch die dicke Winterjacke doch heraussickernder Körperwärme.

Bei Fotos ist ja das Unscharfe, Unsichtbare, die Zwischenräume — besonders auch das Unvermögen, ein gutes Foto anzufertigen — das Wahre, Gute und Schöne. Das was man nicht sehen kann und das Langweilige, der Papierkorb, die Verkehrsampel, die tägliche Wiederkehr. Die Aufnahme vom Supermarkt-Parkplatz. Die verwackelten Bilder, die ich unterwegs mache, immer nur auf dem Weg zur Arbeit, immer in der Einflugschneise, noch eins noch eins und noch eins, aus dem fahrenden Bus, während die Regentropfen doch an der Fensterscheibe herunterlaufen ud all das. Das Unscheinbare, Unsichtbare, nur eine Andeutung bleibende ist interessanter als ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, ist schöner als die Nike von Samothrake. Andeutung und Zwischenahnung — und alles, was dazu gehört.

Heute auf der Lister Meile zwei rote Matjes gekauft in dem Fischladen.

Donnerstag gratis

Ich bin noch nicht angekommen im neuen Jahr, die Zahl, wenn ich sie aufschreibe, fühlt sich noch fremd und abstrakt an, als wäre es noch nicht wirklich so. Die Neun schreibe ich nicht besonders gut, wenn ich sie handschriftlich notiere, etwa auf dem Freigabeformular einer Korrekturfahne. Es ist ein allerschönster Regen hier seit Jahresbeginn, der tatsächlich bereits in der Silvesternacht begann und sich seitdem, mit größeren oder kleineren Unterbrechungen, fortsetzt. Die Himmel tragen ein grau und die Wolken beginnen bisweilen direkt über dem Erdboden, sodass man gewissermaßen durch den feinen Niesel der Regenwolke selber läuft, etwa auf dem Weg zu einer Bushaltestelle. Das alles wird noch wahrer werden.

Ambitionierte Projekte liegen vor mir in diesem Jahr. Die kaputte Glühbirne im Flur austauschen. Das Bügeleisen immer ausmachen. Weniger Wut.

 
Immer wieder Regen, auch am gestrigen Sonntag, der fast durchgehend, auch heute wieder, dann weht der Wind über die Brache gegenüber von meinem Büro draußen in der Einflugschneise. In der Mittagspause zwei größere Wasservögel in der Luft.

In der Nacht geträumt, dass zwei meiner Gedichte auf der Gedichteseite der Fernsehzeitung veröffentlicht werden sollen, die den Tageszeitungen am Donnerstag gratis beiliegt. Ich halte ein gedrucktes Exemplar in der Hand, das erste Gedicht kenne ich nicht, dann merke ich erst, es ist garnicht von mir. Meine beiden Werke stehen zweispaltig nebeneinander, das eine ist streng rechteckig gesetzt und enthält, daran zumindest erinner ich mich, eine Zeile unverständlicher Zeichen, etwa so:

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auch das zweite Gedicht ist besonders, vor den Buchstaben ragt ein kleiner metallener Käfig aus der Seite heraus, ungefähr 1½ cm erheben sich die feinen Stäbe vor der Seite. Leider kann ich mich nicht an den Inhalt erinnern.

In einem Supermarkt liegen dann neben der Eingangstür mehrere Exemplare der letzten Ausgabe. Ich wusste bis dahin nicht, dass diese Fernsehzeitschrift eine Gedichteseite hat und nehme eine Zeitschrift. Jemand hat hier ein Gedicht veröffentlicht, welches auch mit einer winzigen Skulptur einhergeht, die auf erstaunliche Weise in den zugeklappten Zeitschriften verschwindet — ein an einen an der Wand anzubringenden Kleiderhaken erinnernder Stab aus Metall, der am oberen Ende eine Auskerbung hat, an welche der Kleiderbügel gehängt werden könnte, der allerdings in diesem Fall nur wenige cm, vielleicht 5, breit sein dürfte. Dahinter verbirgt sich ein Scharnier, denn das obere Ende lässt sich hochklappen und sodann ertönt ein Geräusch wie von einem elektrischen Türöffner in einem Mietshaus [aufgew.].