Miniaturen (1): just another word

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Im Eingangsbereich des Supermarkts an der großen Straße sitzt ein Einbeiniger im Rollstuhl. Er hält ein Telefon in der Hand, auf welchem eine Mariacchi-Kapelle eine bekannte Nummer spielt.

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Der Straßenbahnfahrer hatte auf einer kleinen Ablage in der Fahrerkabine eine Tasse stehen, darauf waren konsequenterweise die Worte „Wild and Free“ aufgedruckt sowie die Silhouetten von Nadelbäumen, wie z. B. Kiefern.

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An einem Abend ging ich noch Einkaufen auf dem Heimweg. Da bemerkte ich eine Frau mit einem Rollator, die leise vor sich hin sang, es war kaum zu vernehmen.

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Torte mit Armen und Beinen

Als ich am Montagmorgen zur Straßenbahn gehe, an der Fußgängerampel zur in der Straßenmitte gelegenen Haltestelle, kreuzt der Linienbus 175 nach Rotterdam Centraal meinen Weg. Die dunklen Scheiben lassen niemanden der Reisenden erkennen, ich denke daran, wie dennoch Menschen aus dem Fenster schauen werden, in Gedanken, gerade sind sie ein paar Kilometer weiter die Straße hinunter Stadteinwärts erst eingestiegen, am ZOB. Die meisten, so ist es ja mittlerweile, werden auf ihre Telefone schauen und sich mit der Fernanwesenheit der Anderen ablenken von diesem sonnigen Morgen und von dem, woran sie eigentlich jetzt denken sollten. Bremen Oldenburg Groningen sind die nächsten Stationen, dann weiter über Amsterdam nach Rotterdam Centraal.

Sofortiges Fernweh stellt sich ein und ergibt mit der Müdigkeit, denn bereits um ungefähr ½ fünf war ich erwacht, eine merkwürdige, leichte Euphorie, vielleicht. Vor allem das gedachte lange a in Centraal bewirkt dieses. Am Abend bestelle ich einen Reiseführer bei der Buchhandlung, der aber stand so wie so bereits auf der Liste. Dazu benutze ich einen Gutschein, den mir die Kolleginnen und en zum Geburtstag überreichten und den ich natürlich zuvorderst ½ Stunde lang suchen musste, denn in der kleinen Dokumentensammlung zwischen Monitor und Drucker, in dem der Umschlag hochkant sich befand, direkt neben dem Zackenbarsch, übersah ich den Umschlag zwei mal, ich vermutete das Stück Papier nicht mehr in einem Umschlag.

Darin war auch die Geburtstagskarte, auf der eine Torte mit Armen, Beinen und Mund abgebildet ist. Aus der Torte wurde bereits ein Stück herausgeschnitten, welches sie gerade in den Händen hält, offensichtlich um es zu essen. Sachen gibt’s.

Soeben die Glühbirne der Schreibtischlampe ausgewechselt

da diese ausgebrannt war, so wie Mancheiner auch als schwarzer, nasser Docht durch diese Tage geht. Nun fließt die weiße Lichtmilch auf die Tasten und spiegelt sich in dem Rest Kaffee, der vom Morgen noch hier steht, als wäre nichts gewesen, läuft „Wild Horses“ im Radio und draußen im Nachbargarten lief vorhin ganz vorsichtig der kleine Hund der ungeheuerlichen Nachbarin über die Wiese, es sah aus, als wäre er geschoren worden und doch war ihm die Hitze fremd und drängte von allen Seiten gegen den kleinen Hund, ich konnte es ganz klar erkennen. Die kläglichen, kaum noch als Argument erkennbaren, letzten Rechtfertigungen der durch ihre Preussigkeit sich beständig verdächtig machenden Kollegen, es habe bereits früher warme Sommer gegeben und es werde auch wieder einmal verregnete Sommer geben, die auf Ignoranz jetzt doch weiter beharren müssen und sich angesichts der schwindenden Gletscher das kohlerabenschwarze Herz aussichtslos zu erleichtern suchen.

Auf dem Nachhauseweg sah ich gestern, dass jmd. einen Vers von Nirvana an die Wand neben dem Eingang des Seniorenheims der Arbeiterwohlfahrt gesachrieben hat. Nachts, wenn das Blut zurück in die Körper fließt, dann können wir kurz innehalten und die Zeit hakt für einen Moment, so wie der Wecker, bei dem die Batterie zu Ende war und der seit Wochen nun bereits die immergleiche Bewegung mit dem Sekundenzeiger vollzieht, weil es nicht anders geht.

Am Morgen des 10. Mai

In der U. shuffelt die Musik ausgerechnet Uberlin auf die Kopfhörer, als wenn das in diesem Moment Irgendjemand gebrauchen könnte. Ich lese unverdrossen eine Geschichte über Käfer und eine über Nachtigallen in Berliner Hinterhöfen. Gleich denke ich auch noch an Shakespeare, „die Nachtigall, die Lärche“, und die Vögel hier im Hinterhof.

Juliet: Wilt thou be gone? it is not yet near day:
It was the nightingale, and not the lark,
That pierced the fearful hollow of thine ear;
Nightly she sings on yon pomegranate-tree:
Believe me, love, it was the nightingale.

Eine kleine Frau reibt sich unentwegt die Hände als würde Sie sie eincremen, hört etwas auf den Kopfhörern, dabei lächelt sie ganz entrückt, immer wieder. Die Schuhe glänzen  schwarz wie Melasse. Am Endpunkt treffen sich, wie an jedem Morgen, die Kollegen, die in derselben Bahn  saßen. Heute ist gestern der britische Kollege – Waliser aus Schottland oder Schotte aus Wales, ich merke es mir nicht mehr – eingebürgert worden. Wir gratulieren und machen einen Witz über irgendetwas Deutsches, beim Einsteigen pfeifft der eine, seinem Gesangstouretteimpuls folgend, die ersten drei Takte von Rule, Britannia!. Er hört es aber nicht. Im Bus reden wir darüber, ob es bei dem Hof, der die Eier verkauft und jetzt auch Erdbeeren anbietet, Spargel gibt.

Dann stehste da

Ständig verheddert sich Alles und dann stehste da. Im Hinterhof hingegen der schwere Geruch der Fliederblüte, später dann wird’s etwas brenzlig. An unverhoffter Stelle liegen 10 Schwedische Kronen herum, die letzten Peseten würdest Du dann aber wohl vergebens suchen, suchtest Du sie. Auf dem Schreibtisch noch Briefmarken, das Weitere wird sich finden. Die Pläne sind jetzt fast fertig geschmiedet. Wort reiht sich an Wort, zu allem Überfluss. Die frühe Wärme des Frühlings, der Tage in Zahnangelegenheiten unterwegs gewesen, etwa am schönen Marktplatz. Große Strahlung der Stadt auf dem Weg zur Arbeit, dann, alles greift ineinander und fügt sich ins rechte Licht hinein, ohne dabei weiter groß aufzufallen.