Wieviel Maurer noch bei den Freimaurern logieren

Am Morgen stehe ich an der Bushaltestelle, gegenüber der Reitstiefel-Schuhmacherei. Der üblicheste Verkehr wie an jedem Freitagmorgen. Es kommen sich auf den gegenüberliegenden Spuren ein roter und ein grüner Betonmischlaster entgegen — sofort die Idee, dass die beiden Fahrer sich eigentlich grüßen sollten, da sehe ich auch schon, wie der eine mit einem speziellen Handzeichen den anderen erkennt. War das jetzt ein geheimer Freimaurergruß? Betonmischlasterfahrer stehen den Maurern ja nicht weit entfernt, wobei die Frage bleibt, wieviel Maurer noch bei den Freimaurern logieren, in dieser Zeit der Fertighäuser. Vorerst war es also ein Betonmischlasterfahrergruß.

 

Eine Woche fast lag der Brief nun bei mir herum, insbesondere aufgrund eines Wortes, dessen ich mir nicht so recht sicher war und das mir also quer in den Gedanken herumging, sodass ich die Kopie zunächst auf das Telefon übertragen musste, um den Brief dann, am Donnerstag, auf dem Weg zur Arbeit, nochmals zu lesen und dann am heutigen Freitag (morgens) letztenendes einzuwerfen.

Der Getränkemarkt, vor dessen Schaufenster der Briefkasten steht, hat eben dieses von innen fast vollständig mit Plakaten verklebt, die sich um Aufführungen des hiesigen Schauspielhauses, Kinder-Musicals, Atelierrundgänge, Literarischer Salon und sonstige kulturelle Angelegenheiten drehen.

Als ich, an der Rückwand des Toilettenhäuschens vorbei und über die Fußgängerampel, wieder an der Haltestelle stehe, fährt ein in diesem Ostblock-Himmelblau lackierter Trabant Kombi mit dem trabbitypischen Geräusch vor mir die Podbielskistraße quer herunter, von links nach rechts.

Hannah Arendt allerdings …

… ist auf eine Wand gepinselt im Hinterhof eines Hauses an der Ecke Lindener Marktplatz, wie ich an diesem Morgen gesehen hatte, im Vorbeigehen und ohne zu wissen, dass es ihr Geburtshaus ist.

***

Ich lese von Rainald Goetz „Klage“, das Buch hatte ich, ohne zu wissen, worum es sich handelt (nicht wovon es handelt) in einem Antiquariat gekauft. Dachte gleich nach den ersten zwei Seiten es ist wie ein Blog ohne Links und ausgedruckt und erfuhr dann doch, dass es genau dies ist. Welch dumme Idee von Suhrkamp. Ich werde zusehen, dass ich es schnell wieder loswerde. Ich weiß nicht, ob Goetz das drucken lassen musste, ob er oder der Verlag Geld brauchten, was auch immer, aber es ist tote Literatur, weil es aus seinem ureigenen Ökosystem herausgedruckt wurde.

***

Da hilft auch das vorangestellte Luhmann-Zitat nicht weiter, welches ich gleich als ein Zeichen deutete, mich doch jetzt endlich einmal wirklich umfänglicher, als dies an der Akademie möglich war, mit Luhmann zu befassen. P. hatte ja bereits an Jan. 12 auf meine Frage ein paar Hinweise gegeben und in der vorherigen Woche hatte ich zuletzt daran gedacht, aber das Gehirn ist ja sowieso ein ewiges Wiederholen unerledigter Sachen. Diese explorative Annäherung (wie auch sonst) gefällt mir aber, sich immer mit dem zu befassen, was einem gerade vor die Assoziationsfüße fällt durch den Nebel der eigenen Ignoranz. Das war jetzt so eine Metapher.

***

An diesem Morgen gute out-of-city-experience an der schönen Brücke, Paris oder etwas ähnliches.

***

***

Ein Mann mit langen, recht fettigen Haaren sitzt auf einem der Vierer-Plätze auf der anderen Gang-Seite in der Straßenbahn und fächelt sich mit einem Groschenroman Luft zu. Ich meine, ihn aus einem dieser untergegangenen Zusammenhänge zu kennen, vom Sehen. Steigt am Friedhof Lahe aus.

***

Ständig muss man zum Friseur, zum Zahnarzt oder die Drachen füttern.

***

Überschrift im Fahrgastfernsehen:

Eierlikör: Igel haben Kater

(Foto von einem Igel, Text nicht gelesen).

und direkt danach:

Großer Fun
105 kg Drogen

(Foto von irgendwelchen Stoffsäcken, die angeblich wohl Drogen enthalten sollten)

***

(Es stand dort allerdings Fund, das „d“ wurde nur von einer der Halteschlaufen verdeckt, aus meinem Blickwinkel).

[Nur eine Busfahrt]

20180613_190021.jpg

20180613_190023.jpg

20180613_190025.jpg

20180613_190026.jpg

20180613_190028.jpg

20180613_190030.jpg

20180613_190031.jpg

20180613_190033.jpg

20180613_190035.jpg

20180613_190037.jpg

20180613_190040.jpg

20180613_190118.jpg

20180613_190120.jpg

20180613_190122.jpg

20180613_190124.jpg

20180613_190126.jpg

20180613_190128.jpg

20180613_190132.jpg

20180613_190134.jpg

20180613_190136.jpg

20180613_190139.jpg

20180613_190142.jpg

20180613_190144.jpg

20180613_190147.jpg

20180613_190257.jpg

20180613_190301.jpg

20180613_190313.jpg

20180613_190314.jpg

20180613_190423.jpg

20180613_190424.jpg

Das trockene, untere Ende eines Weinkorkens

Als ich heute am Abend aus der Fabrik kam schien es zu schneien anzufangen, roch dazu aber zunächst nach frisch gemähter Wiese und dann wie das trockene, untere Ende eines Weinkorkens. Der Bus schaukelt einen dann zur Bahn usw. Im Hauptbahhof etwas zu erledigen gehabt, als ich aus dem Laden kam, wird auf dem Gleis daneben gerade der ME 2 nach Hamburg angesagt, dann denke ich so dran, wie es vielleicht sein könnte, heute noch dorthin zu fahren. Unten in der U-Bahn-Station steht eine junge Frau am Gleis und isst mit Stäbchen Nudeln aus einer Pappschachtel. Das war eine so großstädtische Geste, das langte dann schon & wer will schon nach Hamburg, wo die Leute viel unfreundlicher sind.

In der Bahn nachhause unterhalten sich dann zwei, wie sich herausstellt, Briefmarkensammler, ggf. auf der Fahrt zur Vereinssitzung im Freizeitheim. Der Eine begrüsst den Anderen mit Was macht die Sammlung? und wünscht ihm dann ein frohes neues Jahr noch und das Sie immer Zahlungsfähig bleiben. Der Andere schaut wohl etwas irritiert und dann sagt der Erste wieder, das wäre doch ein guter Wunsch, sagt der Andere wenn das so ist, dann wünsche ich Ihnen das auch... So ist man dann quitt und gerät ins Fachsimpeln.

Ich müsste die Filme mal zur Entwicklung geben.

[Einmal für drei Monate]

20171102_172140

In dieser Stadt liegt noch eine ganz andere, große Stadt, von der ich wirklich nur etwas geahnt habe und die ich nur durchquerte, bis jetzt, bis ich jetzt, beim erneuten und sozusagen fast täglichen Wiederholen der Durchquerung bemerke, das diese Quartiere eine ungeahnte Ausdehnung besitzen und das die Stadt in Gänze viel größer ist, als immer angenommen. Ich glaube, dass sich noch viel mehr überraschende Urbanitäten in allen Himmelsrichtungen finden könnten. Heute auf dem Weg nachhause die Idee gehabt, dass es wirklich ganz schön wäre, einmal für drei Monate in einem anderen Stadteil wohnen zu können, und dann wieder für drei oder vier Monate in noch einer ganz neuen Gegend. Das wird jetzt so eine Idee sein, die mich jahrelang verfolgen wird, das weiß ich jetzt schon. So legt man sich eine fixe Idee nach der nächsten in das Kästchen hinein, bis endgültig angebaut werden muss. Ende der Durchsage.

20171130_080006

Die Fotos passen nun noch nicht wirklich, da ich mich noch nicht getraut habe, einfach die Kamera oder das Telefon im vorrübergehen zu gebrauchen, beiläufig und verwackelt, um das Zittern zu kaschieren, im Dämmerlicht.

20171205_162345

20171206_080406

20171206_080428

Vielleicht das ich die Fotos dann einfach gegen andere austausche, es wird ja eh niemand bemerken.

20171213_081254

20171213_160328

20171213_160331

Denn was gegen alle Gegenden jenseitz der Bödeker bzw. Ferdinand-Wallbrecht spricht ist doch: Sie sind einfach zu weit entfernt von der Calenberger Neustadt, der Nordstadt und Linden. Aber für jeweils drei Monate, das könnte gehen. Man müsste natürlich die Wohnung behalten können.

20171213_160335

Und einmal hier drin kommst Du nie wieder raus, es sei denn Du bist Snake Plisken

20171213_160338

In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht

Das macht alles nichts, es ist nicht wichtig. Auf der Rückseite des hier als Lichtabtastung eingefügten Blattes Papier habe ich einen Brief an K. geschrieben, in dem Gänse sehr viel Raum einnehmen. Das ist auch genau richtig so. In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht, das bringt der November, der Dezember so mit sich. Die Tage gehen dahin und ich sitze am Morgen und am Abend in der Bahn und lese im Buch, dem wunderbaren Buch 4 3 2 1 von Auster, in dem er die Erfahrungen mit sich selber, die er in den letzten, autobiographischen Schriften gesammelt hat, umwandelt und gleich Leben sich ausdenkt und wie sie unterschiedlich sind und wie sie sich ähnlich sind. Wenn ich über die Noltemeyerbrücke fahre, am Morgen und auch am Abend, dann blicke ich immer noch kurz auf von der Lektüre, aber ansonsten könnte ich wieder wieder stundenlang so sitzen und die Schienen ruckeln unter mir dahin und die Geschichten ziehen vor meinen Augen vorbei. Viel Ersatzverkehr in der letzten Zeit, bei der einen Sache ist jemand betrunken gewesen zwischen Bahn und Bahnsteig geraten, als der Zug wieder anfuhr, und ist dann gestorben, da war die ganze Straße voller Blaulicht und die Polizisten und Polizistinnen suchten mit lichtstarken Taschenlampen die Schienen ab, da wusste ich es noch nicht, aber als ich es so sah, da ahnte ich, dass hier vor kurzem jemand gestorben war. Eine oder zwei Wochen später ist ein Mädchen von der Straßenbahn erfasst worden, sie ist neun Jahre alt und ich schreibe es so, weil sie immer noch neun Jahre alt ist, denn es ist beim Schrecken und ein paar Schrammen geblieben. Auch das passiert. Im Radio sind die Nachrichten um 10 Uhr abends zuende, es werden die Staus durchgesagt für das ganze Land, überall stehen die Menschen mit ihren Autos auf den Bahnen und warten, dass es weiter geht. Das kleine Radio, welches bei der Oma im Zimmer stand im Alterheim, in den letzten Monaten, das steht bei mir jetzt im schwarzen Billy-Regal und ist ganz richtig dort. Bald ist das Jahr vorbei.