3 kleine Kaiser

Es stehen in einem Schaufenster des chinesischen Restaurants 3 kleine chinesische Kaiser. Sie reichen mir nicht einmal bis zum Knie, sind recht dick und tragen edle, mit Gold verzierte Gewänder, die langen Haare sind an den Seiten zu Zöpfen geflochten, wenn ich es im Vorbeilaufen in Richtung Bäckerei richtig gesehen habe. Nachts, wenn niemand mehr sie beobachtet, schmieden sie Fluchtpläne oder plündern die Küche, eine ewige Suppe aufzusetzen.

Das trockene, untere Ende eines Weinkorkens

Als ich heute am Abend aus der Fabrik kam schien es zu schneien anzufangen, roch dazu aber zunächst nach frisch gemähter Wiese und dann wie das trockene, untere Ende eines Weinkorkens. Der Bus schaukelt einen dann zur Bahn usw. Im Hauptbahhof etwas zu erledigen gehabt, als ich aus dem Laden kam, wird auf dem Gleis daneben gerade der ME 2 nach Hamburg angesagt, dann denke ich so dran, wie es vielleicht sein könnte, heute noch dorthin zu fahren. Unten in der U-Bahn-Station steht eine junge Frau am Gleis und isst mit Stäbchen Nudeln aus einer Pappschachtel. Das war eine so großstädtische Geste, das langte dann schon & wer will schon nach Hamburg, wo die Leute viel unfreundlicher sind.

In der Bahn nachhause unterhalten sich dann zwei, wie sich herausstellt, Briefmarkensammler, ggf. auf der Fahrt zur Vereinssitzung im Freizeitheim. Der Eine begrüsst den Anderen mit Was macht die Sammlung? und wünscht ihm dann ein frohes neues Jahr noch und das Sie immer Zahlungsfähig bleiben. Der Andere schaut wohl etwas irritiert und dann sagt der Erste wieder, das wäre doch ein guter Wunsch, sagt der Andere wenn das so ist, dann wünsche ich Ihnen das auch... So ist man dann quitt und gerät ins Fachsimpeln.

Ich müsste die Filme mal zur Entwicklung geben.

In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht

Das macht alles nichts, es ist nicht wichtig. Auf der Rückseite des hier als Lichtabtastung eingefügten Blattes Papier habe ich einen Brief an K. geschrieben, in dem Gänse sehr viel Raum einnehmen. Das ist auch genau richtig so. In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht, das bringt der November, der Dezember so mit sich. Die Tage gehen dahin und ich sitze am Morgen und am Abend in der Bahn und lese im Buch, dem wunderbaren Buch 4 3 2 1 von Auster, in dem er die Erfahrungen mit sich selber, die er in den letzten, autobiographischen Schriften gesammelt hat, umwandelt und gleich Leben sich ausdenkt und wie sie unterschiedlich sind und wie sie sich ähnlich sind. Wenn ich über die Noltemeyerbrücke fahre, am Morgen und auch am Abend, dann blicke ich immer noch kurz auf von der Lektüre, aber ansonsten könnte ich wieder wieder stundenlang so sitzen und die Schienen ruckeln unter mir dahin und die Geschichten ziehen vor meinen Augen vorbei. Viel Ersatzverkehr in der letzten Zeit, bei der einen Sache ist jemand betrunken gewesen zwischen Bahn und Bahnsteig geraten, als der Zug wieder anfuhr, und ist dann gestorben, da war die ganze Straße voller Blaulicht und die Polizisten und Polizistinnen suchten mit lichtstarken Taschenlampen die Schienen ab, da wusste ich es noch nicht, aber als ich es so sah, da ahnte ich, dass hier vor kurzem jemand gestorben war. Eine oder zwei Wochen später ist ein Mädchen von der Straßenbahn erfasst worden, sie ist neun Jahre alt und ich schreibe es so, weil sie immer noch neun Jahre alt ist, denn es ist beim Schrecken und ein paar Schrammen geblieben. Auch das passiert. Im Radio sind die Nachrichten um 10 Uhr abends zuende, es werden die Staus durchgesagt für das ganze Land, überall stehen die Menschen mit ihren Autos auf den Bahnen und warten, dass es weiter geht. Das kleine Radio, welches bei der Oma im Zimmer stand im Alterheim, in den letzten Monaten, das steht bei mir jetzt im schwarzen Billy-Regal und ist ganz richtig dort. Bald ist das Jahr vorbei.

 

Der Schwindel

Der Schwindel, wenn man, mit der Kaffeetasse in der Hand, die Treppe im Firmen-Foyer hochgeht.

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Der Schwindel an der Bahnsteigkante, wenn die U-Bahn einfährt.

Der Schwindel: Vor dem Pissoir stehend, die Wand anstarrend.

Der Schwindel beim Betreten des Druckerraums, wenn einem die Ozonwolke begierig entgegenschlägt.

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Der große Rock’n’Roll Schwindel.

Der Schwindel in der Einflugschneise.

Der Schwindel, wenn man einmal in der Woche nicht auf den Weg schauen möchte, auf dem Weg zur Bushaltestelle, nach Feierabend, und statt dessen in den Himmel.

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Der schöne Schwindel in der Bibliothek, wenn man ein Buch aus dem untersten Regalfach genommen hat, und dann wieder aufsteht.

Auf schönem Drahtbügel

In der Reinigung am Lister Platz heute die Wäschestücke abgeholt zum Feierabend. Der Bus fuhr mir mit dem ewigen Rotlicht der Fußgängerampel davon. Also dann mit drei über den Zeigefinger gehängten Bügelhaken von dort noch die paar Stationen mit der Bahn nachhause gefahren, über den Hauptbahnhof.

Immer wenn ich einen dieser Drahtbügel sehe, oder gar in der Hand haben darf, muss ich an die Fernsehsendung denken, in welcher gezeigt wurde, wie sich die Raben in Tokio damit ihre Nester bauen.

An den Haken die Laufzettel der Reinigung, mit einer Sicherheitsnadel durchstochen, welche über den Haken gehängt wurde. Windiges und etwas regnerisches Wetter, aber so mit den gereinigten Kleidungsstücken in der großen Stadt unterwegs zu sein, das gefiel mir sehr gut.