Soeben die Glühbirne der Schreibtischlampe ausgewechselt

da diese ausgebrannt war, so wie Mancheiner auch als schwarzer, nasser Docht durch diese Tage geht. Nun fließt die weiße Lichtmilch auf die Tasten und spiegelt sich in dem Rest Kaffee, der vom Morgen noch hier steht, als wäre nichts gewesen, läuft „Wild Horses“ im Radio und draußen im Nachbargarten lief vorhin ganz vorsichtig der kleine Hund der ungeheuerlichen Nachbarin über die Wiese, es sah aus, als wäre er geschoren worden und doch war ihm die Hitze fremd und drängte von allen Seiten gegen den kleinen Hund, ich konnte es ganz klar erkennen. Die kläglichen, kaum noch als Argument erkennbaren, letzten Rechtfertigungen der durch ihre Preussigkeit sich beständig verdächtig machenden Kollegen, es habe bereits früher warme Sommer gegeben und es werde auch wieder einmal verregnete Sommer geben, die auf Ignoranz jetzt doch weiter beharren müssen und sich angesichts der schwindenden Gletscher das kohlerabenschwarze Herz aussichtslos zu erleichtern suchen.

Auf dem Nachhauseweg sah ich gestern, dass jmd. einen Vers von Nirvana an die Wand neben dem Eingang des Seniorenheims der Arbeiterwohlfahrt gesachrieben hat. Nachts, wenn das Blut zurück in die Körper fließt, dann können wir kurz innehalten und die Zeit hakt für einen Moment, so wie der Wecker, bei dem die Batterie zu Ende war und der seit Wochen nun bereits die immergleiche Bewegung mit dem Sekundenzeiger vollzieht, weil es nicht anders geht.

Am Morgen des 10. Mai

In der U. shuffelt die Musik ausgerechnet Uberlin auf die Kopfhörer, als wenn das in diesem Moment Irgendjemand gebrauchen könnte. Ich lese unverdrossen eine Geschichte über Käfer und eine über Nachtigallen in Berliner Hinterhöfen. Gleich denke ich auch noch an Shakespeare, „die Nachtigall, die Lärche“, und die Vögel hier im Hinterhof.

Juliet: Wilt thou be gone? it is not yet near day:
It was the nightingale, and not the lark,
That pierced the fearful hollow of thine ear;
Nightly she sings on yon pomegranate-tree:
Believe me, love, it was the nightingale.

Eine kleine Frau reibt sich unentwegt die Hände als würde Sie sie eincremen, hört etwas auf den Kopfhörern, dabei lächelt sie ganz entrückt, immer wieder. Die Schuhe glänzen  schwarz wie Melasse. Am Endpunkt treffen sich, wie an jedem Morgen, die Kollegen, die in derselben Bahn  saßen. Heute ist gestern der britische Kollege – Waliser aus Schottland oder Schotte aus Wales, ich merke es mir nicht mehr – eingebürgert worden. Wir gratulieren und machen einen Witz über irgendetwas Deutsches, beim Einsteigen pfeifft der eine, seinem Gesangstouretteimpuls folgend, die ersten drei Takte von Rule, Britannia!. Er hört es aber nicht. Im Bus reden wir darüber, ob es bei dem Hof, der die Eier verkauft und jetzt auch Erdbeeren anbietet, Spargel gibt.

Dann stehste da

Ständig verheddert sich Alles und dann stehste da. Im Hinterhof hingegen der schwere Geruch der Fliederblüte, später dann wird’s etwas brenzlig. An unverhoffter Stelle liegen 10 Schwedische Kronen herum, die letzten Peseten würdest Du dann aber wohl vergebens suchen, suchtest Du sie. Auf dem Schreibtisch noch Briefmarken, das Weitere wird sich finden. Die Pläne sind jetzt fast fertig geschmiedet. Wort reiht sich an Wort, zu allem Überfluss. Die frühe Wärme des Frühlings, der Tage in Zahnangelegenheiten unterwegs gewesen, etwa am schönen Marktplatz. Große Strahlung der Stadt auf dem Weg zur Arbeit, dann, alles greift ineinander und fügt sich ins rechte Licht hinein, ohne dabei weiter groß aufzufallen.

Ob Wasser Strom leitet

Am Morgen an der Haltestelle nimmt eine Chinesin das Gezwitscher der Spatzen auf, die im Busch an der Hausecke sitzen allesamt. Reet an den Schienen. Ein Plakat bewirbt den „Circus Mirage“. Mittags, als wir den kurzen Spaziergang machen, sitzt einer der Staplerfahrer auf dem Gulli, der etwas erhaben aus dem Boden kommt, die Cola-Flasche, auf dem Boden abgestützt, locker in der rechten Hand. Der erinnert ein wenig an eine Buddha-Gestalt. Schläft er? Am Abend reden die Jugendlichen in der Bahn über den an diesem Tag verstorbenen Karl Lagerfeld, um nahtlos überzugehen in eine Diskussion in der es darum geht, ob Wasser Strom leitet – ein Junge ist davon überzeugt, dass er das nicht tut und eines der Mädchen versucht vergebens, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Nun ist seit über einer Woche bereits der Sturm in der Luft, immer wieder Regen. Auf dem Feld sehen wir an einem Morgen vier Reiher. Grau wie nasser Zement liegt dann der Kanal am Abend in seinem Bett. In einem Schuhgeschäft mit dem Namen Rheingold gewesen, schwarze Schuhe gekauft. Ich musste dann noch den Knopf an den Mantel annähen, dabei darüber nachgedacht, wer mir das mit dem Streichholz beigebracht hat: Damit der Knopf gut durch das Knopfloch passt und nicht zu eng am Stoff angeheftet ist, wird zwischen die Fadenlöcher im Knopf ein Streichholz gelegt, um welches dann die stiche geführt werden. Wenn der Faden vernäht ist, einfach das Streichhols hervorziehen und zurück in die Schachtel legen, die im Nähkästchen aufbewahrt wird.

Immerzu fallen mir Worte zu und

ich muss mich ihnen unbedingt ausliefern, ich versuche, sie festzuhalten, manche erscheinen kurz vor dem Schlaf und manche werden mir im Traum diktiert, oder halt beiläufig gezeigt, sodass ich sie nie und nimmer werde erinnern können. wenn der Morgen graut. An manchen Abenden gelingt es dann aber, ein paar Bruchstücke zusammenzusetzen und — zumindest was mich betrifft — daraus etwas zu machen, das, zumindest in dem kurzen Moment zwischen publish und timeline, Bestand hat. Hier also das erste von den drei Gedichten, die am heutigen Abend fast fertig geworden sind.

Horizont Taler Silber Streif am südlichen
Mittel Land Kanal Heute oder Morgen.
Das Schiff Aqua Aquarius hat den Bauch

voller ausgemusterter Waschmaschinen
das maßgeschneiderte Herz an Bord wittert
Geheimnisverrat dieses Zucken vor dem

Einschlafen ist ist das normal die Fremden
sind die eigentlich von hier?