Menschen in der Stadt

Der Kiosk hat ein Verkaufsfenster für die Vorbeieilenden und einen Laden, in dem ich stehe. Am Fenster der Einarmige in der Jeansweste, der einen anderen Akzent hat als der Mensch im Kiosk, möchte ein „Chindeler“, der Kioskmann versteht aber nur „Krombacher“. Ich hole ein „Lindener“ aus dem Kühlschrank, halte es dem Einarmigen hin und frage, ob er das möchte. Der nickt. Kioskmann und Einarmiger zufrieden.

Die Bahn, mit der ich jetzt fahre, fährt zu einer Haltestelle, an der sowohl die ‚Swiss Life‘ als auch die ‚HDI‘ große Niederlassungen haben. Gestern saß mir schräg gegenüber eine Frau im schwarzen Kleid, die hatte eine Tasche dabei, auf welcher, über die ganze Tasche verteilt, die Buchstaben „MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK“ geschrieben standen. Auch hatte sie kürzlich einen teuren Friseur besucht und las in der Zeitschrift „Glanour“. Ein Mann im Jeanshemd, ausgetretenen Schuhen und mit halber Glatze, der hinter ihr Stand, las unbemerkt und interessiert mit. Mir direkt gegenüber eine Dame, die eine ganz ähnliche Mode trug wie die Glamour-Frau, nur in der Ausführung nicht ganz so glatt. Aus der Tragetasche neben ihr ragten Blumenköpfe.

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Am Abend stieg ich an der Noltemeyerbrücke aus, gleich steht dort auch ein Mann mit einem knallblauen Turban auf dem Kopf, mir gegenüber an der Fußgängerampel, außerdem Holzfällerhemd, Stone-Washed-Jeans, Turnschuhe und ein grauer Bart. Das war am 28. August diesen Jahres.

Als Arbeitsprobe

heute einen Text zum Thema Inkontinenz-Unterwäsche geschrieben. Dabei musste ich natürlich mehrfach an David Foster Wallace denken, der im Unendlichen Spaß ja ein ganzes Jahr nach diesem Produkt benannt hat. Hier wiederum muss ich, beim Gedanken an die wundervolle Figur des potischen US-Präsidenten Johnny Gentle, der die große Konkavität mit Sondermüll bombardiert und seine Haut mit Säurepeeling behandelt, immer und immer wieder an den amtierenden Suppenkasper Donald Trump denken, dem ich all diese Dinge nämlich auch zutrauen würde, ohne Weiteres.

Ohne Beladen (jedoch inkl. Abladen)

Heute wieder mit dem Fahrradanhänger zum Wertstoffhof. Aufgrund des fragwürdigen Zustands der Radwege in Hannover haben sich jetzt Schrauben gelöst, muss repariert werden, wird aber nicht schwierig. Wieder weniger Schrott. Eine Tour hin/rück ohne Beladen (jedoch inkl. Abladen) dauert ½h. Auf dem Wertstoffhof reges Treiben, es wurden sogar Dinge abgeholt, nämlich von Antiquitätenhändlern. Viele DVB-T-Receiver in der Kleingerätebox, so kann man auch für Nachfrage sorgen, indem nämlich aus reiner Digitalisierungshysterie gerade mal 10 Jahre alte Standards entsorgt werden. Wofür? Für noch mehr Sender, nämlich Shoppingkanäle, Christenkanäle, Unterschiede nur bei genauem Hinsehen erkennbar.

Diese Woche außerdem mit dem neuen Teppichklopfer die Flickenteppiche ausgeklopft. Staub. Eine Auswahl von Gedichten zu einem kleinen Band zusammengestellt, zunächst nur für den Gebrauch im Freundeskreis. Im Keller auch gesehen, dass immer noch Restauflage des VersSchwoerer vorhanden ist. Die wird demnächst auf kleinen Touren im Stadtgebiet verteilt, vielleicht dass ich auch einmal die Geschichtswerkstatt Achim anschreibe, um die Ausgaben im Archiv zu ergänzen. Wir haben uns nie geeinigt, ob es „Die VersSchwoerer“ (plural) oder „Der VersSchwoerer“ (sing., mask.) heißt. Ich hab immer „der“ gesagt, aber „die“ fände ich jetzt besser und heute würde ich eine Zeitschrift dieser Art auch nicht mehr so archaisch-sturm-und-drang-romantisch betiteln. Aber so war das halt, wenn man mit den Flausen und dem ganzen Kafka im Kopf vom Gymnasium kommt und dann ausgerechnet die brotlose Kunst studieren muss, dass auch noch ausgerechnet am Seminar in Hannover, wo man bis auf den heutigen Tag mit den Intrigen mehr beschäftigt ist als mit der vernünftigen Ausbildung der Studierenden. Aber das nur am Rande des Geschehens.

Empfangsbericht (8)

Heute Morgen spontan die Favoriten im Küchenradio aufgeräumt und dabei in die Morningshow von Studio Brussel reingeraten. In den 10 Minuten lief nur Happy House oder wie das auch immer heißen mag und eine extrem angeknippste Moderatorin telefonierte zwischendurch, aber während die Musik natürlich weiterlief, mit den Hörern. Ich fand’s extrem super. Den flandrischen Zungenschlag verstehe ich viel besser als den Dialekt, der in Friesland gesprochen wird. Selber sprechen kann ich’s natürlich nicht. Den Livestream für externe Player findet man z. Zt. aqui [2017-03-17]. Die Geschichte, wie ich einmal als Schüler eine Woche lang zum Austausch im Hause eines deutschen EU-Diplomaten wohnte, dessen Sohn alle naselang das Lied vom alten Kaiser Wilhelm anstimmte, heb ich mir mal für vielleicht später auf. Ich erwähnte es hier auch bereits einmal. Die Suchfunktion ist ja mit das beste an einem fast 15 Jahre lang vollgeschriebenen Blog. Allerdings bin ich manchmal auch ein wenig erschrocken ob der Unerschrockenheit, mit welcher ich dereinst ein paar Dinge formulierte, die ich heute vielleicht garnicht mehr so denken oder gar aufschreiben würde. Aber so ist das. Ist auch OK so.

 

Sagrada Familia I-III (26.9.2016)

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Diese Aufnahmen entstanden vergangenen Herbst während einer Barcelona-Reise mit unserer nicht ganz so heiligen Familie, der erste Urlaub mit meinen Eltern nach einer langen Pause. Nachdem wir schon sehr oft in der Stadt gewesen sind, war dies das erste Mal, dass wir dort eine Kirche besichtigt haben. Ich finde es ganz großartig, wie die Geräusche der andauernden Bauarbeiten das sakrale Gebäude mit Klang erfüllen. Seit weit über 100 Jahren wird an dem Bauwerk gearbeitet, die Fertigstellung ist für das Jahr 2026 angedeutet. Wie groß Ideen werden können und wie weit sie das Menschenleben selber überdauern können. Wie unwichtig Zeit sein kann.

Die Audiodatei kann hier heruntergeladen werden.

[Nordsee-Tsunami]

In der letzten Nacht von einem Nordsee-Tsunami geträumt. Wie alle fliehen, weg von der außer sich geratenen See. Versuche über das Telephon meine Familie zu informieren, die eben noch mit mir waren. Die Eltern wetteiferten mit Onkel und Tante, wer den schöneren Schrebergarten zum günstigeren Preis in Aussicht habe, als ich den merkwürdigen Strudel im schwarzgrünen Wasser bemerkte und wie der Boden anfing, sich zu bewegen. Statt eines Anrufes oder einer Textnachricht kann ich nur eine Botschaft verschicken, die aus merkwürdigen Bildern besteht. Das Telephonnetz ist natürlich überlastet, weil alle versuchen, sich zu melden und noch Menschen zu warnen. Ich weiß aber, ich und alle, die mit mir waren, sind in Sicherheit und setze den Weg recht unaufgeregt fort.

Süßkartoffel

Im März kauften wir zwei oder drei Süßkartoffeln auf dem Markt, an dem Stand, der nur Kartoffeln verkauft, die mangels Inspiration dann in dieser Kiste in der Küche lagerten. Jedenfalls und wie es Kartoffeln machen, fingen sie dann an auszutreiben. Sieht man hier (das neunte Bild von oben). „Was sowieso wächst und nicht gegessen wird, das soll auch wachsen“ dachte ich und hab sie in den Topf gepflanzt. Nun geht es seinen Gang.

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Sie sind dann aufgehende Sonne und aufgehender Mond

Auf den Weltmeeren treibt der Müll unserer Zivilisation sein buntes Spiel, bald schon werden künstliche, schwimmende Inseln aus weggeworfenem Plastik entstehen; genährt von über die Ozeane wehendem Wüstensand von den austrocknenden Kontinenten und dem Schiss der Möwen, die sich an den weggeworfenen Buffet-Überresten der täglich wachsenden Kreuzfahrtschiff-Flotte vollfressen, entstehen fragile Gebilde größeren Zusammenhangs, auf denen sich zunächst die Meeresvögel niederlassen, die dann, mit dem Golfstrom an den nördlichen Pol getrieben, auch den Eisbären als Ersatz für die immer weniger vorhandenen Eisschollen dienen. Die Eisbären treiben auf kleinen Müllhaufen über das Nordmeer, sie sind ihre Rettung in einer immer wärmer werdenden Welt.

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Ach und da wäre noch so viel zu sagen. Ich mag den Ton, den das Fenster hier macht, in diesem kleinen, nur ungefähr 9qm großen Zimmer, zum Hinterhof mit den Vögeln, Amseln, Tauben, Meisen, die ihren Kasten am Balkon direkt nebenan hängen haben. Ich male Bilder auf Wellpappe und beklebe sie mit Papierfetzen, die ich von den Mauern der Stadt abreiße. Dazu benutze ich Tapetenkleister, was dazu führt, dass sich die einseitig beklebte Wellpappe unweigerlich nach oben ~ wellt ~. Gerne klebe ich auch die Schirm-Elemente kleiner, von Stumpf & Stiel befreiter Cocktail-Schirmchen, auf die Bilder drauf. Sie sind dann aufgehende Sonne und aufgehender Mond. Sie sind bedruckt mit chinesischen Schriftzeichen, deren Bedeutung ich nicht kenne.