Kleiner Wald, vorsichtig noch

Um das Flüchtlingsheim herum an der Straße, rein oder aus der Stadt raus, wächst ein kleiner Wald, vorsichtig noch, denn wie lange lässt man den dort stehen? Die Container wirken, aus dem Busfenster betrachtet, ruhig und gelassen. Türen stehen offen, Stühle, die aussehen wie von Behörden ausgemustert, auf dem Weg zwischen den Wohnstätten, eben trägt einer ein Netz mit Einkäufen nachhause. Schon ist der Blick vorüber geglitten, der Kopf hängt noch Worte hintenan wie etwa Flüchtling, Liebling, Schmetterling singt ein Lied vom Frühling, vom letzten Sommer vor dem Faschismus.

hieroglyphen und algorithmen

 leichter drangsal auf den billigen plätzen – es werden cocktails mit peroxid gereicht und alle lösen auf einmal ihre coupons ein, weil es kein morgen gibt, jedenfalls heute nicht. hieroglyphen und algorithmen bestimmen unser handeln, heute noch mehr als wie gestern. bunter niederschlag allerorten, handschlag handschlag umschlagplatz, wer wenn nicht jetzt, wann wenn nicht hier. wo wenn nicht woanders.

Nur ein Gefühl

Im Moor steht Wasser. Auch der See hat keine kahlen Stellen mehr, nach über einem Jahr ist er wieder bis zum Rand gefüllt. Es war ein gutes Jahr für den Wald, hier in dieser Gegend, aber das ist nur ein Gefühl.

Heute am Morgen dann auch die „Ballade von den Seeräubern“ im inneren Ohr, die haben wir auch immer gesungen auf Fahrt. Und das Lied von den Moorsoldaten, das ist aber nicht in diesem Moor entstanden. In diesem Moor waren die Sinti interniert.

Am Abend, am Kanal. Ich habe mit dem Rad kurz angehalten, um zu schauen, ob noch Einkaufswünsche ankamen, die ich dann überlesen kann. Ich stehe auf einer kleinen Terrasse, die in den Kanal hineingebaut ist, mit einer Rampe, auf der kleinere Schiffe ins Wasser gebracht werden können.

Die Dunkelheit fällt jetzt wieder schnell herab vom Himmel, eine Bewegung, ein Rattenschatten läuft jenseits des Geländers, auf der Wasserseite, auf dem kleinen Vorsprung, entlang, springt dann ohne zu zögern ins Wasser am Ufer, ich sehe sie noch ein paar Züge schwimmen, dann taucht sie unter. Als wenn das einfach der gewohnte Weg wäre. Sie hatte einen schönen braunen Pelz, die Ratte.

Kurier dich mit Bier und Kriechstrom, der übrig blieb von der Phantomspeisung

(Irgendwann zwischen Februar und März)

Im Biosupermarkt im Hauptbahnhof beobachte ich, wie einer nach dem Bezahlen sieben kleine Flaschen Bier in einen schwarzen Handgepäck-Koffer tut. Dazu muss er einen kleinen Hartschaumball und ein Panda-Kuscheltier auspacken. Der Panda findet wieder Platz im Koffer, der Ball muss in einen Rucksack ausweichen, den er zusätzlich mit sich führt. Zuvor hatte er schon das Misstrauen des Wachmenschen im Drogeriermarkt geweckt, weil er wohl das Duschgel nirgendwo finden konnte, und dann plötzlich den Korb auf einem Stapel Toffifee abstellte, um den Laden zu verlassen und zu Sanifair zu eilen.

Phantombild

Zwischen all der Werbung auf einem der großen Monitore im Bahnhof am Morgen plötzlich ein computergeneriertes Kinderbild: FAHNDUNGSAUFRUF UNBEKANNTE KINDERLEICHE.

In der Dämmerung sitze ich wieder im Bus und sehe, auf einer großen LED-Werbetafel, etwas entfernt und in einer Stichstraße, wieder das berechnete Kinderbild. Ein Geist, der an verschiedenen Orten der Stadt erscheint, manchmal gleichzeitig. [4.1.23]

Geste der Selbstbehauptung

An dem einen Tag in dieser Woche war ich sehr früh (7:15) in dem Supermarkt, nur um die belgischen Bierflaschen in den Pfandautomaten zu stecken. Danach in den Supermarkt rein, aber nur um bei den direkt im Eingangsbereich aufgebauten Adventskalendern die Abmaße festzustellen. Dazu hatte ich extra einen Zollstock mitgebracht.

Aufgeschriebenes aus den Monaten

(ca. 28.4.) Überall lauert die Vergangenheit: Heute der Spaziergang durch den Wald und dann die Hohenzollernstraße, die Villa, in der früher das Institut sich befand. Wir standen vor dem Eingang unter dem Vordach, Hochparterre, und rauchten.

(12.8.) Morgens die Passfotos (biometrisch) im Bahnhof gemacht und dann, mit den soeben gedruckten Fotos in der Hand, über den Bahnhofsvorplatz gerannt, dem Busfahrer des 900ers winkend mit der anderen Hand, dass er warten möge, was er dann auch getan hat.

(ca. 28.8.) Die, die ein unbestimmtes Publikum, und die Luft anschreien. Da war etwas die Frau hinter mir im Bahnhof, an einem Morgen um den 28.8., die den Satz „Wenn du mit dir selbst redend durch den Bahnhof läufst, wirst du abgeschoben. Auf dich wartet nur noch das Grab.“ sagte und wen meinte sie damit?

(7.9.) An jedem dieser Tage, die alle der letzte Sommertag sind, sitzen wir auf dem Balkon und trinken den Wein der Unvernunft, bis die Fledermäuse fliegen und es Zeit ist. Um eine kleine Glasschale mit eingetrockneter Aprikosenmarmelade darin kreisen die letzten Wespen. Häufig lassen sie einander in Ruhe, manchmal kämpfen sie eine Sekunde miteinander. An jedem dieser Abende gebe ich ein oder zwei Teelöffel Wasser dazu, so wird die Marmelade und der Zucker wieder etwas gelöst. Eine graue Scherbe liegt darin, an der die Wespen herumklettern können, so kommen sie auch gut an das Wasser heran.

(15.10.) Die Scherbe stammt von einem dieser grauen Teller, die aus dem Haushalt der Eltern übergegangen sind, wohl mit der Wohnung mit dem Blick auf den alten Fernsehturm in der Ferne, dann in die heutige Wohnung, einen hatten wir als Blumentopfuntersetzer draußen auf dem Balkon stehen und dann kam ein Sturm. Die Scherbe war danach unten über dem Wasserloch in einem tönernen Blumentopf, heute liegt sie weiter in der Glasschale, darin noch ein letzter Rest der ganz vertrockneten Marmelade, die Wespen aber sind alle weg.

(16.10.) Die Pappeln sind jetzt gefällt.

(28.10.) Gestern Abend waren Fledermäuse am Kanal, in der Dämmerung. Habe 11 gezählt. Heute vor Sonnenaufgang auf dem Rad. Im T-Shirt. 28 Oktober.

(30.10.)

 
(31.10.) Noch vereinzelte Wespen in der Luft.