Sieben Rehe

Am Tag, als der Schnee begann zu tauen, in der Mittagspause sieben Rehe gesehen in dem kleinen Wäldchen hinter dem Gewerbegebiet.

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Gestern (24.2.): Die Jugendlichen waren im See.

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Besprechung für die Arbeit zu Hause, das Fenster zum Hinterhof geöffnet: Die Hoffnung, die Energie, die von diesem Ort kommt, könne vielleicht mit den Geräuschen zu den anderen Teilnehmenden gelangen, die gerne über das alles zu reden scheinen, worüber wir jetzt gerade reden müssen, weil es nun einmal unsere Arbeit ist: Die Geräusche aber sind Freiheit und Hingabe an das Jetzt: Wie die Frau gegenüber sich laut mit ihrem Freund oder Mann unterhält, sie im Hof, er wohl in der Wohnung, auch kreischende Kinder, recht leise zu hören, vielleicht die, die immer mit dem Vater diskutieren (und immer Recht behalten): die Vögel natürlich (Rotkehlchen, Meisen, Amseln); die vorbeifahrenden Straßenbahnen — schließlich auch die Sirenen, viele Sirenen, aber die hört ich mittlerweile fast garnicht mehr. Gut möglich jedoch, dass das alles garnicht für diese fremden Ohren bestimmt ist.

Jetzt der traurige Regen

Auf Umwegen zur Arbeit und am Abend zurück. Aus dem Busfenster schauen, die Gegend interessant aber vollkommen hoffnungslos. An einem Laternenpfahl hängt ein Plakat auf dem wird ein vermisster Hund oder eine Katze gesucht, die Fenster sind beschlagen. Verloren gehen Kinder durch den nassen Schnee, in der Schule vielleicht war eine Faschingsfeier mit Abstand. Schöne Namen der Straßen wie Luise-Blume-Straße, Tempelhofweg

Erzählt eine Frau im Pelzmantel einer anderen alles mögliche auf Russisch. Die Kaserne ist in großen Teilen abgerissen, da wird jetzt etwas anderes gebaut. Erinnerung wie ich hier falsch hingefahren bin, den Musterungsbefehl in der Jackentasche, die Wache gefragt habe, die erzählte ich müsste ganz woanders sein, fest davon überzeugt, die Musterung findet in der Kaserne statt und dies war die Kaserne, die ich kannte. Die hätten viel zu tun gehabt mit mir in der Armee

„Was habt ihr mit dem Feuerlöscher!“ der Bahnfahrer öffnet die Tür zum Abteil und die Jungen versuchen noch was „Was mit dem Feuerlöscher ist!“ sagt er jetzt da sind sie raus aus dem Wagen, dann pafft er seinen Dampf aus der zum Bahnsteig geöffneten Kabinentür. Zehlendorfweg, Vahrenheider Markt

Auf dem Marktplatz

Auf dem Marktplatz, da bei dem Kiosk- und Toilettenhäuschen, sitzt einer, vom Nieselregen geschützt, und spielt Gitarre. Hallelujah — kein Weihnachtslied. Alle stehen beim Fischstand an. Später in die Nordstadt, auf dem Fahrrad. Vorbei an einer der letzten Fabriken in der Innenstadt, weißer Dampf steigt über einem der Gebäude auf, wie eine improvisierte Wolke, es riecht nach Gummi. Die Straße weiter, um die Ecke, all die Dönerläden, der schöne Niesel, weiterhin.

La Ola einarmig

Ich kann mich nicht erinnern, wie in Peine die Busstopps aussehen. Es war dunkel und vielleicht war es auch Salzgitter. Die Winkekatzen machen La Ola einarmig zum Geisterspiel, noch laufen die Wetten auf das Jahr der Ratte in Metall. Die großen Elephanten trinken an der Wasserstelle. Manchmal aber spielt auch das alte Europa ein Lied mit Akkordeon auf den Transistoren, in der Pfanne sind dann die Puffer, immerhin. Das Licht im September, die Wolken und die Erinnerung an alle Sommer, an alle Geister.

Was im Essen ist

Heute bei einem anderen Bäcker 20 oder 30 Minuten in der Schlange gestanden, dabei Gedichte und Blogeinträge gelesen. An der großen Straße war das. Hinter mir ruft irgendwann jemand jemand anders an und fragt nach einem Rührei, er möchte eins haben oder schlägt vor, schon einmal eines zu essen, weil es länger dauere, da höre ich nicht so genau hin.

Auf dem Fahrrad die ganze bisherige Woche hindurch, auch schon in der letzten Woche wohl, Fragmente des Lieds von den Elchen im Kopf herummschwirren gehabt, ich kenne die Melodie noch, aber der Text ist Bruchstückhaft.

Schutzmaske auf, in die Bäckerei gehen, versuchen möglichst schnell zu sein, damit die anderen nicht noch länger warten müssen. Das obere Ende der Maske auf dem Nasenrücken, der neu hinzugekommene, schwankende, baumwollweiße Horizont, auch wenn es sich heute um Polyester handelt, am unteren Rand des Blickfeldes, die Lesebrille beschlägt, wenn sie gleichzeitig getragen wird, etwa im Supermarkt, um herauszufinden, was im Essen ist. Das alles ist nicht weiter schlimm.

Getarnt als nasser Hund,

 
wiederum regenbedingt, hatte ich mich am Samstag an einen noch unbekannten Ort bewegt auf dem scheppernden Rad und zwar, um ein Koncert der Formation WNU zu hören. In einem Hinterhof in einem sehr nahe an der Innenstadt gelegenen Industriegebiet, in dem naturgemäß die Umsätze in ihrem Wachstum mit dem der Nachtschattengewächse im Wettberwerb stehen, und wie sollte es auch anders sein. Der Regen, der seit Tagen ergiebig auf die Stadt herunterkam, hatte mich fast zur Umkehr bewogen, allerdings dauerte die Fahrt 1.) nur ungefähr 10 Minuten und 2.) hatte ich ⅓ der Musiker mein Kommen versprochen, und am Ende war es dann nicht weiter schlimm.

WNU sind Wilson Novitzki (Gitarre), Nils Schumacher (E-Bass) und Uli Hoffmann (Schlagzeug)

Denn da saß also ich als der nasse Hund und hörte zu, wie man sich schöne Songtitel ausdachte (»Nacht der Algorithmen«) und noch schönere Komplexitäten zusammenimprovisierte, sodass das Denken verwinkelter Zusammenhänge, zumindest für die Dauer des Koncerts, eingestellt werden konnte. Projektionsflächen aus Tönen zogen sich durch den Raum, der ansonsten voller Bilder war, die jedoch nicht alle zu hängen gekommen waren, sondern in an die Wand gelehnten Stapeln standen. Ein Plakat kündigte einen Maskenball direkt nach Beginn der Fastenzeit an. Es war natürlich viel lauter, als die Stücke auf der Soundcloud-Seite sich anhören. Zwischendurch, beim zuhören, tatsächlich für einige Momente aus der Zeit gefallen, was ja immer besonders schön ist. Häufig.

Hier noch ein kurzes Video der Formation von einem Auftritt in Berlin

Bleiches Grün

Kurzer Fußweg vom Kröpcke durch die Theaterstraße und zum Thielenplatz. Draußen vor einer Lokalität namens „Stadtmauer“ sitzen chinesische Messegäste oder Touristen. Einige Schritte weiter fällt mir ein, wie ich vor Jahrzehnten hier einmal im Sommer an der Straße gestanden und auf jemanden gewartet habe, vor einem Französischkurs. Mir fallen die Blätter der Platanen wieder ein, die rechts und links neben der Straße stehen, ihr ein wenig bleiches Grün dieses kurzen Augenblicks. Es sind die gleichen Bäume, die dort noch stehen und in denen die Dohlen und Krähen sind. Am Thielenplatz warte ich noch, an eine Litfaßsäule gelehnt, bis ich die Aufnahme beende. Menschen gehen und Autos fahren vorbei. Der 121er Bus. Über die Brücke zwischen Thielenplatz und Schauspielhaus fährt ein Metronom. Auf einem Plakat steht „Sushikino“.

Dann stehste da

Ständig verheddert sich Alles und dann stehste da. Im Hinterhof hingegen der schwere Geruch der Fliederblüte, später dann wird’s etwas brenzlig. An unverhoffter Stelle liegen 10 Schwedische Kronen herum, die letzten Peseten würdest Du dann aber wohl vergebens suchen, suchtest Du sie. Auf dem Schreibtisch noch Briefmarken, das Weitere wird sich finden. Die Pläne sind jetzt fast fertig geschmiedet. Wort reiht sich an Wort, zu allem Überfluss. Die frühe Wärme des Frühlings, der Tage in Zahnangelegenheiten unterwegs gewesen, etwa am schönen Marktplatz. Große Strahlung der Stadt auf dem Weg zur Arbeit, dann, alles greift ineinander und fügt sich ins rechte Licht hinein, ohne dabei weiter groß aufzufallen.

Andeutung und Zwischenahnung

Ein Exemplar der Tageszeitung »Dagblad van het Noorden«, genauer die Samstagsausgabe vom 22. Dezember .2018, die ich an diesem Tag in einer nördlichen Stadt kaufte, wärmte mir seitdem immer, wenn ich den Rucksack trug, vergessenerweise meinen Rücken. Sie befand sich im für Zeitungen oder tragbare Schreibmaschinen gedachten Fach meines Rucksacks und bewahrte zugleich die Einkäufe, etwa wie heute tiefgefrorene Erdbeeren sowie Blattspinat, vor durch die dicke Winterjacke doch heraussickernder Körperwärme.

Bei Fotos ist ja das Unscharfe, Unsichtbare, die Zwischenräume — besonders auch das Unvermögen, ein gutes Foto anzufertigen — das Wahre, Gute und Schöne. Das was man nicht sehen kann und das Langweilige, der Papierkorb, die Verkehrsampel, die tägliche Wiederkehr. Die Aufnahme vom Supermarkt-Parkplatz. Die verwackelten Bilder, die ich unterwegs mache, immer nur auf dem Weg zur Arbeit, immer in der Einflugschneise, noch eins noch eins und noch eins, aus dem fahrenden Bus, während die Regentropfen doch an der Fensterscheibe herunterlaufen und all das. Das Unscheinbare, Unsichtbare, nur eine Andeutung bleibende ist interessanter als ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, ist schöner als die Nike von Samothrake. Andeutung und Zwischenahnung — und alles, was dazu gehört.

Heute auf der Lister Meile zwei rote Matjes gekauft in dem Fischladen.