Sturm

Der stürmische Morgen jagt die Regenböen das du meinst nach nassem Hund zu riechen in der Kapuzenjacke.

Vollgesogen wie ein Schwamm hat sich die Luft mit Regen
und der Gesang leerer Bierflaschen vom Balkon im Erdgeschoss kommt noch dazu.

Wolken ziehen auch wie im Zeitraffer vorbei. Weil Sturm und Abholtag in der Gegend zusammen kamen, liegt überall nasser Müll auf den Gehwegen. Am Morgen, an der Kreuzung fahren Autos über auf der Straße verstreute, leere Weichspülerflaschen.

Sonst war nicht viel. Nur die Venus, am Abend, im nachtblauen Himmel, sie scheint so hell.

Bleiches Grün

Kurzer Fußweg vom Kröpcke durch die Theaterstraße und zum Thielenplatz. Draußen vor einer Lokalität namens „Stadtmauer“ sitzen chinesische Messegäste oder Touristen. Einige Schritte weiter fällt mir ein, wie ich vor Jahrzehnten hier einmal im Sommer an der Straße gestanden und auf jemanden gewartet habe, vor einem Französischkurs. Mir fallen die Blätter der Platanen wieder ein, die rechts und links neben der Straße stehen, ihr ein wenig bleiches Grün dieses kurzen Augenblicks. Es sind die gleichen Bäume, die dort noch stehen und in denen die Dohlen und Krähen sind. Am Thielenplatz warte ich noch, an eine Litfaßsäule gelehnt, bis ich die Aufnahme beende. Menschen gehen und Autos fahren vorbei. Der 121er Bus. Über die Brücke zwischen Thielenplatz und Schauspielhaus fährt ein Metronom. Auf einem Plakat steht „Sushikino“.

3 Minuten am 6.1.2020

Am Morgen steht der Bus an der Haltestelle, als die Kehrmaschine vorbeifährt. Dann fährt der Bus los. Mittags im Büro: Eine Fliege ist in den Neon-Reflektorlampen an der Decke festgeflogen. Man sieht sie garnicht. Nachmittags an der Haltestelle, mit Autos, einem Flugzeug und einem Traktor, der den Anhänger mit Mist vollgeladen hat.

Wie kann man einen Dimensionswechsel beweisen?

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Immer nur dann wurden Briefe oder Postkarten geschrieben, wenn der Schreibtisch soweit immerhin aufgeräumt war, dass ein Bierglas gut zum Stehen kam, ohne die umherliegenden Papiere etc. weiter zu gefährden. Über dem Schreibtisch an der Wand hing nun bereits der Kalender für das heraufziehende Jahr der Ratte*, ein Geschenk des chinesischen Restaurants, welches die Freunde bisweilen aufsuchten, um eine ganz speziell zubereitete Ente zu verzehren.

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Am 1. Januar des gerade begonnenen neuen Jahres, ganz aus Versehen (und zwar im Linienbus zum Küchengarten) einen Dimensionswechsel vollzogen, wie das Foto beweist. Im Radio etwa wird gerade berichtet, es gäbe nun Doraden und Calmare in der Nordsee. Ein erstes Zeichen. Ich esse die Kekse (mutmaßlich Spekulatius), die mit Fähre und Zug den ganzen Weg von der See wieder zurückgefahren sind, ebenso wie etwa ⅓ l Leitungswasser aus dem Norden der Niederlande, für die Blumen oder zum Malen

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Die Sammlung verschiedenster Zettel und Papiere, die im alten Kalender herumgetragen wurden, jetzt sang- und klanglos in den neuen Kalender gelegt.

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Genauer wohl „Jahr der Ratte in Metall“.

Dann aber doch: verschwunden

Es hatten sich keine Gespenster verfangen in der Weihnachtswäsche, auf dem Balkon hängend, seit dem Vormittag des hl. Abend. Werde die soeben abgenommenen Stücke auch noch einmal mit der 3D-Brille prüfen. Mit Geistern spreche ich auch in diesem Jahr nur im Traum, oder manchmal höre ich ihnen im Radio zu, oder ihre Flasche ist eine alte VHS-C-Kassette. Eines, dass ich aus meinem früheren Leben noch kannte, begegnete mir einige Wochen später, als ich es eigentlich erwartet hätte. Wir haben nicht geredet, nur war die unverhoffte Anwesenheit merkwürdig und ich habe sie gefragt, ob es möglicherweise sein könne, dass sie ein Geist ist. Kurzes, trotziges Verneinen, eine falsche Selbstbehauptung und ein Täuschungsversuch, dann aber doch: verschwunden. Jetzt schwebt in einigen Musiken, die wir gemeinsam hörten, ein Ton der Traurigkeit mit, den sie vorher noch nicht enthielten. „Auf dem Bett liegen, dazu Musik, im Dunkeln, sterben spielen“.



 

Gestern zum guten Schluss dann noch einmal mit dem Fahrradanhänger zum Wertstoffhof. Heute Markttag. An diesem Samstag zwischen den Jahren sind weitaus weniger Stände am Platz. Die eisige Luft am Vormittag treibt mir die Tränen aus den Augen, als wir auf dem Fahrrad sitzen. Frostige Hoffnung.

Das Radio in der Ferienwohnung wurde ausgetauscht, es steht jetzt dort so ein kleiner modischer Kasten auf dem Tischchen in der Ecke unter der Dachschräge. Glücklicherweise sieht das Gerät, neben allerhand Schnickschnack, den niemand braucht, auch den Empfang von Stationen auf der Mittelwelle vor. Ich höre aber nur an einem Abend kurz rein, BBC Radio 5 live und Absolute Radio sind sehr gut zu empfangen, Freude darüber, dass hier noch einige Sender auf der Mittewelle zu hören sind.



 

Treffen mit C., im Café Gleichklang, der u. a. erzählt, dass die Stromkreise bei ihm zu Hause schlecht geerdet sind und er einen kleinen Stromschlag bekommt, wenn er etwa die Waschmaschine ausmacht, ohne vorher den Stecker zu ziehen. Ich lerne seine Frau L. kennen, der das auch passiert. Wir essen eine leckere vegane Schwarzwälder Kirschtorte.

Jetzt läuft eine Sendung über den Komponisten Michael Quell, der sich von dem Phänomen der „Dark Matter“ inspirieren ließ. Die Moderation behauptet aber, die Dunkle Materie entzöge sich jeglicher Beobachtung, da sie kein Licht reflektiere. Korrekt würde es aber heißen, sie entzieht sich zum jetztigen Zeitpunkt jeglicher Beobachtung. Ob sie Geräusche macht?

Wieviele Dohlen jetzt in den Bäumen der Theaterstraße wohnen

und in den Ästen sitzen und sich mit den Krähen besprechen, dass ist mir ja heute am Abend aufgefallen, als ich auf dem Wege zu einer Vermessung von Körperteilen mich befand. Das Arbeitsjahr heute bravourös abgeschlossen.

Noch immer blühte die Gänseblume auf dem grünen Streifen neben dem Logitstik-Unternehmen, auch noch sichtbar: der neu eingesähte Rasen über dem frisch verlegten Glasfaserkabel, so grün wie die junge Hoffnung, immerhin. Davon habe ich kein Foto gemacht. Aber von der Gänseblume.

Miniaturen (2): in der Wildnis

Bild könnte enthalten Himmel Baum und im Freien

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Manchmal sehe ich Schafe oder Kühe auf dem Weg zur Arbeit. Vor zwei Wochen war der Strand am See ganz voller Gänse.

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Einmal sah ich, als ich an einer Straße stand, zwei Laster aneinander vorbei fahren. Eichhorn Spedition und Holzapfel Umzüge. Dann kam auch schon der Bus 133 Richtung Pappelwiese.

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Der christliche Glaube der Sponsoren

Die Dohlen und die Krähen fliegen gemeinsam ein Stück des Weges am Morgen, sie rufen sich zu in ihren unterschiedlichen Lauten und der Wind. Später dann auch Gänse in der Luft, sie fliegen schräg in Richtung der nahen Autobahn über die Felder in Richtung des Sees. Tatsächlich am Abend, als ich aus dem Gebäude in das Dämmerlicht trete, dann riecht die Luft wie der Bonbonstand auf dem Jahrmarkt nach süßem Pfefferminz. Auf einen Tieflader werden zwei Unfallwagen verladen für den Export, in den Kofferraum des einen laden Menschen noch Koffer und mit schwarzer Folie umhüllte Pakete. Im Kreisel sitzt eine Elster im hohen Gras, das die Gemeinde hier stehen lässt. Weiterhin stehen auf dem Kreisel aus rostigen, metallenen Platten geschnittene Silhouetten, die repräsentieren sollen: einen Feuerwehrmann, ein Mädchen auf einem Pferd, eine Frau, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem Nudelholz in der einen Hand und einer Maske in der anderen, ein fußballspielender Junge und ein kleines Mädchen mit Röckchen und auch einem Ball, in ihren Händen.

So sind hier die Zeiten eingeordnet. Nicht weit entfernt, vielleicht eine drei¼ Stunde mit Bus und Bahn, wohnt einer, der nur mit besonderen Wassern malen kann, aber malen muss er. Da ist das eine Bild von einem großen Fisch, das er malte mit Wasser aus einer Wärmflasche. Dann ist da das Bild von einer großen Katze mit einem buschigen Schwanz, sie sitzt in der Fensterbank nnd schaut wohl aus dem Fenster hinaus. Dieses Bild wurde gemalt mit einem Rest Wasser, welches aus einer Flughafentoilette in Amsterdam-Schiphol stammt. Der überwiegende Teil wurde aber benutzt, um damit eine Sukkulente zu bewässern, die auf derselben Fensterbank in einem zu engen Topf steht, auf der die gemalte Katze gerne sitzen würde, um in den Hinterhof hinaus zu schauen und die Menschen in den gegenüberliegenden Fenstern zu beobachten. Diese Katze hat kein Notizbuch.

 

Auf dem Kanal die Schiffe Alina (am Morgen, festgemacht zwischen Brücke und Brücke), dort im Vorbeifahren ein Blick in das erleuchtete Küchenfenster, was es wohl zum Frühstück gibt auf so einem Kahn, am Abend dann die Polaris und die Franziska, letztere kein langes Schiff, sondern eine in verrostetem Blau-Gelb gemalte Schiebeeinheit, welche große, tief im Wasser liegende Behälter in Richtung Schleuse Anderten schob. Heimathafen Berlin.

Die Tabernakel der dunklen Begierde, das Sägewerk der guten Wünsche und die Gänse, heute wieder in der Luft. Bitterer Wermuttee in meiner Tasse, an den schweren Abenden.

Die Lesebrille, die mich jetzt immer begleitet und die immerzu von den fettigen Fingern verschmutzt werden wird, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Einer der andauernd sendenden Bildschirme vermeldete die Taufe eines Zwillingspaares von Pandabären in Belgien — die Katze auf der Fensterbank notiert daher in ihr imaginiertes Notizbuch, sie würde es durchaus begrüßen, wenn man bis zur Volljährigkeit warten würde, und die Tiere dann selbst entscheiden könnten, ob sie den christlichen Glauben der Sponsoren annehmen möchten.

Was kann ich denn dafür, wenn die Katze das denkt.