Ich hatte die Vermutung, besser: Befürchtung, dass die Sofortbild-Kamera, die ich wirklich sehr gerne habe, durch

einen kleinen Umfall, den ich irgendwann im Frühjahr des Jahres ertrug, einen Schaden bekommen haben könnte, der – im Gegensatz zu dem Schaden, den ich selber im Zuge dieser Angelegenheit mit mir nahm – nicht durch ein wenig Keramik und UV-Licht aus der Welt zu schaffen wäre. Obschon sie auf der einen von vier Einstellungen immer noch Fotos mit Sichtbarkeit ausfertigte, gab es Bilder, die bei mir Zweifel hatten aufkommen lassen. Jedoch: Neulich nahm ich allen Mut, der dafür notwendig war, zusammen und fertigte testweise auf jeder Einstellung ein Foto an, mit einem Resultat und diese Fotos sind hier, in einer Übertragung ins digitale Format, nun sichtbar.

Eine weitere Erkenntnis, die ich dabei hatte: Der (übrigens mechanische) Zähler zählt nach unten und zeigt die verbleibenden Bilder an. Ich schreibe das hier auf, um es mir zu merken. Es sind jetzt noch drei schwarzweiße Fotografien verfügbar. Ich denke schon eine ganze Weile, also bereits mehrere Tage, darüber nach, wie ich diese drei Bilder so fotografieren kann, dass es gut ist. Es hätte dazu ein paar Gelegenheiten gegeben, jedoch hatte ich dann am Morgen den Fotoapparat nicht in den Rucksack gelegt, oder aber ich hatte den Fotoapparat dabei, jedoch keine Zeit, für das Motiv aus der Bahn auszusteigen oder es gab sogar garkein Motiv, denn das man jeden Tag dieselbe die gleiche Bahnstrecke entlangfährt, bedeutet ja noch lange nicht, dass an jedem Tag dieselben Bilder ebd. gemacht werden könnten: eher im Gegenteil: Ein Bild, dass an dem einen Tag aufgenommen werden könnte, kann am Darauffolgenden (und sogar für alle Ewigkeit) bereits verloren sein (das ist tatsächlich immer der Fall) und handelte es sich nur um die Fotografie eines Baumes oder eines Papierkorbs am Wegesrand.#

Groovy kind ov lov.

Beweismittel einer oder mehrerer Existenzen

Heute auf dem Weg nachhause in der Bahn T. getroffen, den ich von einer vergangenen Arbeit für eine Bande von Hampelmännern kenne. Er arbeitet im Spiegelpalast, dort wo die Bahn die Biege macht und ich erwartete eigentlich schon die ganze Zeit über, dass wir uns, sei es am Morgen oder am Abend, einmal in der Straßenbahn treffen. Berichtete mir von Wäschekörben voller Anträge, die, noch auf Papier geschrieben, aus eine ausgeklügelt merkwürdige Weise dortselbst verarbeitet würden, so das gewisse Systemtheoretiker ihre allerhellste Freude daran hätten. Wir schreiben uns hier und da kurze Nachrichten in unsere Telefone hinein. Zu diesem hermetischen Gebäude, welches eine gewisse Faszination auf mich ausübt, gibt es bereits einen Textentwurf hier in den unfertigen Texten, die auf der Festplatte im Rechenzentrum schlummern, dort also, wo auch der ganze Rest der Dateien liegt, die hier als Beweismittel einer oder mehrerer Existenzen, die sich teilweise überlappen und teilweise widersprechen, aufgeführt werden. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich Zeit gefunden habe, die ganzen Notizen zu diesem Buch, welches ich in dieser Zeit, als der unfertige Text entstand, las und um welches es dort eigentlich sich doch handelt, zu verarbeiten und in einen größer gedachten Zusammenhang zu stellen, wird sich vielleicht noch genauer zeigen, worum es mir dabei geht.

20180110_173059 — dieses Foto habe ich gestern abend aufgenommen. Es zeigt den Funkturm dieser Stadt und hat nichts und sehr viel mit diesem Text zu tun und allem.

[Einmal für drei Monate]

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In dieser Stadt liegt noch eine ganz andere, große Stadt, von der ich wirklich nur etwas geahnt habe und die ich nur durchquerte, bis jetzt, bis ich jetzt, beim erneuten und sozusagen fast täglichen Wiederholen der Durchquerung bemerke, das diese Quartiere eine ungeahnte Ausdehnung besitzen und das die Stadt in Gänze viel größer ist, als immer angenommen. Ich glaube, dass sich noch viel mehr überraschende Urbanitäten in allen Himmelsrichtungen finden könnten. Heute auf dem Weg nachhause die Idee gehabt, dass es wirklich ganz schön wäre, einmal für drei Monate in einem anderen Stadteil wohnen zu können, und dann wieder für drei oder vier Monate in noch einer ganz neuen Gegend. Das wird jetzt so eine Idee sein, die mich jahrelang verfolgen wird, das weiß ich jetzt schon. So legt man sich eine fixe Idee nach der nächsten in das Kästchen hinein, bis endgültig angebaut werden muss. Ende der Durchsage.

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Die Fotos passen nun noch nicht wirklich, da ich mich noch nicht getraut habe, einfach die Kamera oder das Telefon im vorrübergehen zu gebrauchen, beiläufig und verwackelt, um das Zittern zu kaschieren, im Dämmerlicht.

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Vielleicht das ich die Fotos dann einfach gegen andere austausche, es wird ja eh niemand bemerken.

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Denn was gegen alle Gegenden jenseitz der Bödeker bzw. Ferdinand-Wallbrecht spricht ist doch: Sie sind einfach zu weit entfernt von der Calenberger Neustadt, der Nordstadt und Linden. Aber für jeweils drei Monate, das könnte gehen. Man müsste natürlich die Wohnung behalten können.

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Und einmal hier drin kommst Du nie wieder raus, es sei denn Du bist Snake Plisken

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In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht

Das macht alles nichts, es ist nicht wichtig. Auf der Rückseite des hier als Lichtabtastung eingefügten Blattes Papier habe ich einen Brief an K. geschrieben, in dem Gänse sehr viel Raum einnehmen. Das ist auch genau richtig so. In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht, das bringt der November, der Dezember so mit sich. Die Tage gehen dahin und ich sitze am Morgen und am Abend in der Bahn und lese im Buch, dem wunderbaren Buch 4 3 2 1 von Auster, in dem er die Erfahrungen mit sich selber, die er in den letzten, autobiographischen Schriften gesammelt hat, umwandelt und gleich Leben sich ausdenkt und wie sie unterschiedlich sind und wie sie sich ähnlich sind. Wenn ich über die Noltemeyerbrücke fahre, am Morgen und auch am Abend, dann blicke ich immer noch kurz auf von der Lektüre, aber ansonsten könnte ich wieder wieder stundenlang so sitzen und die Schienen ruckeln unter mir dahin und die Geschichten ziehen vor meinen Augen vorbei. Viel Ersatzverkehr in der letzten Zeit, bei der einen Sache ist jemand betrunken gewesen zwischen Bahn und Bahnsteig geraten, als der Zug wieder anfuhr, und ist dann gestorben, da war die ganze Straße voller Blaulicht und die Polizisten und Polizistinnen suchten mit lichtstarken Taschenlampen die Schienen ab, da wusste ich es noch nicht, aber als ich es so sah, da ahnte ich, dass hier vor kurzem jemand gestorben war. Eine oder zwei Wochen später ist ein Mädchen von der Straßenbahn erfasst worden, sie ist neun Jahre alt und ich schreibe es so, weil sie immer noch neun Jahre alt ist, denn es ist beim Schrecken und ein paar Schrammen geblieben. Auch das passiert. Im Radio sind die Nachrichten um 10 Uhr abends zuende, es werden die Staus durchgesagt für das ganze Land, überall stehen die Menschen mit ihren Autos auf den Bahnen und warten, dass es weiter geht. Das kleine Radio, welches bei der Oma im Zimmer stand im Alterheim, in den letzten Monaten, das steht bei mir jetzt im schwarzen Billy-Regal und ist ganz richtig dort. Bald ist das Jahr vorbei.

 

Menschen in der Stadt

Der Kiosk hat ein Verkaufsfenster für die Vorbeieilenden und einen Laden, in dem ich stehe. Am Fenster der Einarmige in der Jeansweste, der einen anderen Akzent hat als der Mensch im Kiosk, möchte ein „Chindeler“, der Kioskmann versteht aber nur „Krombacher“. Ich hole ein „Lindener“ aus dem Kühlschrank, halte es dem Einarmigen hin und frage, ob er das möchte. Der nickt. Kioskmann und Einarmiger zufrieden.

Die Bahn, mit der ich jetzt fahre, fährt zu einer Haltestelle, an der sowohl die ‚Swiss Life‘ als auch die ‚HDI‘ große Niederlassungen haben. Gestern saß mir schräg gegenüber eine Frau im schwarzen Kleid, die hatte eine Tasche dabei, auf welcher, über die ganze Tasche verteilt, die Buchstaben „MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK“ geschrieben standen. Auch hatte sie kürzlich einen teuren Friseur besucht und las in der Zeitschrift „Glanour“. Ein Mann im Jeanshemd, ausgetretenen Schuhen und mit halber Glatze, der hinter ihr Stand, las unbemerkt und interessiert mit. Mir direkt gegenüber eine Dame, die eine ganz ähnliche Mode trug wie die Glamour-Frau, nur in der Ausführung nicht ganz so glatt. Aus der Tragetasche neben ihr ragten Blumenköpfe.

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Am Abend stieg ich an der Noltemeyerbrücke aus, gleich steht dort auch ein Mann mit einem knallblauen Turban auf dem Kopf, mir gegenüber an der Fußgängerampel, außerdem Holzfällerhemd, Stone-Washed-Jeans, Turnschuhe und ein grauer Bart. Das war am 28. August diesen Jahres.

Historische Bauten aus einem untergegangenen Land

Als ich gestern mit der Straßenbahn aus Altwarmbüchen zurück in die Innenstadt fuhr, auf der Noltemeyerbrücke, da kam gerade ein Schiff den Kanal hinaufgefahren in Richtung Anderten/Schleuse. Froh darüber gewesen, dass der Mittellandkanal durch die Stadt gebaut ist und ich aus der Straßenbahn hinaus die Schiffe sehen kann, wenn denn gerade einmal eines zu sehen ist. Das war so ein Moment wie wenn in Berlin eine Straßenbahn durch ein Haus hindurchfährt.

Während ich das hier schon schreibe, also nachdem ich den ersten Absatz geschrieben habe, die Schlafanzughose angezogen, zwei T-Shirts, 2 Paar Socken und eine Boxershorts auf den Heizkörper-Wäscheständer gehängt, denn auch wenn der Balkon durch den darüberhängenden Balkon überdacht ist, wird die Wäsche beim wiederum andauernden Regenfall einfach nicht richtig trocken draußen. Das Notizbuch gesucht, denn während der Fahrt habe ich gestern auch ein paar krickelige Notizen aufgeschrieben, die ich nachlesen möchte.

Wohnpark Altwarmbüchen. Besteht aus gleichförmigen Häusern mit Fassaden in Brauntönen. Es sind historische Bauten aus einem untergegangenen Land. In den umgebenden Einfamilienhaus-Clustern gibt es offenbar einen Trend, mit exotischen Baumgewächsen anzugeben.

U-Bahn-Station Kröpcke, Ebene -1 (Verteilebene)

Den halben Tag in Bankgeschäften unterwegs gewesen, gezwungenermaßen. Mit dem neuerworbenen Monatsticket etwa zum Kröpcke gefahren, dort die Türen der Filiale verschlossen vorgefunden, dann wieder nachhause, um später noch einmal den gleichen Weg zu nehmen. Auf dem Rückweg über Niedersachsenring und mit Bier für ca. 5 Euro, Schuhen für ca. 150 Euro sowie Medikamenten für ca. 3.600 Euro bepackt nachhause gelaufen. Das Bier wird z. Zt. getrunken und was davon ausgedacht ist, kann sich jeder selber ausdenken.

Nudeln mit Gulaschsuppe

Heute am Morgen, auf dem Weg zu meinem Termin, habe ich im Aegi eine der neuen Bahnen erwischt. Ich fuhr in eine Gegend der Stadt, in die ich sonst nie fahre. Die jetzt viel leiseren neuen Triebwagen, die helle LED-Beleuchtung und dazu noch eine Parfumwolke, die in den Wagen eingebracht worden war und sich mit dem Geruch der neuen Sitze und Türdichtungen vermischte, also wie im Duty-Free-Shop im glitzernden Flughafen, etwa Schiphol. Noch dazu saß ich als alternative Version meiner selbst dort auf den neuen Schalensitzen, mit der lila Krawatte und in Gedanken bereits im Flugmodus, so dass ich mich, mehrere Sekunden lang, tatsächlich in einer groß angelegten Transit-Situation befunden haben muss, denn auch die Zeit verging viel schneller, als sie es normalerweise tut.

Dann der Wechsel zum letzten geklauten Dienstag, bis in unvorhersehbarer Zukunft. Rückfahrt entlang der an der Bahnstrecke aufgereihten Hannoverschen Kaffeemühlen (der Pfeffersäcke, damals wie heute), Nudeln mit Gulaschsuppe, am Nachmittag im Erdgeschoss-Kino im Anzeiger-Hochhaus. „Monsieur Pierre geht online“. Der alte Pierre Richard und ich hingegen seit 1 1/2 Tagen auf der Suche nach einem französisch erinnerten Namen, wie mich jeder fünfte beim Abspann daran erinnert, ist eine andere Geschichte.