Zeit
Der Geruch vergehender Zeit
An einem aus der Kindheit wohlbekannten Ort gewesen und Fotos gemacht, hauptsächlich weil ich früh dran war vor dem Friseurtermin. Die Luft roch jetzt nach geröstetem Zucker, wie jedes Jahr im Herbst an einem Tag zum ersten Mal.
Die Rüben kochen, jedenfalls, es wird früher dunkel.
Aufgeschriebenes aus den Monaten (6)
Aus den Briefen – 16 –
Am Wochenende habe ich versucht, „Kindlers Lexikon der Weltliteratur“ ins Altpapier zu tun, was mir nicht gelingen wollte. Ich benutze es nie. Jetzt habe ich ein Foto gemacht und will es vielleicht einem Antiquariat geben. Hab auch geträumt, wir hätten uns in der Bahn getroffen. Du musstest ganz dringend und hattest einen schwarzen Mantel an. Wir sind an der Universität ausgestiegen. Ich habe Dir das Lexikon angeboten, aber Du wolltest es jedenfalls auch nicht haben. Hast Dich dann noch über einen Knopf an einem elektrischen Gerät beschwert, der auch wirklich sehr merkwürdig war. In einem der Bände, nur in einem, steckte ein Zettel, auf der Seite zu Hemingways „In our Time“. Auf der Rückseite Vorderseite war notiert „HEMINGWAY IN OUR TIME“. Es ist ein in vier Teile gerissenes DIN-A-4-Blatt, eine Kopie eines Stadtplans. Die Straße, in der ich jetzt wohne, ist zu sehen.
Aufgeschriebenes aus den Monaten (5)
Teile dieses Textes fehlen, weil ich sie vergessen hatte, bevor ich sie aufschreiben konnte
Getreide steht schon hoch aber noch grün. Als wäre es erst vor ein paar Tagen gewesen, klingt das Lied noch nach, der Regen, der über das Land treibt, mit dem Wind. Schon wieder Jahre. Die orangenen Pillen essen, sie nehmen die Schmerzen nicht, machen aber ein wenig high, das ist ganz angenehm. Notiz in die Todo-App, Lotto zu spielen, leg die Batterie wieder in die Winkekatze ein und lass sie winken, lass sie winken Tag und Nacht.
Aufgeschriebenes aus den Monaten (2)
(4.1.) Wieder die Krähen, und das Grand Hotel.
Gestern beim Radiohören bemerkt, das Päpste auf Französisch anders heißen: Benoit & Francois.
[24. Februar 1989]
2022 in 12 Bildern
Aufgeschriebenes aus den Monaten
(ca. 28.4.) Überall lauert die Vergangenheit: Heute der Spaziergang durch den Wald und dann die Hohenzollernstraße, die Villa, in der früher das Institut sich befand. Wir standen vor dem Eingang unter dem Vordach, Hochparterre, und rauchten.
(12.8.) Morgens die Passfotos (biometrisch) im Bahnhof gemacht und dann, mit den soeben gedruckten Fotos in der Hand, über den Bahnhofsvorplatz gerannt, dem Busfahrer des 900ers winkend mit der anderen Hand, dass er warten möge, was er dann auch getan hat.
(ca. 28.8.) Die, die ein unbestimmtes Publikum, und die Luft anschreien. Da war etwas die Frau hinter mir im Bahnhof, an einem Morgen um den 28.8., die den Satz „Wenn du mit dir selbst redend durch den Bahnhof läufst, wirst du abgeschoben. Auf dich wartet nur noch das Grab.“ sagte und wen meinte sie damit?
(7.9.) An jedem dieser Tage, die alle der letzte Sommertag sind, sitzen wir auf dem Balkon und trinken den Wein der Unvernunft, bis die Fledermäuse fliegen und es Zeit ist. Um eine kleine Glasschale mit eingetrockneter Aprikosenmarmelade darin kreisen die letzten Wespen. Häufig lassen sie einander in Ruhe, manchmal kämpfen sie eine Sekunde miteinander. An jedem dieser Abende gebe ich ein oder zwei Teelöffel Wasser dazu, so wird die Marmelade und der Zucker wieder etwas gelöst. Eine graue Scherbe liegt darin, an der die Wespen herumklettern können, so kommen sie auch gut an das Wasser heran.
(15.10.) Die Scherbe stammt von einem dieser grauen Teller, die aus dem Haushalt der Eltern übergegangen sind, wohl mit der Wohnung mit dem Blick auf den alten Fernsehturm in der Ferne, dann in die heutige Wohnung, einen hatten wir als Blumentopfuntersetzer draußen auf dem Balkon stehen und dann kam ein Sturm. Die Scherbe war danach unten über dem Wasserloch in einem tönernen Blumentopf, heute liegt sie weiter in der Glasschale, darin noch ein letzter Rest der ganz vertrockneten Marmelade, die Wespen aber sind alle weg.
(16.10.) Die Pappeln sind jetzt gefällt.
(28.10.) Gestern Abend waren Fledermäuse am Kanal, in der Dämmerung. Habe 11 gezählt. Heute vor Sonnenaufgang auf dem Rad. Im T-Shirt. 28 Oktober.
(31.10.) Noch vereinzelte Wespen in der Luft.


































