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Das Leben ist ein zähes Wesen. Neulich, als wir auf unserer Bank am Kanal saßen, mein Herz und ich selbst, sah ich das kleine Vogeltier (sie sind schwarz gefiederte Enten mit einer roten Schnäbelung) mit dem verletzten Fuß auf 1½ Beinen auf dem kleinen Wellensteg herumhüpfen. Das hat mich sehr gefreut und uns beide, nach dem langen Winter, denn ein paar Wochen vorher hatte ich ein Video angefertigt durch Zufall, wie das kleine Vogeltier auf dem Eis der gefrorenen Wasserstraße um sein Leben zitterte. Und damals dachte ich, ganz für mich im Stillen, vielleicht schafft es der Vogel ja doch, und vielleicht sogar sehe ich ihn im Frühjahr wieder, das wäre dann doch immerhin etwas, aber daran geglaubt habe ich nicht, es war eine dieser schönen Ideen, die die Hilflosigkeit ertragbar machen in der dunklen Zeit.

als ich gerade

eben eine der  jeanshosen, die bei mir im bad über der heizung hängen, einmal umgedreht habe, stieg mir dieser wundervolle geruch frisch gebügelter wäsche entgegen. ich sollte selber auch (noch viel mehr) wäsche bügeln. und nach dem aufenthalt in dieser schönen ferienwohnug ist klar: die anschaffung einer geschirrspülmaschine.

eine ganz andere stadt,

die sich plötzlich auftut, nur ein paar wenige straßenzüge weiter. willentlich habe ich mich ein paar mal verfahren, immer nur soweit das die grobe richtung nicht aus den augen. die straßen nicht bekannt, oder nur von früher einmal, eine andere zeit, die stadt ein wenig mit fremden augen (zu betrachten imstande gewesen). gemerkt, das dass so ist und das es so echt ist und gut vielleicht sogar. in ein gewerbegebiet geraten, in dem es gebrannt haben muss am nachmittag, es roch nach verbranntem plastik. überhaupt all diese sommergerüche, immer mehr je näher ich dem kanal komme, der mein wendepunkt sein soll. drei schiffe und drei brücken hintereinander weg, da eines von zwei fotos auf diesem weg gemacht, wobei das zweite gerade eben entstand, am moltkeplatz, wo ich mich setze um dieses hier, bevor das wieder anfängt, aufzuschreiben, schnell und mit krakeliger schrift, die später zu entziffern ich meine liebe mühe haben werde; die häuser, die mir nahe stehen, als würden sie etwas mit mir zu tun haben, für deren bewohner ich mich nur soweit interessiere, als das ich mich frage, wie es sich anfühlt dort. jedes ein einzelnes und doch stehen sie dort gemeinsam, in den straßen und eines nach dem anderen. auf der ersten brücke, auf der ich den kanal quere, ein wagenplatz in den schatten der brücke geduckt (heute verkneife ich mir das fotografieren), hier wohnen auch menschen. dieses echt-sein der häuser ist etwas, beschäftigt mich sehr auf dieser gewollt orientierungslosen radtour in meiner unbekannten stadt. und wie weit die ebene ist, die sich von den kanalbrücken ergibt, mit dem blick über die kleingärten hinweg, die rechts und links vom mittellandkanal, sich erstrecken.

die häuser und gärten bestehen nicht aus pixeln, ich sehe sie nicht vermittelt. auch nicht die menschen zwischen ihnen, auf fahrrädern, zu fuß, in autos und bussen.

auf dem rückweg einen polizeizug in die kaserne am nordring einfahren gesehen, panzerräumwagen und wasserwerfer. (dies ist tw. eine abschrift aus dem notizbuch): nur durch zufall (coderwelsh! synchron!) und vor wochen bereits, aus spaß anstatt der seitenzahlen hier „polizei“ (s. 110) und „feuerwehr“ (s. 112) eingetragen.

demnächst spielt holland im viertelfinale der e.m.

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Voll von dem Gefühl: Da ist so viel Zukunft und Möglichkeit.

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Auf dem Rückweg dann, dem obigen Reisebericht eigentlich direkt angeschlossen,  der Kioskbesitzer ist sehr guter Laune und nennt mich Monsieur, „ein schönes Wochenende noch, Monsieur!“, freut sich weiter für seine Mannschaft, die türkische. Dies ist einer der besten Stadtteile der Stadt.

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neulich, als ich auf der expo-plaza war und ein stechen in den augen, verspürte, dachte ich von ungefähr an london und die parks und london-platanen, und wie viel kleiner diese hier doch sind, vor dem deutschen pavillon, stehend, unkraut gewiszermaszen auf den schultern von riesen. die sich das abzukratzen zu versuchen versucht sind.

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und dann, als mir so schwer ums herz gewesen, ward: „Die Platanen im Jardin du Champ de Mars in Montpellier“, allein das auszusprechen, sich das ausgesprochen zu denken: wie die worte klingen, wie die worte dann tatsächlich nicht zeichen sind, sondern für etwas anderes dort als buch staben geschrieben stehen, was (auch dort!) über sie hinausweist.

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40% of German soldiers too fat.

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und direkt danach dieses, wo ich, den text ausseracht lassend, im RSS-Reader nur runterscrollte, und diese traurigen, hoffnungsvollen bilder sah, in einem von zwei augenwinkeln festgehalten: paris in schwarz/weissen bildern, paris im regen. paris in graustufen. paris als ein ort, den es nicht mehr gibt, ich habe den text bis heute nicht gelesen, paris wie es einmal hätte sein können. welch tragischer verlust. eine junge frau in einem regenmantel; wie die stehenden bilder, die eigentlich nur zeichen sein können, nur index, über ihr fotographisches sein hinaus: mehr sind. der eine augenblick, der auf die zeit an sich gerichtet ist; wie auch die ortsbezeichnungen in stadtplänen mit bedeutung aufgeladen sind für denjenigen, der einmal dort gewesen ist, und