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Am Morgen beim Systembäcker an der Ecke stehen Handwerker und unterhalten sich über rücksichtslose Politiker-Konvois im Straßenverkehr, //damals, da war Albrecht noch Ministerpräsident, mit drei Limos waren die da unterwegs, als würde die Straße ihnen gehören sachichdir//.

Neuer Leitspruch oben auf dieser Seite:
Die Zeit aus den Fugen zu schreiben.

WÄREND ich sie nämlich über die Rücksichtslosigkeit der Politiker reden höre (und beim Empfang zur großen Messe wird, so ist der Einladung zu entnehmen, wie in jedem Jahr im Kongresszentrum auch ein Fahrerimbiss angeboten, dass alleine genügte schon) fällt mein Blick auf die Schlagziele der heutigen Presse: „Rambo-Raub“ schreibt sie, denn in das Schaufenster des Uhrenladens, in dem ich an einem verregneten Sonntagnachmittag um ¼ vor 3 die Uhren photographierte, die hier als ein wiedererkennbares Zeichen ausgestellt sind, ist – so ist dem Foto zu entnehmen – ein VW-Bus hineingefahren, so wurde der Laden beraubt. So gelangen meine Gedanken, ohne dass ich mich weiter mit dieser Frevelei befasse, zu dem Spaziergang an diesem Sonntagnachmittag, Jahre schon entfernt, und hierhin, und zur Zeit zurück, deshalb.

A room is still a room, even if it smells funny

Als ich von der Straßenbahn-Haltestelle zur Arbeit gehe, fährt durch den Regen hindurch ein LKW die lange Brückenrampe hinunter mit Gischt, aus Helsingborg grüsst die Plane.

Und in den langen Zügen, die aus drei Wagen bestehen, fahre ich morgens zu meiner Arbeitsstelle durch die ½ Stadt und am Abend zurück. Wie eigentümlich das Grau der Tunnelwände ist, es ist kein Ruß, es sieht aus wie solcher, es könnten Gummipartikel sein oder abgelagerter Feinstaub, also doch Ruß, der durch die offenen Eingänge der Stationen von der Stadt hereinweht, zusammen mit den Tauben. Wie lange meine Augen meine Blicke nun schon über diese Wände gleiten, über die Kabelstränge, die sich parallel zu den Gleisen an ihnen entlangziehen und wie meine Augen meine Blicke an manchen Tagen auch ganz aufgerauht sind, abgerieben, vom hinausschauen in das Tunneldunkel, hier und da ein vorbeiziehender Zug in dieselbe Richtung, der sich in einer eleganten geraden Kurve nach links oben oder rechts unten verabschiedet – neulich, als wir im Theater waren, wurde mir berichtet, ich wäre von einer solchen nebenherfahrenden Bahn aus gesehen worden, die Richtung war aber nicht mehr zu erinnern, die Bewegung und die Tageszeit.

Als ich am Nachmittag

noch einmal mit dem Fahrrad zur Post fahre, an der Vahrenwalder entlang, denke ich dass es nach Schnee riecht und gleich weht der kalte Ostwind ein Filmzitat über die Bahngleise und über die Straße, leerer gelber Sack und der kalte Wind aus Osten, der Himmel ist ganz ergraut, nachdem er am Vormittag dieses Licht hatte, das weiß schimmert in der Frostluft, sind wir zum Copyshop gefahren, hier wird auch Wäsche und werden die Pakete angenommen, es riecht nach Ozon und Waschmittel, die schöne Mischung, Softcover, sind wir den Weg gefahren, sind wir danach im Café an der Lutherkirche gewesen, Wintertraum warmer Apfel Chai Latte, „Ich als Gerhard Schröder bin eine Lasagne“ sitzt dort (ein Gesandter aus der Vergangenheit) und ist nach all den Jahren endlich gut eingestellt, hoch leben die forschenden Farmer, Schmeiß es hin und werde / die Verbesserung der Erde.

Am Busdepot, auf der weiten Fläche, wo noch die alten Schienen des Straßenbahnbetriebshofs (im gleißenden Abendlicht, an manchen Tagen), dort haben sich die Krähen versammelt, es sind weit über einhundert schwarze Vögel und all das kümmert sie nicht, nicht im Geringsten, unter ihnen. Das am Abend der Wind auffrischt und es noch kälter wird. Es ist möglich.

Anfänge

Nieselregen, der sich als eine feine Schicht (in der U-Bahn erst wird er in das Gewebe einsickern) auf den Wollstoff des Mantels legt, wenn man dann noch in der Tasche ein 2-Cent-Stück hat das (mit den Fingerkuppen fühlt) und etwas Sand vielleicht, am Morgen, an der Bahnstation, (Das neue Jahr begrüßt mich mit Blaulicht und Trompetenschall).

Ich höre die Musik von fernen Städten (Jem’Hadar durch einen ebensolchen Schlauch in die Halsschlagader zugeführt wird, als Belohnung, als Nahrung und Überlebenselexier). Später am Tag sitzen gleich zwei Programmierer vor meinem PC und öffnen eine Shell nach der anderen. In der Mittagspause ist es ein veritabler Regen geworden, aber auch nicht einer der einen stören würde, es regnet halt, da gewöhnt man sich dran im Laufe ~. Ich gehe ein Fischbrötchen kaufen.

Der Supermarkt liegt gegenüber der alten Wülfeler Brauerei, in der noch während meiner Kindheit eine einheimische Biersorte gebraut wurde. Jetzt stehen ein Burger King und ein Lidl, neben anderen Geschäften, an Stelle derselben und man kann sich nur wundern darüber. Immerhin gibt es einen Bäcker im Supermarkt, es gibt einen Fischladen und ein Schreibwarengeschäft, im ersteren Fischbrötchen und im zweitren sogar Briefmarken. Der Supermarkt selber ist eine vollgestellte Fabrikhalle, ich entsinne mich das hier einst ein Allkauf war, dessen Café einem dieser Arbeitseinsätze als Treffpunkt diente, ich kann mich beim besten Willen nicht entsinnen, was für eine Arbeit das gewesen ist und in welchem Jahr sie war, auch die Jahreszeit weiß ich natürlich ebenfalls nicht mehr. Im Radio läuft Uberlin und wenn die Musik einmal im Supermarktradio angelangt ist, so bleibt sie dort auch für immer, da kann sie noch so wundervoll sein. Es hilft nichts. Diese Geschichte endet hier.

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[Dienstag] Wenn der Kollege das Fenster geöffnet hat, kann man von der nahen Bahnstrecke die Güterzüge vorbeifahren hören. Niesel.

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[Mittwoch] Abends. Niesel. Als ich aus dem Krankenhaus komme, laufe ich die Braunstraße hinunter in Richtung Glocksee und breite die Arme aus für einige Meter, den schönen Regen gebührend zu würdigen.

Das Geflecht der Oberleitungen über die Kreuzung am Café Safran. Die drei warmen Brüder werden jetzt in Violettönen angestrahlt, was ihrem Namen nur gerecht werden kann. An der Bushalte macht gerade ein Mädchen mit krausem braunen Haar mit ihrem Handy ein Foto davon, ich bleibe stehen, um ihr nicht in das Bild zu laufen, Sie können ruhig gehen sagt sie, ich ich kann aber auch kurz stehenbleiben. Dann nehme ich den Bus 100 nachhause. In dem riecht es mal ordentlich nach Gras.

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[Dienstag darauf] Mit Sekundenkleber die Sekunden zusammengefügt für eine Stunde, entgegen dem Uhrzeigersinn, tick tack. Im Zementfrack spatzier ich die Straße entlang, mein Name sei Art Vendelay aus Hannover-Döhren, wo die Straßen gerade geführt sind in Richtung zum Fluss. Genäht ist der aus den zu langen Hosen der Kindheit, der Flickenanzug, gesäumt von den vergangenen Vonwegen. Ich schleiche um die Ecken und reibe mich gegen Vorwände aus Papier, die nassgeregnet sind. Am Morgen müdigkeitsinduziertes Fernweh, bestärkt durch das Ansehen eines Lexikon-Eintrags zum Thema Belgien. Schneé.

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Dies sind die ersten Dinge dieses Jahres, das begann mit einer Dehydra im Rückschwung des Pendels, geschlungene Boa um den Janusköpfigen Passagier, der ich war (zusammen mit Dir). Zur Jahresendewende in der Stadt am großen Fluss, jedoch dort nur den U-Bahn-Tunnel und etwas von Eimsbüttel am Abend und am Morgen im strömenden Regen gesehen. Der Mann in dem Café im Hauptbahnhof, der plötzlich am Spielautomaten 240 € gewinnt, er freut sich, kommt sofort ins Erzählen, von den Lotterien und den verschwindend kleinen Chancen, von der Familie und der Arbeit in einer Baufirma, für die er wohl nach Deutschland kam, in einer fernen fernen Zeit, „Guten Rutsch ja Guten Rutsch und viel Glück ja Glück ja ebenso“ [*] Am nächsten Morgen in der U2, die beiden kleinen Mädchen, 11 vielleicht oder jünger, mit ihren kopftuchbedeckten Müttern Tanten großen Schwestern, erzählen was sie gerne werden möchten: „Wenn ich groß bin möchte ich gerne Star werden. Oder Model. Oder Kindergärtnerin“ dies kann ich tun: Unabhängig vom „Jetzt“ ein Es war einmal hier entwerfen, niederschreiben, noch Tagesaktuell weil noch nicht entstanden, weil der Jahreszeiger sich immer noch ganz am Anfang befindet, die ersten zehn Minuten oder eine viertel Stunde, so viel geschehen bereits und schon wieder, siehe hier oben, siehe hier unten, siehe die Ränder dieses randlosen Textes.

An diesem 2. Januar jedenfalls, regnet es immer noch vom Himmel, ich lese in meinem schönen Buch, das im Rucksack von der Reise einen kleinen Riss im Cover bekommen hat, „The Catcher in the Rye“ – (Und dann der schöne Schnee dazu. Ich habe nach Jahren, den Proust eh schon wieder beiseite, den „Fänger im Roggen“ wieder einmal begonnen, weil ich mich erinnerte das mir dieses Buch immer ein gutes Gefühl gegeben hat. Ich habe die Handlung des ganzen schon wieder vollkommen vergessen, aber immerhin liegt es nun auch einmal auf englisch in der Post, seit mehreren Tagen jetzt schon,
weil die Packstation zu voll gewesen ist. Da kann ich es schlecht abholen. Die Post ist eine Behörde mit Behördenöffnungszeiten. Aber vermutlich ist auch die deutsche Fassung die, die mir dabei hilft, mich an Dinge zu Erinnern, die ich nicht selber erlebte.), so jedenfalls schrieb ich in einer Mail im Dezember schon, ich lese und mir gegenüber sitzt ein armer Mann mit einem lieben Hund, ein Rottweiler kann es sein, ich kenne mich da nicht aus, dem er fortwährend Dinge erzählt, dass sie heute mal zur Post müssten (sie auch!) und dann und dann.

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[Freitag] Am Abend ~, nachdem ich im Schwimmbad war und aus dem Becken schön den Schneé hab fallen sehen, draußen vor dem Fenster, sich plötzlich die Nachbarschaft erweitert hat um einen ganz neuen Ort, der schon die ganze Zeit dort gewesen ist, wie aber dadurch das Viertel selbst ein anderes wird, ein wenig immerhin schon wieder (es ist im steten Wandel und bleibt sich gleich), (und wenn ich vor die Tür gehe ist dort immer schon und gleich die Stadt, die Menschen und die Straßenbahn und die Autos auf der breiten Straße und all das große Ganze, sie steigen aus der Bahn und gehen und sie rennen bei rotem Licht über die Ampel und kriegen die Bahn doch noch oder nicht mehr, sie sammeln auch Flaschen in Einkaufswagen und haben Telefone in der Hand auf die sie schauen und beinahe von der Straßenbahn), an diesem Abend trotz der arg vereisten Wege mit dem Rad nach Linden gefahren, an den Runden Tisch gesetzt, entzwei ist die Zahl der anwesenden Gefährten, wir waren einst so viele. Ich hätte das alleine schon nur machen können, so jedoch saßen wir zusätzlich zu der tollen Fahrradfahrt durch die kalte Januarnacht und so weiter dort und hörten der Musik zu und tranken Bier und erzählten uns Geschichten von dem allen. Am Samstag das erste mal auf dem Markt in diesem Jahr, Äpfel und Kartoffeln. Käse und Wurst.

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[Eine Woche später am Abend] und ich schreibe mich hinein in die Gegenwart, dort bin ich nun endlich in diesem Jahr angekommen und ein Fuß im Text und die zwei Hände auf den Tasten, die die Welt bedeuten. Draußen ist der Winter in seiner ganzen prächtigen Kälte vorhanden und die Tage sind angefüllt mit Arbeit und guten Wünschen.

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Die Mayonaise bei Netto bezahlt mit einer spanischen, einer französischen 50-Cent-Münze und einem italienischen 5-Cent-Stück sowie der Rest mit deutschen Eurofragmenten. Dann in der Mittagspause weiter nachhause gefahren, es gab Pommes mit Salz.

festival für jungen fotojournalismus

Am Sonntag sind wir dann aufs Expo-Gelände gefahren, weit hinaus an den Stadtrand wo der Mediencampus brütet neben dem Messegelände. Einmal im Jahr findet hier in der Fachhochschule (die sich nun nur noch Hochschule nennt) das festival für jungen fotojournalismus statt, inzwischen im dritten Jahr.

Allgegenwärtig ist die Bilderflut, mit der wir konfrontiert sind und die sich durch Mediatisierung und die damit einhergehende schnelle Verbreitung digitaler Fotografien im Internet ergeben hat. Auf diese unüberschaubare Masse an Fotos reagiert das Festival nicht mit kulturpessimistisch kuratierten Kleinoden, sondern versammelt in 60 Ausstellungen über diverse Häuser verteilt ebenfalls eine Masse an Fotografien, die an einem Tag schlichtweg nicht erfasst werden kann. Fighting Fire with Fire.

Das Festivalticket ist deshalb auch ein Nylonband um den Arm, mit welchem die Ausstellungsräume während der gesamten Woche besucht werden können. Das wir es dennoch erst am letzten Tag geschafft haben ist eine andere Geschichte, über die hier der Mantel des Schweigens.


(Fotos an der Wand © Imke Hingst)

[Die Schwester hatte es schlauer gemacht und wohnt auch in der Nähe, so das sie unser persönliches Highlight durch Zufall und Glück bereits einen Tag vorher entdecken konnte. In einem Treppenhaus und nicht zur Ausstellung gehörend hängt eine kleine Reihe Fotos an der Wand, auf welchen Menschen zu sehen sind, die vor Projektoren tanzend Seifenblasen in die Luft pusten. Eines der projezierten Fotos zeigt unsere Großmutter, die sich offenbar im Garten ihrer Arbeitsstelle angeregt mit einer Kollegin unterhält…] [Und hier ist es nun ein Foto von einem Foto in welches ein Foto projeziert wird. Seifenblasen.]



»Everybody knows this is nowhere« Ist der Titel einer der Ausstellungen, die wir uns angesehen haben. Andrea Gjestvang zeigt in lakonischen Bildern das einsame Leben junger Menschen in einem einst florierenden Fischerdorf der Finnmark – überwältigende Natur und menschliche Perspektivlosigkeit in einem der ärmsten Teile eines sehr reichen Landes.

»Now|Here« von Jonas Ludwig Walter nimmt den Faden andernorts wieder auf. Er portraitiert hingegen keinen verlassenen Ort, sondern einen, den es niemals wirklich gegeben hat – und zwar gleich zwei mal. Seine Fotos zeigen das Leben einer Gruppe von Arbeitern, die ein nicht fertiggestelltes Atomkraftwerk abbauen. Sie wohnen in einem Musterhaus, dass ein in den Konkurs gegangenes Bauunternehmen vor Ort zurückgelassen hat.

Viele der von uns besuchten Ausstellungen thematisieren Orte und die mit ihnen verbundenen menschlichen Schicksale. Manche dieser Orte sind umkämpft und reflektieren eine Welt, die sich im Umbruch befindet auf besondere Weise. Dies ist sehr gut zu beobachten in den Bildern von Andrew Burton, der unter dem Titel »Occupy Wall Street« die Besetzung des Weltfinanzzentrums in New York dokumentiert. Burtons Fotografien kamen mir bereits sehr bekannt vor, was bestimmt ihrer Verbreitung in den Social Media zuzuschreiben ist – fast ikonographisch stehen sie für den friedlichen Protest und ungleichen Kampf der Okupisten gegen die kapitalistische New World Order.

Die schleichende Verdrängung eines anderen Marktplatzes zeigt hingegen Antonia Zennaro in »Die verschwindende Meile«, in der behutsam die Metamorphose des Rotlichtbezirkes in St. Pauli beschrieben wird.



Mary Turners Ausstellungstitel »A Place To Stay« kann als übergeordnete Beschreibung für die letzten vier Ausstellungen angesehen werden, die wir besucht haben. Auch diese Fotoserie über einen Wagenplatz britischer Traveller zeigt von Vertreibung bedrohte Menschen und in letzter Konsequenz auch die Zerstörung ihrer Zuflucht.

»Zwei Bier für Haiti« von Nathalie Mohadjer ist nach der Spendenaktion einer Bewohnerin einer Obdachlosenunterkunft benannt, bei der jeder der dort Lebenden auf zwei Bier verzichten sollte. So kamen zugunsten der Erdbebenopfer 15 Euro zusammen.

Objektiv etwas besser getroffen haben es die Dauercamper, die Jonas Wresch für seine Reportage »Immobilis – Eigenheim Wohnwagen« auf dem Campingplatz „Erlengrund“ im niedersächsischen Gifhorn aufgesucht hat. Hier fand sich die Bildunterschrift, die für sich genommen schon so stark ist das sie fast des dazugehörigen Fotos nicht mehr bedarf…

„Herausgeputzt für die Weihnachtsfeier sitzt Sascha Deutschendorf auf dem Sofa und streichelt seinen Rottweiler“

Hunde spielen auch eine wichtige Rolle in Ann Sophie Lindströms Bildern mit dem Thema »Punk ist kein Kaffeekränzchen«, in welchen sie das Leben auf dem hannoverschen Wagenplatz Scheißegalien zeigt. Auch hier plant die Stadt Hannover mittlerweile die Umsiedlung der Wagen von Hainholz an den Stadtrand, und beweist durch die Wahl der neuen Heimat Fingerspitzengefühl und eine ausgezeichnete Kenntnis verschiedener (un)bürgerlicher Millieus; Die Punks sollen in eine Kleingartenkolonie ziehen.


Insgesamt hat uns das Festival sehr gut gefallen.

Dieser Tage

Auch hatte ich gestern Abend durch eine glückliche Fügung ein mir noch nicht bekanntes Blog in den RSS-Leser getan und las so froh die letzten 25 Einträge eines fremden Menschen. Da dieser [wie ich nun einmal gezwungenermaßen auch] nicht sehr oft etwas zu schreiben scheint, brachte mich das schnell zum Januar des letzten Jahres zurück und zu guten Gedanken über die Ewigkeit, die ja nur einen Mausklick entfernt ist immerzu. So saß ich also dort, im ersten Hinterhaus, in dem Büro zwischen den Höfen. Es sind sehr viele Fenster zu allen Himmelsrichtungen. Der hinterste Hof ist als Parkplatz eingerichtet, außer der durch eine hohe Mauer und Bambusgestrüpp abgegrenzten Freifläche eines Restaurants dient er als Parkplatz und Rauchgelegenheit der Angestellten aus den Geschäften zum Steintor hin. Es ist der Hinterhof des Discounters (Freitags kommt ein Mann und schaut in der Mülltonne nach brauchbarem), des Waffenhändlers und des Ein-Euro-Shops in dem ich einst eine Kassette kaufte „101 North American Bird Songs“ um möglicherweise dereinst eine Vergleichsfolie zu haben für Präzisionsmessungen der Hintergrundstrahlung (das Rauschen des Universums im Radiogerät), die ich anzufertigen mir vielleicht vornehmen könnte; Ein schmuckloser Platz, der auch an einer durch eine niedrige Mauer nochmal abgegrenzte Stelle als Lagerplatz für Müll und Bauschutt in oder außerhalb der dafür vorgesehenen Behälter dient. In den höheren Stockwerken liegen auch Wohnungen, die einem zu Herzen gehen können: An einem der Fenster, im 6. Srock unter dem Dach, wurden künstliche Sprossen aufgeklebt und es hängen Rüschengardinen darin, denen man den Gilb bereits aus der Ferne ansehen kann. Dahinter, auf der Fensterbank stehend, ein Wasserkocher, Blumenvasen, eine Teekanne etwa. Zwei Stockwerke darunter die heringssalatrosanen, ehemals roten Gardinen, die viel zu kurz sind und nur behelfsmäßig in der Mitte der Fenster befestigt. Auf dem Balkon eines anderen Hauses hängt die bleiche Flagge des einst so stolzen spanischen Königreiches am aus fahlem, gelbem, mit einer Flechte bewachsenen Kunststoff bestehenden Dach angehängt. Auch ein gerupfter Sichtschutz aus Schilfgras steht dort, in einer Ecke jedoch, sowie zwei Monoblock-Stühle an einem Tischchen, das mit einer grünweiss karierten Wachsdecke vor der Witterung geschützt ist.

What more do I have to say.

Ich hatte mir gerade die Jazzsendung angemacht, dann kam der Moment in dem alle ruhig waren, eine ganze Weile lang, nur hier und da ein Klick und ein Tipp. Und durch das geöffnete Fenster zum trüben Hinterhof pfiffen es die Spatzen nochmal und nochmal von den Dächern. Die Stadt machte dann Tatütata und Ella sang „Summertime“ dazu; dabei ist erst April. Als ich dann nachhause fuhr, regnete es.

Einige Tage später dann, am Morgen, an der großen Straße entlang auf Höhe Conti kommt aus der Phillipsborn ein dickliches Mädchen auf einem quietschenden Rad gefahren, angetan mit einer Trainingsjacke mit appliziertem Kronenlogo tritt sie mächtig in die Pedale, wird fast von einem Benz-Geländewagen erfasst, als dieser auf den Parkplatz des TCH einbiegt, flucht und nimmt es zum Anlass, auf die dreispurige Straße zu wechseln und dort auch zu bleiben bis zur Unterführung am Fixpunkt, dort unter den donnernden Zügen verliere ich sie aus den Augen, fahre auch die andere Strecke (hier an der Ecke allmorgendlich durch Brötchenduft und Architektur eine Erinnerung an ich weiß noch nicht was). An den Briefkästen des Postbank-Hauptgebäudes sehe ich sie, wie sie außer Atem den Brief endlich in den gelben Kasten schmeißt.

So vergehen die Tage in dieser Zeit, die der Wind vor sich hertreibt zusammen mit den leichten gelben Wertstoffsäcken, die noch von Gestern am Wegrand standen.

Gerade am Spielplatz im Park gesessen, der alte Stadtstreicher mit den ganz grauen, langgelockten Haaren, der breitete eine Unterlage (um nicht zu sagen eine Decke) auf dem Rasen aus neben seinem Einkaufswagen. Darin, ich hab es genau gesehen, bewahrte er neben diversen Plastiktüten ein Paar Ski auf, inklusive Stöcke. Kein Foto. Auf dem Klagesmarkt wurde bereits das Festzelt zur Veranstaltung am Tag der Arbeit aufgebaut. Die alte Dame kommt mir wieder in den Sinn, die vor dem einige Tage zuvor niedergelegten Kranz am Gedenkstein der Gewerkschaft steht, die verwelkenden roten Nelken betrachtet. Den Arm trägt sie in einem Dreieckstuch und mit dem Gummifuß ihrer Krücke rückt sie die Schärpe zurecht, um die Aufschrift lesen zu können.

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Während ich auf dem Rad sitze und in den Morgen dampfe, Nebel von mir gebe, ist der innere Alleinunterhalter mit der Morning-Show auf Sendung. Eine Erledigung in einer Schule; Die Düsternis des Sekretariats, in dem das Radio der Heimatsender; Ein Hundskelett schaut traurig aus dem Fenster des Bio-Raums, ganz kalt ist dem im Herbst. Die mutigen Kinder setzen ihm Mützen auf, die traurigen und ängstlichen besucht er Nachts im Traum und schaut sie an mit Knochenaugen. Der Gong zum Pausenende ist verstimmt auf dem letzten Ton, ganz ins Moll hinein eröffnet die dritte Stunde, erinnert an den Westminster-Schlag (überhaupt ein Thema des inneren Monologistikers an diesem Morgen: Königreich Großbritannien und Irland.) Aus den Fenstern scheinen die Ordner der Regale in die morgengraue Straße auf dem Weg ins Zooviertel, hindurch die Annenstraße wo ich wohnte, roter Backstein mit gelben Stitches, die Ellernstraße (Die zweite Straße die ich mit Namen kannte – von Gängen zum Spielplatz im Stadtwald). Kommentar der Synchronstimme wie man dort Arbeiten würde, was das für ein Leben wäre, mit solcher Arbeit als Strukturelement, in einem solchen Büro, es liegt immer alles ein Stück weiter in der Vergangenheit, es ist alles noch nicht ganz so schnell, in meiner Vorstellung. Etwa als die Telefonkarten eingeführt wurden, oder als die Busse noch mit Diesel fuhren und noch nicht mit Erdgas und Düsentrieb. So geht es dann den ganzen lieben langen Tag über, ohne Unterlass, ein Text der sich aus sich selbst hervorbringt; Die Stadt und die Straßen und die Wetter als Muster und ausgelagertes Gedächtnis, aber auch Wunschvorstellung und Projektionsfläche; Als wir gestern durch den Wald nachhause fuhren und die Krähen gerade die kalte Nacht begrüßten;

(Des Vogels) Himmelreich ist sein Himmelreich.
Des Vogels Vogel ist ein Vogel.
Die Taube auf dem Dach
 ist des Menschen Himmelreich.

Auf dem Balkon am morgen die Meisen, im Hinterhof die jungen Drosseln und Amseln, die sich Tagelang um die Wipfel und Sträucher stritten, nun ist es abgemacht. Dagegen die Menschen: Man blickt mich weiterhin misstrauend an, wenn ich ein Foto mache von einer Sache, die mit Kreide auf die Wand geschrieben wurde, denn diese Sache ist ja nichts Wert, ein Rauschen in den Augen nur der Vielen. Gestern einen Japaner gesehen mit Lederjacke und Cowboystiefel, die Welt hätte gleich sich pulverisieren sollen zu grobkörnigem Schwarz/Weiss eines 80er-Jahre-Independent-Films, mit dem Herbstlicht der tiefstehenden Sonne und allem,

Vorgestern

auf dem Friedhof gewesen, hätte die liebe Oma Geburtstag gehabt (sie wäre nun 93 Jahre geworden): Kurz vor sechs Uhr am Abend erst aus dem Bus dort gestiegen. Stille und ein grünes, trockenes Grau umher, Lärchen und bunte Steine auf der einen Grabstätte. Halbsymetrie, anonyme Urnengräber, Arten von Hecken, insgesamt: Ein recht angenehmer Ort. Hier möchte man sein, lebendig auch gerne, weite Flächen und nichts, was unnötig aufregen würde. (Wie Du geschaut hast), auf dem Weg dort hin, Dein Weg in die Stadt vor 2 Jahren noch. Das alles wird sich ergeben müssen, wenn eines zum anderen gezählt wird. Am Samstag mit K. auf einer Versammlung gewesen, nach dem Markt. Plane weiterhin, die Aufzeichnungen möglichst abzutippen und eine Untertunnelung der hier versammelten Texte, Geheimgänge und Teleportationsstellen, versteckte Gedichte die mit „noindex“ gekennzeichnet sind und die also niemals jemand lesen wird. Singende Drähte und schwimmende Steine auf dem See, Erinnerung an jeden einzigen Augenblick. Es ist alles auf Holzpfählen errichtet und befindet sich im Umbruch, ein Haus kann leicht ein Schiff werden (wenn man den Architekten frühstückt, entschuldigen Sie also die hier sonst unübliche Baustellenmetaphorik): Dennoch findet das Leben weiterhin morgen erst statt, wie sich auch an den spärlichen Eintragungen hier erkennen lässt: Im Notizbuch, das ja die erste Wahl ist als Erinnerungsinstrument, sieht’s nicht viel besser aus, und selbst die Uhrlief nicht am Montag vor lauter Erschöpfung, wie es sonst sein sollte. Vielleicht ziehe ich den Regulator heute einmal auf und gebe dem Zeiger einen Schubs, damit es weiter geht. Vorher muss ich mich aber am Rücken kratzen.