Auskristalisierungen

Die Formulare der Steuererklärung gehören zu den reinsten Auskristalisierungen des Staates, die wir kennen. Sie sind die verschlossenen Türen eines geheimen Wesens, dass sich hermetisch gegen seine Ernährer abzugrenzen sucht. Es ist nicht alles schlecht, aber dass diese Papiere in einer Geheimsprache verfasst sind, ist faul und stinkt. Worte wie Spendenvortrag, Verlustrücktrag, Opfergrenzenberechnung sind spitze Stacheln des Drahtes, der um das Gebilde aus Obrigkeitshörigkeit und Bürokratie geschlungen ist.

 

Wenn die in allen Gesellschaften nötige „Administration des menschlichen Lebens“ (Stonebridge) in so etwas wie bürokratische Prozesshörigkeit umschlägt, wo das Einhalten des Prozesses über dem individuellen menschlichen Leben steht, dann haben Institutionen das Denken der administrierenden Menschen ausgeschaltet.

Die Bierwerbung im Fernsehen, in der zwei gleich aussehende Gläser mit gezapftem Bier nebeneinander stehen und als abschließende Geste eines der Gläser mit einer sicheren, akurat ausgeführten Bewegung so positioniert wird, dass schlussendlich beide Embleme genau auf 90 Grad ausgerichtet sind und dem Zuschauer in einer perfekten Symetrie präsentiert werden.

Wenn eine Angelegenheit sehr lange erwogen worden ist, kann es, auch ohne daß die Erwägungen schon beendet wären, geschehen, daß plötzlich blitzartig an einer unvorhergesehenen und auch später nicht mehr auffindbaren Stelle eine Erledigung hervorkommt, welche die Angelegenheit, wenn auch meistens sehr richtig, so doch immerhin willkürlich abschließt. Es ist, als hätte der behördliche Apparat die Spannung, die jahrelange Aufreizung durch die gleiche, vielleicht an sich geringfügige Angelegenheit nicht mehr ertragen und aus sich selbst heraus, ohne Mithilfe der Beamten, die Entscheidung getroffen.

Als ich am letzten Donnerstag eine vergessene Regenjacke in die Nordstadt fuhr: Die Menschen im warmen Regen wurden plötzlich zu Gestalten ihrer eigenen Poesie, auf Fahrrädern, oder zu Fuß, im weißen T-Shirt oder in der Regenjacke, mit Regenschirm oder auch ohne, manche mit ganz nassem Haar. Vielleicht wie in einem Film, in dem es auch um Mairegen ginge.

Wir saßen dann evakuiert im Elternhaus

Gestern und heute waren wärmere Tage, aber ansonsten war es ungewöhnlich kühl arschkalt in der letzten Zeit. Die Heizung musste immer wieder laufen. Habe die Vermutung, dass der Golfstrom jetzt doch die Richtung wechselt oder kälter wird und aber niemand es für nötig befunden hat, dies einmal zu thematisieren, geschweigedenn. Heute wieder einmal in der Gegend Lister Damm / Pelikanviertel usw. gewesen. Am Immengarten (und das ist wirklich einmal ein sehr schöner Straßenname) sind, von mir bisher unbemerkt, neue Häuser entstanden, wie sie jetzt überall gleichförmig gebaut werden, mit herausragenden kubischen Balkonen und einer Struktur verschobener Quadern. Tetris-Moderne. In Bremen und Hamburg und wo auch immer bereits ähnliches gesehen. Es sind jedenfalls weitere Beweise dafür, dass die Stadt immer dichter bebaut wird und die Lücken sich schließen.

Immer, wenn ich solche Zäune sehe, die an Brachen oder Baustellen angrenzen, dann muss ich daran denken, ob dies ein guter Ort für die Diskettenkunst „a.a.O. (1)“ wäre, die eben leider doch nicht an den nächstbesten Maschendrahtzaun gehängt werden kann.

Das hier jedenfalls ist noch ganz neu und mit Sicherheit werden sich die schönen, glatten Menschen hier wohlfühlen, für die diese Bauwerke errichtet wurden, während sie im Internet nach Achtsamkeitsseminaren googlen, weil sie so eine Leere im Innern verspüren. Zwischen Podbielskistraße und Mittellandkanal aber, mehr in Richtung Mittellandkanal, gibt es sehr viele Kleingärten, in die ich auf dem Rückweg von meinem Termin kurz reingerate, in der Radellaune, in der ich mich befinde. Ein Wegweiser zeigt „Zum Zahlengarten“ an, den ich aber leider nicht entdecken kann. Auch kann ich mir darunter nichts vorstellen. Erinnere mich gerade an das Déja Vu, dass ich hatte, als ich das letzte Mal in genau dieser Straße gewesen bin, bzw. wiederholte sich dieses gerade oder setzte sich fort. Sie kennen das.

Sie haben vielleicht von der Bombenentschärfung vor ca. einer Woche gehört. Auch dort, wo das nun verkleinerte Busdepot war und davor noch ein Straßenbahn-Betriebshof, Wohnungsbau. Dagegen ist jedoch eigentlich nichts zu sagen, die Menschen müssen wohnen und jedenfalls ich möchte hier keine Hamburger Verhältnisse haben. Wir saßen dann evakuiert im Elternhaus am Stadtrand und lasen in regelmäßigen Abständen auf den Handies, wie es um die Dinge stand. Sobald es etwas Neues gab, erzählten wir uns davon, sprachen auch sonst darüber, wieviele Bomben es wohl noch gäbe in der Erde, wie die Oma einmal ein neues, weißes Kleid anhatte und dann in den Luftschutzkeller musste, usw. Ich habe aber auch, zumindest teilweise, den Wikipedia-Artikel über Amseln gelesen und erzählte auch davon. Am Morgen nämlich eine Amsel gehört, wie sie vor dem Fenster sang, natürlich ein ganz anderes Lied als der Vogel in unserem Baum. Eine Zweite antwortete jedenfalls, ein ganzes Stück entfernt, mit eigentlich garnicht zu unterscheidenden Wiederholungen des jeweils vorangegangen Melodiestückes. Das nennt sich Kontergesang und der jeweilige Vogel möchte damit zeigen, dass ihm der Baum gehört.

Dies ist ein Film von dem Busdepot, aufgenommen am 17. November 2011. Sehr vieles, was dort zu sehen ist, ist nun verschwunden: Die Bahnschienen, die immer noch im Kopfsteinpflaster lagen, die Häuser, das Kopfsteinpflaster selber und das gelbe Licht der Laternen. Die Laternen selber. Tunken wir doch den Kupferdraht tiefer in den Äther ein vergewissern uns, dass es einmal eine Vergangenheit gab.

[If the birds are united]

Amsel in der Kiefer from fabe on Vimeo.

Amseln wohnen im Hinterhof (und im Vorgarten, sitzen sie in der Kiefer, etwa) sowie auch Meisen, die jedes Jahr eine Nistbox aufsuchen, die an der rechten Außenwand des verglasten Nachbarbalkons angebracht ist. Außerdem ein Elsternpaar und ein Paar von Eichelhähern mit ihrem lautlosen Flügelschlag. Ringeltauben sowieso. Auf den Schornsteinen des Hauses gegenüber sitzen regelmäßig verschiedene Dohlen. Wenn eine Krähe sich in den Hinterhof hineinwagt, dann tun sich alle Vögel zusammen und versuchen, sie zu vertreiben, die Amseln, die Eichelhäher, die Elstern auch und ich meine wohl sogar die kleinen Meisen (unterstützen zumindest durch laute Warnrufe). An manchen Tagen setzt sich sogar ein größerer Raubvogel auf den Ast der Birke und hat dann Mühe, wieder aus dem Gezeter herauszufliegen, welches um ihn herum anhebt.

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Nur welcher Raubvogel ist das?

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Unschlüssig darüber,

was die nächsten Schritte sein könnten. Welche der herumspukenden Ideen sollte näher betrachtet und vielleicht zu einem dieser auf lange Zeit nicht fertiggestellten Projekte werden? Für welches Hirngespinst lohnt es sich, die Geisterfalle aufzustellen? Vielleicht besser, ersteinmal ein paar Sachen, die zu 95% durch sind, abzuschlie0en oder für beendet zu denken? Vielleicht ist es so, weil mir dann immer noch einfällt, wie es besser sein könnte, dabei kann ich das ja alles noch bei der Version 2 machen. Langen Brief von K. erhalten, vielleicht schreibe ich ihm noch zurück, gleich, ich könnte auch eine schnelle Postkarte schreiben, die zumindest werden aus der Lamäng erstellt und verschicken sich dann auch stetig. Nicht wie etwa diese Disketten, die fertig sind und eigentlich nur an den nächstbesten Maschendrahtzaun gehängt werden müssten.

Ich dachte etwa, ich müsste es erklären und doch noch einen Link verstecken an irgendeiner Stelle, aber wozu denn. Ich schrieb bereits hier und da dazun etwas, dass kann genügen, bitteschön. Vielleicht dass ich es noch einmal in einen kurzen Text zusammenfasse, wenn die Dinger aufgehängt sind und das war es dann damit. Es sind aber auch Schnurchelfallen, einmal ausgelegt ist es sehr schwierig, sie jemals wieder zu bekommen.

Gleich kopfüber

Wie bereits gestern trinke ich den Rest des Kaffees aus, der übrig ist, heute jedoch mache ich nicht den Fehler, die ‚Apollo‘ von Eno / Lanois / Eno zu hören, die ich mir nach dem Hören einer sehr langen Radiosendung spontan beim Onlineauktionshaus kaufte, und darüber die Zeit zu vergessen. Auch werde ich (zunächst) keine Gedicht|e lesen, sondern mich gleich kopfüber. Gestern Rückmeldung von S. zu den eigenen Gedichten, er hat ja mit allem recht was er schreibt.

Gegen Morgen wild geträumt, verschlungene Pfade, mit Ranken fast überwuchert, bemooste Steine, eine ratternde, achterbahnähnliche Bergbahn (die Schienen jedoch ausschließlich auf dem Boden). Dann in einer Art Gartenwirtschaft, jemand stellt Bier auf den Tisch, es ist eine Leinwand aufgebaut, auf der ein apokalyptischer FIlm läuft, in einer Steppe spielt sich eine Szene ab, in der Autowracks o.ä. am Rande einer Straße stehen und diese tw. blockieren. Ein Mensch, der mit mir am Tisch sitzt, stürzt sich in die Leinwand hinein, ist dann in dem Film, wir sehen ihn, wie er beginnt, die Trümmer zur Seite zu schieben. Dann bin ich selber in dem Film und helfe dabei.

Dann laufe ich außen auf einem geländerlosen Balkon im obersten Stockwerk eines Hauses entlang, an einer Ecke befindet sich jedoch eine Sicherung, die sich jedoch als viel zu wackelig herausstellt. Hier geht es nicht weiter. Der Rückweg kann nur durch ein Fenster gehen, welches in ein Zimmer führt, der Bewohner ist da und ich kenne ihn wohl auch, jedenfalls darf ich durch das Fenster hinein. Es laufen drei Fernseher, einer steht auf einem kleinen, runden Tisch, zwie auf dem Boden. Es sind alte Röhrenfernseher, auf denen unterschiedliche Szenen aus einer Kinderserie gezeigt werden, in der es um die Erlebnisse anthropomorpher Lokomotiven geht. Auf dem Boden sind mindestens zwei kleine, voneinander unabhängige Spielzeugeisenbahnen aufgebaut, legobunt, die beständig im Kreis fahren und eine Lichterkette mit bunten Lämpchen verstärkt meinen Eindruck, hier hat sich jemand eine kleine Wunderwelt erschaffen. Ich finde es unangenehm, hier so einzudringen, aber es besteht ja keine andere Möglichkeit.

 

Cortisol Kalenderwoche

Im Radio wurde neulich erzählt, wenn wir Stress haben, dann müssen wir uns eigentlich bewegen, weil unser Primatenhirn dann auf Kampf oder Flucht schaltet. Das Cortisol, welches dabei ausgeschüttet wird, wird durch Bewegung abgebaut. Heute also wieder gelaufen, statt das Cortisol wüten zu lassen. Hilft auch am Abend, dann nimmt man es nicht mit den Schlaf.

In der letzten Zeit denke ich weniger in Kalenderwochen, dieses Strukturierungselement der Zeitmessung verschwand zusammen mit den Tagen des nine-to-five. Nicht für immer, für eine unbestimmte Zeit, die langsam zuende zu gehen scheint, eine unbestimmte Zeit, die deshalb um so besser genutzt oder verschwendet werden möchte, vertrödelte Nachmittage voller Zeichentrickfilme nach Möglichkeit mit einbezogen, ebenso fieberhaftes Arbeiten an alternativlosen Zwecklosigkeiten. Dennoch (also trotz der Zähling in KW) finde ich sehr schön, was Mequito Woche für Woche aufschreibt, nämlich was schön war. Hier etwa KW 12&13.