Das trockene, untere Ende eines Weinkorkens

Als ich heute am Abend aus der Fabrik kam schien es zu schneien anzufangen, roch dazu aber zunächst nach frisch gemähter Wiese und dann wie das trockene, untere Ende eines Weinkorkens. Der Bus schaukelt einen dann zur Bahn usw. Im Hauptbahhof etwas zu erledigen gehabt, als ich aus dem Laden kam, wird auf dem Gleis daneben gerade der ME 2 nach Hamburg angesagt, dann denke ich so dran, wie es vielleicht sein könnte, heute noch dorthin zu fahren. Unten in der U-Bahn-Station steht eine junge Frau am Gleis und isst mit Stäbchen Nudeln aus einer Pappschachtel. Das war eine so großstädtische Geste, das langte dann schon & wer will schon nach Hamburg, wo die Leute viel unfreundlicher sind.

In der Bahn nachhause unterhalten sich dann zwei, wie sich herausstellt, Briefmarkensammler, ggf. auf der Fahrt zur Vereinssitzung im Freizeitheim. Der Eine begrüsst den Anderen mit Was macht die Sammlung? und wünscht ihm dann ein frohes neues Jahr noch und das Sie immer Zahlungsfähig bleiben. Der Andere schaut wohl etwas irritiert und dann sagt der Erste wieder, das wäre doch ein guter Wunsch, sagt der Andere wenn das so ist, dann wünsche ich Ihnen das auch... So ist man dann quitt und gerät ins Fachsimpeln.

Ich müsste die Filme mal zur Entwicklung geben.

[Einmal für drei Monate]

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In dieser Stadt liegt noch eine ganz andere, große Stadt, von der ich wirklich nur etwas geahnt habe und die ich nur durchquerte, bis jetzt, bis ich jetzt, beim erneuten und sozusagen fast täglichen Wiederholen der Durchquerung bemerke, das diese Quartiere eine ungeahnte Ausdehnung besitzen und das die Stadt in Gänze viel größer ist, als immer angenommen. Ich glaube, dass sich noch viel mehr überraschende Urbanitäten in allen Himmelsrichtungen finden könnten. Heute auf dem Weg nachhause die Idee gehabt, dass es wirklich ganz schön wäre, einmal für drei Monate in einem anderen Stadteil wohnen zu können, und dann wieder für drei oder vier Monate in noch einer ganz neuen Gegend. Das wird jetzt so eine Idee sein, die mich jahrelang verfolgen wird, das weiß ich jetzt schon. So legt man sich eine fixe Idee nach der nächsten in das Kästchen hinein, bis endgültig angebaut werden muss. Ende der Durchsage.

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Die Fotos passen nun noch nicht wirklich, da ich mich noch nicht getraut habe, einfach die Kamera oder das Telefon im vorrübergehen zu gebrauchen, beiläufig und verwackelt, um das Zittern zu kaschieren, im Dämmerlicht.

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Vielleicht das ich die Fotos dann einfach gegen andere austausche, es wird ja eh niemand bemerken.

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Denn was gegen alle Gegenden jenseitz der Bödeker bzw. Ferdinand-Wallbrecht spricht ist doch: Sie sind einfach zu weit entfernt von der Calenberger Neustadt, der Nordstadt und Linden. Aber für jeweils drei Monate, das könnte gehen. Man müsste natürlich die Wohnung behalten können.

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Und einmal hier drin kommst Du nie wieder raus, es sei denn Du bist Snake Plisken

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Wie es sich zugetragen hat

Mindestens seit dem 24. Dezember laufe ich mit einer ziemlich ausgeprägten Zeitirritation in den Tagen umher sowie einem Knistern im Ohr, bisweilen ein Knacken in den Rohren.

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So geht das Jahr unentschlossen zu Ende, wie es sich zugetragen hat. Mit das Beste, was zwischen den Jahren gemacht werden kann (außer z.B. Wäsche waschen) ist doch, mitten in der Nacht, und unbedingt auf der Mittelwelle, BBC Radio Scotland zu hören. Zu drei Gelegenheiten getan, darüber eingeschlafen.

Abb. 2

Hier die Höhepunkte des Jahres 2017

 

Im Januar war ich mit dem Fahrradanhänger beim Wertstoffhof.

Im Februar war ich in Oldenburg in Oldenburg.

Im März von einem Rudel Löwen geträumt.

Im April liefen wir (u.a.) die Booterstown Avenue hinunter.

Im Mai wurde eine Bombe entschärft.

Ein geklauter Dienstag im Juni

 
Im Juli schreibe ich einen Text über Inkontinenz-Unterwäsche.

August: Das Geräusch metallener Rechen auf dem Kies der Parkanlage.

Im September bin ich Bus gefahren.

Am 2. Oktober mache ich ggn. 8 uhr 35 ein kurzes Video über das Erinnern.

Im November gab es verschiedene Formen von Schwindel.

Anfang Dezember viel über Melatonin nachgedacht.

Das war’s.

Vor mir auf dem Schreibtisch liegen vier dieser Klammern, mit denen man Büchersendungen zuklippst

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Damit sie der Kontrolle halber und damit sich ja kein Untertan eine Leistung erschleicht von der Post geöffnet werden können.

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Sortiere Dinge aus, diese Bilder, die auf dem Desktop im Ordner „Upload“ lagen, sind jetzt noch durchgekommen, diverse andere gelöscht weil war dann auch egal.

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Höre alte Tapes bzw. digitalisierte alte Tapes. Der Zauber lässt sich ins Digitale übertragen.

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Der Vater wünscht sich jetzt ganz viel von Reinhard Mey, den er imnmer schon gehört hat und der auch eine meiner ersten Pop-Erinnerungen ist. Wenn man bei Reinhard Mey überhaupt von Pop sprechen kann. Als wir gestern zu Weihnachten zu Besuch waren, erzählte ich, dass ich die alte Kassette, die er aufgenommen hatte und die ich sehr oft gehört habe, digitalisiert habe, wenn auch mit Reibungsverlusten. Jetzt möchte er eine Kopie der Kopie haben.

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//Diese Tür war nur für Dich bestimmt//

Kurz nur ein paar Worte, wie sie eben aus den Fingern fallen und liegenbleiben, eng beieinander, kalt und Nacht da draußen. So vieles bleibt jetzt wieder liegen, ich nehme es hin als wenn es in Ordnung wäre. Heute in der Firma, als der Kollege das 22. Türchen vom Abteilungsadventskalender öffnete, Kafka zitiert, es hat keiner verstanden. Das Schöne ist ja aber weiterhin das Staunen über diesen  ganz anderen Teil der Stadt und wie er ganz für sich halt auch dort steht. Feste Vornahme, nächstes Jahr ein wenig durch die Straßen zu streunern ebendort, man kommt ja am Kanal entlang fahrend auch sehr gut mit dem Fahrrad dort hin, neue Sachlichkeit durch und dann die Podbi hoch zu den Backsteinen. Der kürzeste Tag, den haben wir nun auch wieder hiner uns gebracht, es war garnicht schwer. Wo die ganzen Gedanken immer her kommen und die Träume. Heute in den Morgenstunden hat sich der Kopf ein neues Bild ausgedacht, um die eigene Unzulänglichkeit, das eigene Nicht-genug-sein und so weiter wiederum nicht sehr subtil darzustellen, nämlich indem ich etwas transportieren musste, wichtige Dinge, mit Sicherheit, und dann meiner Ledertasche der Boden gerissen war, so dass das Transportgut also beständig hinauszufallen drohte. während ein auch mitgeführter Beutel sich auch als ähnlich lückenhaft erwies. Das Unterbewusste gebiert sich, als wäre ich ein Faltspinsel, was mich langweilt und ich habe auch keine Lust, mir über diese offenbaren Ängste weiterhin Gedanken zu machen, denn es ist ja eigentlich alles gut, bis auf das Übliche halt, aber das Übliche ist halt auch nur das Übliche und dürfte mittlerweile auch altbekannt sein.

letting the cables sleep

Mein rechtes Bein ist eingeschlafen. K., mit dem ich, was ebenfalls ganz toll ist, einen regen Briefwechsel habe, oder auch Postkarten, jedenfalls geschriebene Sachen mit Briefmarken, bemerkte in seiner letzen Karte, die mich vor wenigen Tagen erreichte, erwähnte eine winterliche Melancholie, die aus den beiden Briefen spräche und ich solle mir eine neue Sonne suchen, scheine sie zu wenig. Es ist nicht schlimm, das er mich vielleicht ein wenig missverstanden hat. Die Traurigkeit der dunklen Monate, das Aufbrechen und zurückkehren nachhause in der Dunkelheit, die schwindelnde Müdigkeit am Morgen, die trockene Hitze der Heizung im Bus, das alles ist ja genau richtig so und es soll doch auch garnicht anders sein. Nicht auszudenken, müsste ich jetzt in die Südsee aufbrechen oder einen ähnlichen Quatsch veranstalten. Dieses Jahr ist nun bald zuende. Es gibt keine Neuauflage der Stockholmer Allee, mangels Gelegenheit. Es war ein Jahr voller kleiner Gegenbeweise, in dem ich an sehr vielen Tagen etwas gemacht habe, wovor ich mich am Tage davor noch fürchtete. Der Panzer ist dicker geworden und der Bart dichter und grauer. Ich stelle irdene Gefäße auf dem Boden des Zimmers auf und versammle dort die letzten Gedanken. Ein Jahr, in dem sich noch einmal gezeigt hat, das ich bei weitem nicht der einzige bin, der ein dunkles Geheimnis zwischen den verkümmerten Flügeln mit sich herumträgt, und das das eigene Dunkel nicht unbedingt das schwärzeste unter der Sonne sein muss, bei weitem nicht.

And what can I tell you my brother, my killer

Austers Fergusson aus 4 3 2 1 liest Kafkas »Verwandlung« (Es muss wohl die Übersetzung von Willa und Edwin Muir sein), eine Geschichte, die ich mir auch noch einmal und noch einmal durchgelesen habe. Überhaupt halte ich K. für hochaktuell. Dieses Jahr wohl zum zweiten Mal „Das Schloß“ durchgelesen, zum ersten Mal in der „kritischen Ausgabe“. Das Buch steht, noch ins Packpapier gebunden, in dem kleinen Regal und darin sind kleine, etwas DIN A6 große, Zettel, auf denen ich verschiedenstes zu dieser unglaublichen Geschichte notiert habe, die wie ein sehr sehr langer, von Slapstick-Filmen inspirierter Traum anmutet, jedoch angefüllt mit seitenlangen Diamonologen voller Misstrauen und Schuldzuweisung. Ein gutes Lektorat hätte dem Buch zusätzlich einiges mehr tun können, aber auch so ist es eine hervorragende Parabell zur Systemtheorie, zu Identität und Selbst-Behauptung und darüber, wie Faschismus passiert, so wie es heute immer noch ist. Ich alleine, jedenfalls, kann die Welt nicht retten und habe da auch keine Lust zu.

my <3 and i have decided to end it all

Ich schreibe hier nicht alles auf, was über das Jahr liegenbleiben musste, das ist vergeben, vergessen und verloren. Der Kopf ist nur zum bersten angefüllt mit all diesen Eindrücken, mit neuen Eindrücken an jedem Tag und es ist eine große Freude, zugleich aber auch eine große Last, und wieder die Traurigkeit dabei.

In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht

Das macht alles nichts, es ist nicht wichtig. Auf der Rückseite des hier als Lichtabtastung eingefügten Blattes Papier habe ich einen Brief an K. geschrieben, in dem Gänse sehr viel Raum einnehmen. Das ist auch genau richtig so. In der letzten Zeit viel über Melatonin nachgedacht, das bringt der November, der Dezember so mit sich. Die Tage gehen dahin und ich sitze am Morgen und am Abend in der Bahn und lese im Buch, dem wunderbaren Buch 4 3 2 1 von Auster, in dem er die Erfahrungen mit sich selber, die er in den letzten, autobiographischen Schriften gesammelt hat, umwandelt und gleich Leben sich ausdenkt und wie sie unterschiedlich sind und wie sie sich ähnlich sind. Wenn ich über die Noltemeyerbrücke fahre, am Morgen und auch am Abend, dann blicke ich immer noch kurz auf von der Lektüre, aber ansonsten könnte ich wieder wieder stundenlang so sitzen und die Schienen ruckeln unter mir dahin und die Geschichten ziehen vor meinen Augen vorbei. Viel Ersatzverkehr in der letzten Zeit, bei der einen Sache ist jemand betrunken gewesen zwischen Bahn und Bahnsteig geraten, als der Zug wieder anfuhr, und ist dann gestorben, da war die ganze Straße voller Blaulicht und die Polizisten und Polizistinnen suchten mit lichtstarken Taschenlampen die Schienen ab, da wusste ich es noch nicht, aber als ich es so sah, da ahnte ich, dass hier vor kurzem jemand gestorben war. Eine oder zwei Wochen später ist ein Mädchen von der Straßenbahn erfasst worden, sie ist neun Jahre alt und ich schreibe es so, weil sie immer noch neun Jahre alt ist, denn es ist beim Schrecken und ein paar Schrammen geblieben. Auch das passiert. Im Radio sind die Nachrichten um 10 Uhr abends zuende, es werden die Staus durchgesagt für das ganze Land, überall stehen die Menschen mit ihren Autos auf den Bahnen und warten, dass es weiter geht. Das kleine Radio, welches bei der Oma im Zimmer stand im Alterheim, in den letzten Monaten, das steht bei mir jetzt im schwarzen Billy-Regal und ist ganz richtig dort. Bald ist das Jahr vorbei.