Getarnt als nasser Hund,

 
wiederum regenbedingt, hatte ich mich am Samstag an einen noch unbekannten Ort bewegt auf dem scheppernden Rad und zwar, um ein Koncert der Formation WNU zu hören. In einem Hinterhof in einem sehr nahe an der Innenstadt gelegenen Industriegebiet, in dem naturgemäß die Umsätze in ihrem Wachstum mit dem der Nachtschattengewächse im Wettberwerb stehen, und wie sollte es auch anders sein. Der Regen, der seit Tagen ergiebig auf die Stadt herunterkam, hatte mich fast zur Umkehr bewogen, allerdings dauerte die Fahrt 1.) nur ungefähr 10 Minuten und 2.) hatte ich ⅓ der Musiker mein Kommen versprochen, und am Ende war es dann nicht weiter schlimm.

WNU sind Wilson Novitzki (Gitarre), Nils Schumacher (E-Bass) und Uli Hoffmann (Schlagzeug)

Denn da saß also ich als der nasse Hund und hörte zu, wie man sich schöne Songtitel ausdachte (»Nacht der Algorithmen«) und noch schönere Komplexitäten zusammenimprovisierte, sodass das Denken verwinkelter Zusammenhänge, zumindest für die Dauer des Koncerts, eingestellt werden konnte. Projektionsflächen aus Tönen zogen sich durch den Raum, der ansonsten voller Bilder war, die jedoch nicht alle zu hängen gekommen waren, sondern in an die Wand gelehnten Stapeln standen. Ein Plakat kündigte einen Maskenball direkt nach Beginn der Fastenzeit an. Es war natürlich viel lauter, als die Stücke auf der Soundcloud-Seite sich anhören. Zwischendurch, beim zuhören, tatsächlich für einige Momente aus der Zeit gefallen, was ja immer besonders schön ist. Häufig.

Hier noch ein kurzes Video der Formation von einem Auftritt in Berlin

3 Minuten am 6.1.2020

Am Morgen steht der Bus an der Haltestelle, als die Kehrmaschine vorbeifährt. Dann fährt der Bus los. Mittags im Büro: Eine Fliege ist in den Neon-Reflektorlampen an der Decke festgeflogen. Man sieht sie garnicht. Nachmittags an der Haltestelle, mit Autos, einem Flugzeug und einem Traktor, der den Anhänger mit Mist vollgeladen hat.

Seidenfäden an den Handgelenken

Ich habe einen dieser Briefe an K. geschrieben, in welchem ich, zumindest in Teilen, die Systemfrage beantworten konnte. Vorläufig unentschieden, stabil kritisch und um Hesses Brillensammlung ging es außerdem. Das muss man sich mal vorstellen, wie die Leute immerzu. Es ist alles weiterhin zu warm, meiner Meinung nach, gut das mich niemand danach fragt. Gelber Umschlag.

 
Weiterhin (wenn ich mich nicht immerzu bremste, könnte ich immer und immerfort solche Brieftexte weiter schreiben, käme dann von einer weltbewegenden Sache zu der nächsten. alleine die Zeit ist gegen mich positioniert, wie immer, wie es eigentlich immerzu der Fall ist, gilt es, die Zeit aus den Fugen zu schreiben, in allem was ich tue, geht es nur darum, auch wenn dies als ein unmöglich zu gewinnendes Schlachten erscheinen mag. Es muss doch angegangen sein. Außerdem heute mit dem Schornsteinfeger telefoniert und einen Alternativtermin ergattert. Den Schornstein fegt der auch schon lange nicht mehr, er misst die Abgaswege, aber das sei nur nebenbei erwähnt)  prasseln die Ideen, besonders an Abenden mit dergestalt geschriebenen Briefen, nur so hernieder aus allen Ritzen der Unvernunft. Parallel und ergänzend dazu betreibe ich hier eine Zettelwirtschaft sondergleichen, bei gleichzeitiger, gegenläufiger Stapelverarbeitung. Was dann einen Zaunpfahlwink lang endlich geordnet war, wird in der nächsten Minute gleich wieder neu überdacht oder untertunnelt, je nach dem, ob Zange oder Nagel oder Hammer gerade wahrscheinlicher erschienen sind, am silbern gestreiften Horizont. Derweil tut der Teufel, was er immer tut (und woran er, am Ende, zugrunde gehen wird).

Vor dem ersten Knick stieg heute ein Mann in die Straßenbahn, der hatte eine Marionette dabei, die er behutsam aufrecht hielt, sie stand also neben seinem linken Fuß, während der ganzen Bahnfahrt und ich glaube, er versuchte zu verstecken, dass er in stillem Dialog mit seinem Weggefährten stand, es schien so, als wenn er versuchte, es der kleinen Figur möglichst recht und bequem zu machen. Der kleine Wegbegleiter war jedoch in schwarzer Kleidung angetan und trug zudem einen Zauberhut, fast so, als wäre er es, der in die Bahn eingestiegen wäre und hätte seinem großen, ungeschlachten Gefährten den ihm zugedachten Sitz bedeutet, nämlich auf einer der herunterklappbaren Bänke in dem Teil des Waggons, welcher für die Kinderwagen und Fahrräder reserviert ist. So dauerte es auch nur ein paar Stationen (und ich war bestimmt zwischendurch abgelenkt, bzw. ist es nicht besonders angemessen, jemanden in der Staßenbahn die ganze Zeit über zu beobachten, egal ob nun groß oder klein, mit oder ohne Seidenfäden an den Handgelenken) bis ich einen Menschen sah, mit schütterem, in verschiedenen Richtungen stehendem Haar, der allerdings nur wie eine Marionette zu gehen imstande war, die Füße fielen gewissermaßen von den nach oben gezogenen Kniegelenken direkt wieder hinunter auf den Boden. Da wir inzwischen im Tunnel waren, nutzte er die Gelegenheit, sich, im vor der schwarzen Tunnelwand spiegelnden Fensterglas betrachtend, die Haare zu richten, indem er sie noch mehr in Unordnung brachte, ganz genau so, wie ich es auch getan hätte, an seiner Stelle.

Kleine bescheuerte Texte, die Dich in Deiner Verzweiflung nicht weiter stören oder doch. Our love become a funeral pie.

[Nur eine Busfahrt]

20180613_190021.jpg

20180613_190023.jpg

20180613_190025.jpg

20180613_190026.jpg

20180613_190028.jpg

20180613_190030.jpg

20180613_190031.jpg

20180613_190033.jpg

20180613_190035.jpg

20180613_190037.jpg

20180613_190040.jpg

20180613_190118.jpg

20180613_190120.jpg

20180613_190122.jpg

20180613_190124.jpg

20180613_190126.jpg

20180613_190128.jpg

20180613_190132.jpg

20180613_190134.jpg

20180613_190136.jpg

20180613_190139.jpg

20180613_190142.jpg

20180613_190144.jpg

20180613_190147.jpg

20180613_190257.jpg

20180613_190301.jpg

20180613_190313.jpg

20180613_190314.jpg

20180613_190423.jpg

20180613_190424.jpg

[Neues aus dem Frisiersalon]

Am Ostermontag habe ich Königsberger Klopse gekocht. Dazu gab es Reis und Rote Beete, kalt, mit einer Vinaigrette aus Essig, Öl und Senf.

***

Es war sonnig heute, das erste mal wirklich etwas wärmer. Ich war beim Friseur und bin dann die schöne Straße heruntergelaufen, wie ich es eigentlich immer dann mache, weil der Weg zu der einen Station nicht bedeutend länger ist, ich aber meist in der Laune, noch ein paar wenige Schritte mehr zu gehen.

***

Die Kollegin der Friseurin die kurz hereinkam, um zu schauen ob ihr Paket inzwischen endlich angekommen ist, erzählte, die Bekannte C. wäre mit Frau von der Verteidigungsministein befreundet und das C. und die immer mit so Wirtschaftstypen abhängen würden, aber C. hätte sich übelst gefreut (über was wurde nicht gesagt) und neulich, als sie dort waren, da wäre die gerade vorher da gewesen und sie hätten sie noch weggehen gesehen, ihrem Freund wäre der Name zuerst nicht eingefallen als er fragte, ob das wirklich gewesen wäre.

***

Neulich beruflich etwas in der StVO recherchieren müssen und sehr schnell zu ärgern begonnen. Es ist durchaus möglich, dass diese Ordnung umfangreich gegen das Grundgesetz verstößt, da sie bestimmte Menschen systematisch benachteiligt. Aber das sind nur meine fünf Pfennig und vielleicht irre ich mich auch.

***

Im Radio wurden derweil Ausfälle im Schiffsverkehr angesagt, auf der Strecke nach Norderney gab es Niedrigwasser und irgendwo im Norden wurde noch einmal Schnee erwartet, kurz vor Ostern.

***

Diese Tür war nur für Dich bestimmt

***

Stellenanzeige der Faschistischen Partei: Es wird ein Referent für Menschenrechte gesucht. Vorzugsweise Studium der Politik oder Geschichte.

***

An manchen Tagen ist der Kopf noch am Abend voller Worte und ich nehme mir fest vor, sie bei der nächsten Gelegenheit aufzuschreiben, doch dann können sie schon wieder verschwunden sein, wenn ich einmal die Zeit gefunden habe. Die Woche nach der Umstellung der Uhren war eigentlich gut überstanden, obschon, wie immer, die Müdigkeit, besonders an den ersten drei Werktagen, eine stete Begleiterin war. Dann kam die Osterpause und die innere Uhr sprang beinah augenblich wieder zurück auf die Winterzeit. Jetzt geht also wieder alles von vorne los, trotz Tanzverbot.

***

Auf dem Weg heute kamen mir dann zwei Menschen entgegen, ein Mann, der in einem leichten elektrischen Rollstuhl fuhr und seine Begleiterin, beide noch in den dicken Winterjacken, auch sie überrascht von der plötzlichen Wärme, die sich erst am frühen Nachmittag entwickelt hatte. Der Mann hatte eine Tasche dabei, die an einer Seite ein wenig über eines der Knie hing, auf der in großen Buchstaben die Worte „Fun“ und „Team“ standen.

***

Im Radio läuft jetzt Happy Nation und auch dieser Tag ist vorrüber gegangen, beinahe spurlos, jedenfalls ohne großen Lärm zu machen, auf meiner Seite der Medaille.

***

Was einmal Holz gewesen

laufzettel004

Also eigentlich hätte ich heute über die verschiedenen Arten von Schwindel schreiben können und wollen und vielleicht sogar sollen, aber daraus wird einmal nichts. Morgen morgen nur nicht Heute usw., also. Dann muss ich diese kleinen Kritzeleien herhalten, die ich auf den Rücken der Korrekturtexte austrage, auf der Arbeit, das ist so eine kleine Freiheit die keinem weh tut, außer vielleicht mir. Anstatt sie direkt in den weißen Plastikmülleimer, der für das Papier ist, zu tun, lege ich sie in eine der Taschen meiner Tasche und dann auch noch dazu Zuhause auf den Scanner, als wenn es noch nicht schlimm genug gewesen wäre. Aber so ist das halt, mit dem dicksten Biber der Stadt, alles was einmal Holz gewesen ist, kann noch genutzt werden zum Dammbau, zur Kanalisierung, zur Fütterung der Papiertiger.

laufzettel005

laufzettel006

laufzettel007

_

Menschen in der Stadt

Der Kiosk hat ein Verkaufsfenster für die Vorbeieilenden und einen Laden, in dem ich stehe. Am Fenster der Einarmige in der Jeansweste, der einen anderen Akzent hat als der Mensch im Kiosk, möchte ein „Chindeler“, der Kioskmann versteht aber nur „Krombacher“. Ich hole ein „Lindener“ aus dem Kühlschrank, halte es dem Einarmigen hin und frage, ob er das möchte. Der nickt. Kioskmann und Einarmiger zufrieden.

Die Bahn, mit der ich jetzt fahre, fährt zu einer Haltestelle, an der sowohl die ‚Swiss Life‘ als auch die ‚HDI‘ große Niederlassungen haben. Gestern saß mir schräg gegenüber eine Frau im schwarzen Kleid, die hatte eine Tasche dabei, auf welcher, über die ganze Tasche verteilt, die Buchstaben „MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK“ geschrieben standen. Auch hatte sie kürzlich einen teuren Friseur besucht und las in der Zeitschrift „Glanour“. Ein Mann im Jeanshemd, ausgetretenen Schuhen und mit halber Glatze, der hinter ihr Stand, las unbemerkt und interessiert mit. Mir direkt gegenüber eine Dame, die eine ganz ähnliche Mode trug wie die Glamour-Frau, nur in der Ausführung nicht ganz so glatt. Aus der Tragetasche neben ihr ragten Blumenköpfe.

20170828_182446.jpg

20170828_182753.jpg

20170828_182338.jpg

20170828_182343.jpg

20170828_182409.jpg

20170828_182435.jpg

Am Abend stieg ich an der Noltemeyerbrücke aus, gleich steht dort auch ein Mann mit einem knallblauen Turban auf dem Kopf, mir gegenüber an der Fußgängerampel, außerdem Holzfällerhemd, Stone-Washed-Jeans, Turnschuhe und ein grauer Bart. Das war am 28. August diesen Jahres.