Wir saßen dann evakuiert im Elternhaus

Gestern und heute waren wärmere Tage, aber ansonsten war es ungewöhnlich kühl arschkalt in der letzten Zeit. Die Heizung musste immer wieder laufen. Habe die Vermutung, dass der Golfstrom jetzt doch die Richtung wechselt oder kälter wird und aber niemand es für nötig befunden hat, dies einmal zu thematisieren, geschweigedenn. Heute wieder einmal in der Gegend Lister Damm / Pelikanviertel usw. gewesen. Am Immengarten (und das ist wirklich einmal ein sehr schöner Straßenname) sind, von mir bisher unbemerkt, neue Häuser entstanden, wie sie jetzt überall gleichförmig gebaut werden, mit herausragenden kubischen Balkonen und einer Struktur verschobener Quadern. Tetris-Moderne. In Bremen und Hamburg und wo auch immer bereits ähnliches gesehen. Es sind jedenfalls weitere Beweise dafür, dass die Stadt immer dichter bebaut wird und die Lücken sich schließen.

Immer, wenn ich solche Zäune sehe, die an Brachen oder Baustellen angrenzen, dann muss ich daran denken, ob dies ein guter Ort für die Diskettenkunst „a.a.O. (1)“ wäre, die eben leider doch nicht an den nächstbesten Maschendrahtzaun gehängt werden kann.

Das hier jedenfalls ist noch ganz neu und mit Sicherheit werden sich die schönen, glatten Menschen hier wohlfühlen, für die diese Bauwerke errichtet wurden, während sie im Internet nach Achtsamkeitsseminaren googlen, weil sie so eine Leere im Innern verspüren. Zwischen Podbielskistraße und Mittellandkanal aber, mehr in Richtung Mittellandkanal, gibt es sehr viele Kleingärten, in die ich auf dem Rückweg von meinem Termin kurz reingerate, in der Radellaune, in der ich mich befinde. Ein Wegweiser zeigt „Zum Zahlengarten“ an, den ich aber leider nicht entdecken kann. Auch kann ich mir darunter nichts vorstellen. Erinnere mich gerade an das Déja Vu, dass ich hatte, als ich das letzte Mal in genau dieser Straße gewesen bin, bzw. wiederholte sich dieses gerade oder setzte sich fort. Sie kennen das.

Sie haben vielleicht von der Bombenentschärfung vor ca. einer Woche gehört. Auch dort, wo das nun verkleinerte Busdepot war und davor noch ein Straßenbahn-Betriebshof, Wohnungsbau. Dagegen ist jedoch eigentlich nichts zu sagen, die Menschen müssen wohnen und jedenfalls ich möchte hier keine Hamburger Verhältnisse haben. Wir saßen dann evakuiert im Elternhaus am Stadtrand und lasen in regelmäßigen Abständen auf den Handies, wie es um die Dinge stand. Sobald es etwas Neues gab, erzählten wir uns davon, sprachen auch sonst darüber, wieviele Bomben es wohl noch gäbe in der Erde, wie die Oma einmal ein neues, weißes Kleid anhatte und dann in den Luftschutzkeller musste, usw. Ich habe aber auch, zumindest teilweise, den Wikipedia-Artikel über Amseln gelesen und erzählte auch davon. Am Morgen nämlich eine Amsel gehört, wie sie vor dem Fenster sang, natürlich ein ganz anderes Lied als der Vogel in unserem Baum. Eine Zweite antwortete jedenfalls, ein ganzes Stück entfernt, mit eigentlich garnicht zu unterscheidenden Wiederholungen des jeweils vorangegangen Melodiestückes. Das nennt sich Kontergesang und der jeweilige Vogel möchte damit zeigen, dass ihm der Baum gehört.

Dies ist ein Film von dem Busdepot, aufgenommen am 17. November 2011. Sehr vieles, was dort zu sehen ist, ist nun verschwunden: Die Bahnschienen, die immer noch im Kopfsteinpflaster lagen, die Häuser, das Kopfsteinpflaster selber und das gelbe Licht der Laternen. Die Laternen selber. Tunken wir doch den Kupferdraht tiefer in den Äther ein vergewissern uns, dass es einmal eine Vergangenheit gab.

Ein Rudel Löwen

Letzte Nacht gegen Morgen einen dieser wunderbar bunten Träume gehabt, in denen ich mir immer so interessante Landschaften (vielmehr Orte) ausdenke. Dieses mal war in Hamburg in einer Art von Vulkankrater eine Parklandschaft entstanden. Ein Fluss floss hindurch und fast ringsum ragten Klippen empor, an deren Rändern sich Terrassen von neu gebauten, teuren Wohnhäusern befanden. Gartenstühle und Liegen standen also kurz vor dem steilen Hang. Sie waren weiß gestrichen. Ich glaube tatsächlich, das alles war künstlich erbaut worden. Ich sagte zu dem Menschen, der mit mir dort entlangging (ich meine, wir suchten das Auto, mit dem wir gekommen waren), dass wir in Hannover schon seit längerem etwas ähnliches hätten, aber das würde natürlich wieder einmal niemand beachten.

Dann, ich glaube es war aber jetzt woanders, wurde eine Art Versteckspiel gespielt. Wie so oft in Träumen, fing die Sache als Spiel an, es war aber schnell nicht mehr so ganz klar, was passieren würde, würde man entdeckt. Es begann an einem Bahndamm in einer Schrebergartenkolonie o.ä.. Zu Beginn lief ich, so schnell es ging, einen langen Feldweg herunter und versteckte mich dann, allerdings mit ein paar anderen noch, hinter einem Stapel gefällter Bäume, die am Wegesrand lagen. Ich wollte mich jedoch nicht gemeinsam mit anderen Menschen verstecken, weil ich es für ungefährlicher hielt, mich alleine zu bewegen. Ich lief also, jetzt nicht mehr ganz so schnell, rechts in einen weiteren Weg, der zwischen Wiesen entlangführte. Auf einer eingezäunten Weide (das Gatter stand aber weit offen) lag ein Rudel Löwen, ganz nah am Wegesrand. Anstatt mich zu fürchten fand ich es schön, dass mitten in der Stadt solche Tiere lebten und man sie einfach so ansehen konnte. Sie waren auch ganz unaufgeregt und lagen einfach nur so rum. Ein oder zwei Wiesen weiter dann Elefanten, auch hier ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen. Es kann sein, dass es auch noch Affen und Giraffen gab, aber das kann ich mir auch im Halbschlaf noch dazu ausgedacht haben.

Auf einem waren Sonnenblumen abgebildet

Gegenüber auf der Straße sehe ich Sperrmüll, als ich am sehr späten Nachmittag zum Bäcker gehe, um Kuchen zu kaufen. Der Versuchung widerstanden, die drei Bilder in bunten Holzrahmen (oder wenigstens eines davon) mitzunehmen und ein eigenes dort hinein zu tun. Sie sind auch nicht besonders schön gewesen, Bilder wie Rahmen, ich nehme an, sie wurden, so wie sie sind, im Supermarkt gekauft. Auf einem waren Sonnenblumen abgebildet. Auch kein Foto gemacht. Den ganzen Tag noch keine Musik.

Bäume auswendig lernen

Aus der Aktiengesellschaft heute wieder einen kleinen Stapel Wellpappe mitgebracht, DIN A4, da werden neue Bilder gemalt um die Zeit zu verschwenden denn was sonst wäre damit anzufangen, um einen Kontrapunkt zu setzen. Diese Einlegerpappen werden genutzt, um die kostbare Fracht an Druckerzeugnissen zu schützen, die u.a. ich mit Gebrauchsprosa betexte. Schaue dort auch in die Wertstofftonne ob ich etwa Luftpolsterfolie dort bekommen kann, die ist bei mir auch beliebt.

DSCN1043

In der Bahn reden zwei Frauen, die eine war nur Anfangs zu hören:

„Und habt Ihr dann noch über das Thema Hobbies gesprochen?“
„Ja. Er macht jetzt einen Jagdschein“
„…“
„Ja weiß auch nicht was er im Moment hat“.
„…“
„Ja ich hab‘ mich auch gefragt ob er weiß was er da alles machen muss“
„…“
„Ja Bäume auswendig lernen und sowas“

***
Dein Vogel begrüßte mich heute Abend in der späten Dämmerung, hatte er sich den höchsten Giebel ausgesucht.

Am Morgen gehen die Türen der Straßenbahn auf

an der Haltestelle Zuschlagstraße, bei den Parzellen, gleich ist ein Geruch von Holzfeuer im Waggon, an diesem grauen Anfang des Tages. Wie gut ich diesen kenne. Müsste nur wollen, dann ginge es vielleicht. Ein paar Meter weiter wären auch Schafe, da hat sich jemand einen Stall in den Garten gestellt. Im Frühjahr und Sommer stehen sie am Zaun und schauen der Straßenbahn zu, wie sie vorbei fährt und mir auf dem Fahrrad. Gegenüber allerdings dann, gleich hinter der Haltestelle, das gegen Widerstand errichtete Tierversuchslabor.

Kann Teile von Text enthalten

In der Silvesternacht war der Bus plötzlich voll mit einer Horde stinkender, richtungslos berauschter junger Menschen. Eine von ihnen kotzte an einer Haltestelle aus der Tür des  haltenden Busses. Ein anderer, der an der falschen Station ausgestiegen war, stieg mit dem Kopf vorran wieder ein und bekam beide Flügel der sich schließenden Tür gleichzeitig gegen den Kopf gehauen. Die weise Tür (zu seinem Glück) öffnete sich, erschrocken vor der besoffenen Torheit, sofort wieder.

Der Mann auf dem Fahrrad, der über die verschneite Plaza fährt und in jeden Mülleimer schaut. Bilder von großer Einsamkeit.

Heute saß neben mir in der Bahn eine Frau, die sich sehr genau die Todesanzeigen in der Hannoverschen Allgemeinen anschaute, auf ihrem Tablet.

Die Elster, die Krähe, der Schnee. Die verlorene Papiertüte mit dem Pausenbrötchen.

 

beim friseur ins elektrische geschrieben (tw.)

am abend gehe ich durch den april, im schaufenster  vom pavillon hängt ein plakat des theaters, dessen webseite ich betreue. seit jahren nicht mehr selber in einem der stücke gewesen. das liegt an mir und der zeit und ist nicht gut. es ist eine coproduktion einer vorlage von capote. fest vorgenommen, dieses mal dort hin zu gehen.

zuvor mit a. telefoniert (geburtstag), es weht unter der betonbrücke. am raschplatz, neben der treppe zur unteren ebene, dort wo das palo usw sind, eine tote ratte.

während ich auf die schere warte blättere ich in die neue edit, die ich im bahnhof gekauft. wo man nicht überall und zwar hintereinander philosophie studieren kann, usw., london rio tokyo oder so, diese biographien die für sich genommen schon eine aussage sind, die den biographierten so vielleicht nicht gefiele. ich stelle mir meine kleine vita in diesem illustren kreis vor (hannover ferner liefen) und verziehe den mund ein wenig, warum bleibt offen.

am morgen die beiden in der bahn: „wenn ich nachher nachhause komme drucke ich alles aus was ich lernen muss, das sag ich dir aber!“