Miniaturen (2): in der Wildnis

Bild könnte enthalten Himmel Baum und im Freien

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Manchmal sehe ich Schafe oder Kühe auf dem Weg zur Arbeit. Vor zwei Wochen war der Strand am See ganz voller Gänse.

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Einmal sah ich, als ich an einer Straße stand, zwei Laster aneinander vorbei fahren. Eichhorn Spedition und Holzapfel Umzüge. Dann kam auch schon der Bus 133 Richtung Pappelwiese.

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Der christliche Glaube der Sponsoren

Die Dohlen und die Krähen fliegen gemeinsam ein Stück des Weges am Morgen, sie rufen sich zu in ihren unterschiedlichen Lauten und der Wind. Später dann auch Gänse in der Luft, sie fliegen schräg in Richtung der nahen Autobahn über die Felder in Richtung des Sees. Tatsächlich am Abend, als ich aus dem Gebäude in das Dämmerlicht trete, dann riecht die Luft wie der Bonbonstand auf dem Jahrmarkt nach süßem Pfefferminz. Auf einen Tieflader werden zwei Unfallwagen verladen für den Export, in den Kofferraum des einen laden Menschen noch Koffer und mit schwarzer Folie umhüllte Pakete. Im Kreisel sitzt eine Elster im hohen Gras, das die Gemeinde hier stehen lässt. Weiterhin stehen auf dem Kreisel aus rostigen, metallenen Platten geschnittene Silhouetten, die repräsentieren sollen: einen Feuerwehrmann, ein Mädchen auf einem Pferd, eine Frau, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem Nudelholz in der einen Hand und einer Maske in der anderen, ein fußballspielender Junge und ein kleines Mädchen mit Röckchen und auch einem Ball, in ihren Händen.

So sind hier die Zeiten eingeordnet. Nicht weit entfernt, vielleicht eine drei¼ Stunde mit Bus und Bahn, wohnt einer, der nur mit besonderen Wassern malen kann, aber malen muss er. Da ist das eine Bild von einem großen Fisch, das er malte mit Wasser aus einer Wärmflasche. Dann ist da das Bild von einer großen Katze mit einem buschigen Schwanz, sie sitzt in der Fensterbank nnd schaut wohl aus dem Fenster hinaus. Dieses Bild wurde gemalt mit einem Rest Wasser, welches aus einer Flughafentoilette in Amsterdam-Schiphol stammt. Der überwiegende Teil wurde aber benutzt, um damit eine Sukkulente zu bewässern, die auf derselben Fensterbank in einem zu engen Topf steht, auf der die gemalte Katze gerne sitzen würde, um in den Hinterhof hinaus zu schauen und die Menschen in den gegenüberliegenden Fenstern zu beobachten. Diese Katze hat kein Notizbuch.

 

Auf dem Kanal die Schiffe Alina (am Morgen, festgemacht zwischen Brücke und Brücke), dort im Vorbeifahren ein Blick in das erleuchtete Küchenfenster, was es wohl zum Frühstück gibt auf so einem Kahn, am Abend dann die Polaris und die Franziska, letztere kein langes Schiff, sondern eine in verrostetem Blau-Gelb gemalte Schiebeeinheit, welche große, tief im Wasser liegende Behälter in Richtung Schleuse Anderten schob. Heimathafen Berlin.

Die Tabernakel der dunklen Begierde, das Sägewerk der guten Wünsche und die Gänse, heute wieder in der Luft. Bitterer Wermuttee in meiner Tasse, an den schweren Abenden.

Die Lesebrille, die mich jetzt immer begleitet und die immerzu von den fettigen Fingern verschmutzt werden wird, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Einer der andauernd sendenden Bildschirme vermeldete die Taufe eines Zwillingspaares von Pandabären in Belgien — die Katze auf der Fensterbank notiert daher in ihr imaginiertes Notizbuch, sie würde es durchaus begrüßen, wenn man bis zur Volljährigkeit warten würde, und die Tiere dann selbst entscheiden könnten, ob sie den christlichen Glauben der Sponsoren annehmen möchten.

Was kann ich denn dafür, wenn die Katze das denkt.

Miniaturen (1): just another word

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Im Eingangsbereich des Supermarkts an der großen Straße sitzt ein Einbeiniger im Rollstuhl. Er hält ein Telefon in der Hand, auf welchem eine Mariacchi-Kapelle eine bekannte Nummer spielt.

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Der Straßenbahnfahrer hatte auf einer kleinen Ablage in der Fahrerkabine eine Tasse stehen, darauf waren konsequenterweise die Worte „Wild and Free“ aufgedruckt sowie die Silhouetten von Nadelbäumen, wie z. B. Kiefern.

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An einem Abend ging ich noch Einkaufen auf dem Heimweg. Da bemerkte ich eine Frau mit einem Rollator, die leise vor sich hin sang, es war kaum zu vernehmen.

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Torte mit Armen und Beinen

Als ich am Montagmorgen zur Straßenbahn gehe, an der Fußgängerampel zur in der Straßenmitte gelegenen Haltestelle, kreuzt der Linienbus 175 nach Rotterdam Centraal meinen Weg. Die dunklen Scheiben lassen niemanden der Reisenden erkennen, ich denke daran, wie dennoch Menschen aus dem Fenster schauen werden, in Gedanken, gerade sind sie ein paar Kilometer weiter die Straße hinunter Stadteinwärts erst eingestiegen, am ZOB. Die meisten, so ist es ja mittlerweile, werden auf ihre Telefone schauen und sich mit der Fernanwesenheit der Anderen ablenken von diesem sonnigen Morgen und von dem, woran sie eigentlich jetzt denken sollten. Bremen Oldenburg Groningen sind die nächsten Stationen, dann weiter über Amsterdam nach Rotterdam Centraal.

Sofortiges Fernweh stellt sich ein und ergibt mit der Müdigkeit, denn bereits um ungefähr ½ fünf war ich erwacht, eine merkwürdige, leichte Euphorie, vielleicht. Vor allem das gedachte lange a in Centraal bewirkt dieses. Am Abend bestelle ich einen Reiseführer bei der Buchhandlung, der aber stand so wie so bereits auf der Liste. Dazu benutze ich einen Gutschein, den mir die Kolleginnen und en zum Geburtstag überreichten und den ich natürlich zuvorderst ½ Stunde lang suchen musste, denn in der kleinen Dokumentensammlung zwischen Monitor und Drucker, in dem der Umschlag hochkant sich befand, direkt neben dem Zackenbarsch, übersah ich den Umschlag zwei mal, ich vermutete das Stück Papier nicht mehr in einem Umschlag.

Darin war auch die Geburtstagskarte, auf der eine Torte mit Armen, Beinen und Mund abgebildet ist. Aus der Torte wurde bereits ein Stück herausgeschnitten, welches sie gerade in den Händen hält, offensichtlich um es zu essen. Sachen gibt’s.

Soeben die Glühbirne der Schreibtischlampe ausgewechselt

da diese ausgebrannt war, so wie Mancheiner auch als schwarzer, nasser Docht durch diese Tage geht. Nun fließt die weiße Lichtmilch auf die Tasten und spiegelt sich in dem Rest Kaffee, der vom Morgen noch hier steht, als wäre nichts gewesen, läuft „Wild Horses“ im Radio und draußen im Nachbargarten lief vorhin ganz vorsichtig der kleine Hund der ungeheuerlichen Nachbarin über die Wiese, es sah aus, als wäre er geschoren worden und doch war ihm die Hitze fremd und drängte von allen Seiten gegen den kleinen Hund, ich konnte es ganz klar erkennen. Die kläglichen, kaum noch als Argument erkennbaren, letzten Rechtfertigungen der durch ihre Preussigkeit sich beständig verdächtig machenden Kollegen, es habe bereits früher warme Sommer gegeben und es werde auch wieder einmal verregnete Sommer geben, die auf Ignoranz jetzt doch weiter beharren müssen und sich angesichts der schwindenden Gletscher das kohlerabenschwarze Herz aussichtslos zu erleichtern suchen.

Auf dem Nachhauseweg sah ich gestern, dass jmd. einen Vers von Nirvana an die Wand neben dem Eingang des Seniorenheims der Arbeiterwohlfahrt gesachrieben hat. Nachts, wenn das Blut zurück in die Körper fließt, dann können wir kurz innehalten und die Zeit hakt für einen Moment, so wie der Wecker, bei dem die Batterie zu Ende war und der seit Wochen nun bereits die immergleiche Bewegung mit dem Sekundenzeiger vollzieht, weil es nicht anders geht.

Am Morgen des 10. Mai

In der U. shuffelt die Musik ausgerechnet Uberlin auf die Kopfhörer, als wenn das in diesem Moment Irgendjemand gebrauchen könnte. Ich lese unverdrossen eine Geschichte über Käfer und eine über Nachtigallen in Berliner Hinterhöfen. Gleich denke ich auch noch an Shakespeare, „die Nachtigall, die Lärche“, und die Vögel hier im Hinterhof.

Juliet: Wilt thou be gone? it is not yet near day:
It was the nightingale, and not the lark,
That pierced the fearful hollow of thine ear;
Nightly she sings on yon pomegranate-tree:
Believe me, love, it was the nightingale.

Eine kleine Frau reibt sich unentwegt die Hände als würde Sie sie eincremen, hört etwas auf den Kopfhörern, dabei lächelt sie ganz entrückt, immer wieder. Die Schuhe glänzen  schwarz wie Melasse. Am Endpunkt treffen sich, wie an jedem Morgen, die Kollegen, die in derselben Bahn  saßen. Heute ist gestern der britische Kollege – Waliser aus Schottland oder Schotte aus Wales, ich merke es mir nicht mehr – eingebürgert worden. Wir gratulieren und machen einen Witz über irgendetwas Deutsches, beim Einsteigen pfeifft der eine, seinem Gesangstouretteimpuls folgend, die ersten drei Takte von Rule, Britannia!. Er hört es aber nicht. Im Bus reden wir darüber, ob es bei dem Hof, der die Eier verkauft und jetzt auch Erdbeeren anbietet, Spargel gibt.