Prinzessinen & Grafen, Kartoffelmännchen & Pferdemädchen,

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Nach einer wirklich wirklich langen Pause (aber ich bin der Meinung, dieses Buch, Büchersammlung, eignet sich dafür) auf dem Hinweg und dem Rückweg, von und nach Groningen, wieder die Récherche zur Hand genommen und mich letztenendes durch das zähe Ende einer Liebe von Swann gebissen. Ja ich verstehe das schon, ich verstehe den Witz und die Pointe und es ist auch wirklich sehr sophistiocated my arse, aber der Weg zu den bitterbösen, subtilen Anmerkungen zur dort versammelten Gesellschaft von Prinzessinen und Grafen und wer auch immer die Revolution anscheinend leider doch überlebte, er schnörkelt sich doch sehr in eine übersteigerte Verziertheit hinein, bisweilen. Da man ja selber davor nicht gefeit ist, immer, so sigh us und weiter geht es. Nun im Abschnitt Ortsnamen • Namen überhaupt, dessen Name überhaupt ja schon ’ne Wucht ist, wo ich dann wieder beim jungen Protagonisten bin, zunächst in den schönen Ideen fremder Länder, die anhand des Zugfahrplans und der Ortsnamen entstehen, die von der Realität natürlich niemals eingelöst werden können, aber der Trick ist, darauf kommt es garnicht an. Wie schön beleuchtet die Fenster im Hinterhof jetzt gerade sind, wo es wieder dunkel ist bei Zeiten. Oben und unten die beiden Anlichtungen meines Lesezeichens, welches ich gerade benutze. Zettelwirtschaft.

Sonderling 2

Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem ich notgedrungen nun bereits seit längerem einen kleinen Stand besitze, an welchem ich Schnürsenkel, Leim und Losnieten um ein weniges feilbiete, heute wieder für die Mitmenschheit die Ohren rot, da sie sich auf die Bühne stellen unter der Erde; Schreiben können sie nicht, aber vorlesen müssen sie es dennoch und sich für verruchte Fotos aufräkeln, die kleinen niedersächsischen Kartoffelmännchen und Pferdemädchen. Als wenn’s kein Morgen gäbe. Und man kennt sie auch noch. So wird es immer sein in Hannover. Geht man dann hin und klatscht sich selbst auf die Schulter. Danke aber nein.

*** Aufzug und Treppenhaus in der Literatur.

„Als ich an der Haltestelle Russel Sqare zwischen Aufzug und Treppe die Treppe wählte. Am Ende einer langen Wendeltreppe empfahl eine Lautsprecherdurchsage, den Aufzug zu nehmen, da das Treppenhaus einem 15-stöckigen Gebäude entsprach.“

(the butler, London VI)

„Ich wollte eigentlich zum Treppenaufgang und nachhause gehen, stattdessen blieb ich stehen und wartete auf sie. Ich sagte, da sei ich wieder, ich könnte ihr wieder mit dem Koffer helfen. Sie lachte, bedankte sich und sagte, aber hier gibt es ja den Aufzug. Ich sagte: das stimmt. Dann vertschüßten wir uns wieder. Im Abschied warf sie mir die Frage hinterher: bist du Musiker? Ich dachte kurz nach uns sagte: nein. Wir blieben einen Moment lang stillstehen und als der Moment vorbei war, ging sie zum Aufzug und ich zur Treppe.“

(mequito, ohne Titel)

„Dann liefen sie fast, Karl mit ihrer Tasche in der Hand, zur nächsten Station der Untergrundbahn, die Fahrt verging im Nu, als werde der Zug ohne jeden Widerstand nur hingerissen, schon waren sie ihm entstiegen, klapperten, statt auf den Aufzug zu warten, der ihnen zu langsam war, die Stufen hinauf, die großen Plätze, von denen sternförmig die Straßen auseinanderflogen, erschienen und brachten ein Getümmel in den von allen Seiten geradlinig strömenden Verkehr, aber Karl und Therese eilten eng beisammen in die verschiedenen Büros, Waschanstalten, Lagerhäuser und Geschäfte, in denen telephonisch nicht leicht zu besorgende, im übrigen nicht besonders verantwortliche Bestellungen oder Beschwerden auszurichten waren.“

(Franz Kafka, „Der Verschollene“, Seite 73)

Kurt

Kurt SchwittersVor 101 Jahren und 2 Tagen starb Kurt Schwitters. Ein Computer liest deshalb hier für Sie wie vor zwei Jahren bereits “Anna Blume” und ich fahre morgen mit der 1,2 oder 8 ganz an seinem Grab in der Nähe vorbei [wie an jedem Werktage], jedoch werde ich an der Haltestelle Altenbekener Damm aussteigen (die man auch nehmen könnte für den Weg zum Friedhof an der Engesohde) und Sie werden schon sehen warum ich hoffe es ist noch dort. Heute morgen eine schöne ganz zufällige Collage gesehen, die die Herren Schmorlundvon in Auftrag gegeben wohlmöglicherweise. Dann mache ich ein Foto. Für Kurt. Und für mich. In Digital.

[audio:http://fabe.podspot.de/files/annablume.mp3]

Zugabe

Das Mädchen in der
U-Bahn, verfilzt
die Haare
Wilde Vögel
auf den Baumwollfeldern
die jetzt ihr
Sweatshirt emportragen
zu den schönen Denken
die es gibt
wird aber auch
das Geld verdient
dasselbe Geld Kid

und hast Du genug davon
kaufst Du Dir einen Sarg
ganz aus Gold +
Elfenbein

Ich habe nie
einen zahmen Vogel
von der Freiheit singen
gehört.

Let it ~, let it ~, let it ~.

[13.12.2012]Die neue Schrift die wir jetzt haben, hält viele Zeichen bereit, um die Leerstellen zu markieren, die sich gebildet haben, den ehemaligen Aufenthalt der verschwundenen Geister und Erinnerungen an sie, an all das. Erinnerungen auch an ehemalige Möglichkeiten.

Als ich zur Station gehe, zersägen Arbeiter eine Litfaßsäule und aus der gerade ankommenden Bahn steigt ein Mann mit Langlaufski. Der Friedhof ist wunderschön im Schnee [~] auf dem Rückweg machen die Bäume der Allee zum großen Garten den Shutter, als ich in der Bahn sitze und aus dem Fenster sehe. Fünf Wochen ist es her, am 5.11. schrieb ich in das Notizbuch, wie einer vor der Eisentür steht, im ganz dunklen Treppenhaus, und weiß vor der Tür das Dämmerlicht [und der Wind des Nordens im November, kurz bevor die Bäume auch noch die Schatten der Blätter nicht mehr festhalten können]. In der Zwischenzeit die Ewigkeit.

Auch die Dinge und Verhalte, die wir nicht aussprechen, zerbrechen würden sie in dem Augenblick, nur diskrete Zeichen lassen sie erahnen. Wie der Schnee noch liegenbleibt, nachdem es schon lange schon viel zu warm ist, und wir ihn nur anschauen dürfen, denn eigentlich ist er schon wieder Wasser, wie das meiste von uns.