Die Zeugen Jehovas haben ein Faible für bunte Krawatten

Jedenfalls die Männer. Schon den kleinen Jungs binden sie knallblaue Schlipse um und schicken sie dann raus zum Spielen auf der Expo Plaza, in der schwülen Hitze, die wir heute hier hatten. Die Frauen tragen gerne Röcke. Einmal im Jahr findet hier ein großes Treffen der Auserwählten statt. Schon die ganze Woche über stand eine Abordnung, ganz unschuldig tuend, in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft, um Werbung für die wohltätigen Sprachkurse zu machen. Denn Jesus war ein Syrer, sowas in der Art, vermutlich. Für drei Tage wird dann die Eishockey-Mehrzweckhalle ganz zum Königreichssaal. Der Regenmacher-Workshop hatte zwar zwischenzeitich einen kurzen Erfolg, konnte aber erst am Abend, als die Veranstaltung zuende war, die ganze Pracht der Bemühungen einheimsen. Nach der Arbeit war ich noch kurz in der Bibliothek, schräg gegenüber. Ich hätte gedacht, dass meine Karte noch nicht seit fünf Jahren abgelaufen ist. Aber sie wurde verlängert und ich kann auch damit Bücher leihen, ebd., a.a.O. Werde einmal die Systemtheorie auswendig lernen. Unter Dachvorsprügen und der Fußgängerbrücke dem Regen ausweichend zur Station, auch hier viele Gutgläubige auf dem Weg in die Herbergen. Musik und Radiobuch in der Bahn. Abendbrot, dann noch kurz in den Supermarkt, dann rasiert und geduscht, jetzt Wochenende.

krh [2]

kolonie der schwarzen vögel die zeitung spricht in chiffren
in den wipfeln der baeume nördlicherer sprache das fest
die nester an der bahnstrecke der möwen wenn der fischmarkt
still lauert das land der dampforganist kennt sich [aus mit
schwedischer popmusik  – knowing me, knowing you]

ornament016

Sie sind dann aufgehende Sonne und aufgehender Mond

Auf den Weltmeeren treibt der Müll unserer Zivilisation sein buntes Spiel, bald schon werden künstliche, schwimmende Inseln aus weggeworfenem Plastik entstehen; genährt von über die Ozeane wehendem Wüstensand von den austrocknenden Kontinenten und dem Schiss der Möwen, die sich an den weggeworfenen Buffet-Überresten der täglich wachsenden Kreuzfahrtschiff-Flotte vollfressen, entstehen fragile Gebilde größeren Zusammenhangs, auf denen sich zunächst die Meeresvögel niederlassen, die dann, mit dem Golfstrom an den nördlichen Pol getrieben, auch den Eisbären als Ersatz für die immer weniger vorhandenen Eisschollen dienen. Die Eisbären treiben auf kleinen Müllhaufen über das Nordmeer, sie sind ihre Rettung in einer immer wärmer werdenden Welt.

20160529_131708

Ach und da wäre noch so viel zu sagen. Ich mag den Ton, den das Fenster hier macht, in diesem kleinen, nur ungefähr 9qm großen Zimmer, zum Hinterhof mit den Vögeln, Amseln, Tauben, Meisen, die ihren Kasten am Balkon direkt nebenan hängen haben. Ich male Bilder auf Wellpappe und beklebe sie mit Papierfetzen, die ich von den Mauern der Stadt abreiße. Dazu benutze ich Tapetenkleister, was dazu führt, dass sich die einseitig beklebte Wellpappe unweigerlich nach oben ~ wellt ~. Gerne klebe ich auch die Schirm-Elemente kleiner, von Stumpf & Stiel befreiter Cocktail-Schirmchen, auf die Bilder drauf. Sie sind dann aufgehende Sonne und aufgehender Mond. Sie sind bedruckt mit chinesischen Schriftzeichen, deren Bedeutung ich nicht kenne.

Zwischen zeitlich

war ich auf Inseln, im Mittelmeer, an großen Straßen stand vor salzigen Bergen. Hier war es ruhig, hier war verschwunden. Jetzt, leider, ist dort verschwunden. Ich besitze eine schöne Sammlung von Trugbildern, die sich täglich vermehrt und größer wird, an Wahrheitsgehalt zunimmt wie auch die Meere immer salziger werden mit all ihren Jahren.

Jede neue Umschichtung all dieser Texte in all diesen Dateien in all diesen vielen, vielen Ordnern fördert vergessene Fragmente meines Schreibens zutage, ich werde zusehends zu einem Archäologen der eigenen Selbst-Konstruktionen, der eigenen Schichtung und Geschichtung. Das Schreiben ist oft so impulsgetrieben, es ist so selbstverständlich geworden, dass ich beim besten Willem den Überblick verloren habe und nur so dahintreibe zwischen all diesen Zetteln, Notizbüchern, .txt-Dateien und dahingeworfenen Apokalypsen, die in sich selbst verschwinden.

Ich besitze eine schöne Sammlung von Trugbildern, die keine sind, weil ich beim Fotografieren keine Filter benutze und beim Schreiben nur durchschaubare Chiffren. Einen Teil davon trage ich tagtäglich in einem kleinen Kasten mit mir herum, in der Hosentasche, in der Jackentasche, in der vorderen (linken oder rechten) Rucksacktasche. Meine Trugbilder sind  Beweisfotos, die mir bezeugen sollen, dass Orte existieren, an denen ich einmal (ja, an denen wir einmal) gewesen sind, auf deren Existenz außerhalb der Zeiten, zu denen wir uns dort aufhielten, aber nichts weiter hindeutet, von massenhaften Zeugnissen fragwürdiger Glaubhaftigkeit einmal abgesehen.

Verloren in den Beweisen der eigenen Existenz, eine Welt aus Zetteln, eine selbst erschaffene Welt aus Papier, Kreuz- und Querverweisen, die in den blauen Himmel hineinwuchern und mir über den Kopf wachsen. Trotzdem ist alles so, wie es sein soll, schön an seinem Ort und hat genau seinen Platz in der bekannten Welt.

War ich auf Inseln, im Mittelmeer, an großen Straßen stand vor salzigen Bergen.

Vielleicht waren die Blätter aber auch größer in den Zeitschriften

20160516_195755

Vorgestern habe ich mich erinnert, wie wir früher Briefumschläge gefaltet haben und konnte das auch — mit ein wenig Hilfe aus dem Netz — wieder nachvollziehen. Wir haben dafür Seiten aus Illustrierten genommen, wie etwa den Stern oder die Tempo und haben sie so geknickt, dass sie mit nur einem Tesafilm-Streifen zugeklebt werden konnten. Entweder wir hatten ein helles Motiv, dann konnte man mit einem dicken Filzschreiber (wie einem Edding) die Adresse der Empängers draufschreiben, oder es musste noch ein Zettel mit der Adresse draufgeklebt werden. Ich habe dann mal nachgesehen, nachdem ich den Umschlag fertig hatte, mit dem Blatt aus der Spex hat er nicht die Mindestmaße, die die Post gerne hätte. Vielleicht waren die Blätter aber auch größer in den Zeitschriften, die wir benutzt haben, jedenfalls sind wohl alle Briefe immer angekommen. Wir haben viele Briefe geschrieben. Mit dieser Methode, Briefumschläge zu knicken, musste man einerseits nie einen Umschlag kaufen und daher eigentlich nur eine Briefmarke, weil das Blatt Papier zum Schreiben war natürlich auch immer greifbar. Die zweite gute Sache daran war, dass es immer einen einzigartigen Umschlag gab, erstaunlicherweise entstanden aus einem Massenprodukt. Das fanden wir toll, auch wenn wir es noch nicht alle wirklich verstanden hatten. Durch die besondere Knickweise entstand aus fast jedem Motiv — gewissermaßen in der Dekonstruktion — eine interessante neue Sache oder zumindest ein neuer Blick. Wir haben viele Briefe geschrieben, ich jedenfalls, es hat mir immer Spaß gemacht. Vielleicht suche ich aus dem Schuhkarton, der hier rumsteht, demnächst mal ein paar dieser Umschläge heraus …

20160516_195742

Produktionsstop

Ich habe zu viele Bilder, also Fotos, gemacht und jetzt quillt alles über. Ich mache jetzt erst einmal keine Fotos mehr, jedenfalls keine digitalen, bis hier in den Ordern zumindest einigermaßen eine Übersicht vorhanden ist und nicht mehr alles nur noch rumliegt und wartet, noch einmal betrachtet zu werden.

Auch der Text muss, ich schreibe es nicht zum ersten mal hier hin, einigermaßen fokussiert werden. Abends herrscht sehr viel Müdigkeit und das Zimmer sieht entsprechend aus, insbesondere nach dem Urlaub und der jetzt gerade zu ende gegangenen ersten Arbeitswoche. Aber hier wird zumindest noch etwas geschrieben. Ich muss mir dringend eine Liste machen, was ich für Sachen voranbringen möchte, dann konzentriert daran arbeiten. Es ist ja auch egal, was dabei heraus kommt und wie lange es dauert. Vielleicht fange ich an mit dem Abtippen der Notibücher, wo ich doch jetzt ein so schönes T-Shirt habe mit einer Schreibmaschine drauf.

Over and out.

Raufrunterkunst in Limmer

plakat_raufrunterkunst

Kunst im diffusen Licht, Kunst in der Dämmerung im Treppenhaus, Baustellenstrahler 100 Watt auf dem Dachboden. Geht gut, wie jetzt gerade in Limmer gezeigt wird. Da wird zur Zeit ein Wohnhaus zur temporären Galerie umgenutzt, und zwar noch bis zum 16. April. Im Treppenhaus, auf dem Dachboden und in drei Wohnungen hängen Werke von Ralf Bednar, Iris Schmitt, des Künstlerduos EX+, Nils Schumacher und Meike Zopf.

Die Straßenbahnhaltestelle ist die Wunstorfer Straße und fast direkt dort ist es dann auch. Am Mittwoch gibt es auf dem Dachboden eine Lesung mit u.a. Stefan Heuer und zur Finnisage am Samstag ein Hinterhofkonzert, Flohmarkt und alle Bilder ein letztes Mal in dieser Zusammenstellung zu sehen. Das ganze Programm usw. ausführlich auf der Facebookseite. Dort auch viele weitere Fotos von der Veranstaltung, dem Eröffnungskonzert und so.

20160408_203948