Bleiches Grün

Kurzer Fußweg vom Kröpcke durch die Theaterstraße und zum Thielenplatz. Draußen vor einer Lokalität namens „Stadtmauer“ sitzen chinesische Messegäste oder Touristen. Einige Schritte weiter fällt mir ein, wie ich vor Jahrzehnten hier einmal im Sommer an der Straße gestanden und auf jemanden gewartet habe, vor einem Französischkurs. Mir fallen die Blätter der Platanen wieder ein, die rechts und links neben der Straße stehen, ihr ein wenig bleiches Grün dieses kurzen Augenblicks. Es sind die gleichen Bäume, die dort noch stehen und in denen die Dohlen und Krähen sind. Am Thielenplatz warte ich noch, an eine Litfaßsäule gelehnt, bis ich die Aufnahme beende. Menschen gehen und Autos fahren vorbei. Der 121er Bus. Über die Brücke zwischen Thielenplatz und Schauspielhaus fährt ein Metronom. Auf einem Plakat steht „Sushikino“.

Wieviele Dohlen jetzt in den Bäumen der Theaterstraße wohnen

und in den Ästen sitzen und sich mit den Krähen besprechen, dass ist mir ja heute am Abend aufgefallen, als ich auf dem Wege zu einer Vermessung von Körperteilen mich befand. Das Arbeitsjahr heute bravourös abgeschlossen.

Noch immer blühte die Gänseblume auf dem grünen Streifen neben dem Logitstik-Unternehmen, auch noch sichtbar: der neu eingesähte Rasen über dem frisch verlegten Glasfaserkabel, so grün wie die junge Hoffnung, immerhin. Davon habe ich kein Foto gemacht. Aber von der Gänseblume.

Der christliche Glaube der Sponsoren

Die Dohlen und die Krähen fliegen gemeinsam ein Stück des Weges am Morgen, sie rufen sich zu in ihren unterschiedlichen Lauten und der Wind. Später dann auch Gänse in der Luft, sie fliegen schräg in Richtung der nahen Autobahn über die Felder in Richtung des Sees. Tatsächlich am Abend, als ich aus dem Gebäude in das Dämmerlicht trete, dann riecht die Luft wie der Bonbonstand auf dem Jahrmarkt nach süßem Pfefferminz. Auf einen Tieflader werden zwei Unfallwagen verladen für den Export, in den Kofferraum des einen laden Menschen noch Koffer und mit schwarzer Folie umhüllte Pakete. Im Kreisel sitzt eine Elster im hohen Gras, das die Gemeinde hier stehen lässt. Weiterhin stehen auf dem Kreisel aus rostigen, metallenen Platten geschnittene Silhouetten, die repräsentieren sollen: einen Feuerwehrmann, ein Mädchen auf einem Pferd, eine Frau, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem Nudelholz in der einen Hand und einer Maske in der anderen, ein fußballspielender Junge und ein kleines Mädchen mit Röckchen und auch einem Ball, in ihren Händen.

So sind hier die Zeiten eingeordnet. Nicht weit entfernt, vielleicht eine drei¼ Stunde mit Bus und Bahn, wohnt einer, der nur mit besonderen Wassern malen kann, aber malen muss er. Da ist das eine Bild von einem großen Fisch, das er malte mit Wasser aus einer Wärmflasche. Dann ist da das Bild von einer großen Katze mit einem buschigen Schwanz, sie sitzt in der Fensterbank nnd schaut wohl aus dem Fenster hinaus. Dieses Bild wurde gemalt mit einem Rest Wasser, welches aus einer Flughafentoilette in Amsterdam-Schiphol stammt. Der überwiegende Teil wurde aber benutzt, um damit eine Sukkulente zu bewässern, die auf derselben Fensterbank in einem zu engen Topf steht, auf der die gemalte Katze gerne sitzen würde, um in den Hinterhof hinaus zu schauen und die Menschen in den gegenüberliegenden Fenstern zu beobachten. Diese Katze hat kein Notizbuch.

 

Auf dem Kanal die Schiffe Alina (am Morgen, festgemacht zwischen Brücke und Brücke), dort im Vorbeifahren ein Blick in das erleuchtete Küchenfenster, was es wohl zum Frühstück gibt auf so einem Kahn, am Abend dann die Polaris und die Franziska, letztere kein langes Schiff, sondern eine in verrostetem Blau-Gelb gemalte Schiebeeinheit, welche große, tief im Wasser liegende Behälter in Richtung Schleuse Anderten schob. Heimathafen Berlin.

Die Tabernakel der dunklen Begierde, das Sägewerk der guten Wünsche und die Gänse, heute wieder in der Luft. Bitterer Wermuttee in meiner Tasse, an den schweren Abenden.

Die Lesebrille, die mich jetzt immer begleitet und die immerzu von den fettigen Fingern verschmutzt werden wird, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Einer der andauernd sendenden Bildschirme vermeldete die Taufe eines Zwillingspaares von Pandabären in Belgien — die Katze auf der Fensterbank notiert daher in ihr imaginiertes Notizbuch, sie würde es durchaus begrüßen, wenn man bis zur Volljährigkeit warten würde, und die Tiere dann selbst entscheiden könnten, ob sie den christlichen Glauben der Sponsoren annehmen möchten.

Was kann ich denn dafür, wenn die Katze das denkt.

Miniaturen (1): just another word

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Im Eingangsbereich des Supermarkts an der großen Straße sitzt ein Einbeiniger im Rollstuhl. Er hält ein Telefon in der Hand, auf welchem eine Mariacchi-Kapelle eine bekannte Nummer spielt.

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Der Straßenbahnfahrer hatte auf einer kleinen Ablage in der Fahrerkabine eine Tasse stehen, darauf waren konsequenterweise die Worte „Wild and Free“ aufgedruckt sowie die Silhouetten von Nadelbäumen, wie z. B. Kiefern.

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An einem Abend ging ich noch Einkaufen auf dem Heimweg. Da bemerkte ich eine Frau mit einem Rollator, die leise vor sich hin sang, es war kaum zu vernehmen.

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Mit bloßen Füßen

Einer der schönsten Momente beim Klassentreffen am letzten Wochenende war, ich fand es jedenfalls, als wir einen kurzen Weg am Abend gingen, den Kainer Weg hinunter und bis zu der kleinen Brücke über die Lachte. Das Wasser des kleinen Flusses ist dort ganz klar und nicht tief und wir zogen die Schuhe aus und wateten ein wenig durch das sandige Flussbett den Flusslauf hinunter, in der Abendsonne. Dann ging ich mit bloßen Füßen, damit die wieder trocken werden, über die warme Straße. Zwei oder drei schwarze, glänzende Käfer, die diese überquerten.

Unterm Strich

 

Unterm Strich

Ein halbes Dutzend Pixel bleibt über unterm
Strich, Schimmern, das Dich von den Andern unter
scheidet, sanft, dank der Technologie der Körper

teile dies mit deinen Freunden, sei die erste
der das gefällt. Sodann schneide dem Tier die
überzähligen Haare ab und leg sie in die

Schatulle aus Ebenholz, sieb zigprozentige
Seide und dreissig prozentiger Stahl, Teil
eines verborgenen privaten Projekts.

Tungsten Pentachloride

Die Kälte macht mit mir, dass ich mich gerade sehr lebendig fühle, auch wenn sie mich anstrengt. Ich bewundere die Vögel, diese kleinen Wesen, wie sie es schaffen nicht zu erfrieren. Am einem Morgen, bevor es kalt wurde, hörte ich die Amsel zum ersten mal singen. Momentan hört man aber nichts davon, welchem Vogel jetzt der Baum, der Busch, der Giebel und die Antenne auf dem Dachfirst gehört. Das fängt dann wieder an. Am Abend noch einen kurzen Weg mit dem Fahrrad gefahren, um Wein und Bier und Milch und Butter zu kaufen. Zwei Meisen flatterten durch die Birkenzweige, als ich das Rad an der Laterne vor dem Haus anschloss, als wenn nichts wäre, ungewöhnlich leise war ihr Zwitschern jedoch. Via Mail wird mir Tungsten Pentachloride angeboten.

Gestern oder heute sagte ich zu den beiden Kollegen, dass dieser plötzliche Winter für mich ein wenig eine Normalität wieder herstellt. Dabei das latente Wissen, das es sich gewissermaßen um eine Simulation handelt und dass das Eis am Nordpol trotzdem weiter schmilzt. Jeden ersten Augenblick der dunkle Abgrund der Dystopie, der seinen gierigen Schlund unter den Füßen aufsperrt, jeden zweiten Augenblick die glitzernde Welt der Science-Fiction, in der die Maschinen endlich unsere Arbeit machen.