[HI]

„Da fast nur Leute mit literarischen Ambitionen anwesend waren und sich gegenseitig beobachteten, war nichts entstanden außer schnell zusammengesetzten ulkigen Obszönitäten.“

Aus dem Archiv vom Prosanova 2005:

Laubenrausch (Reportage mit O-Ton) (mp3).

Voodoo to your Boy  (Reportage mit O-Ton) (mp3).

30.3.2011

[Das dieses hier heute 9 Jahre alt ist, habe ich gerade erst bemerkt. Ich hatte den folgenden Text soeben in eine schöne dunkle Datei mit grünen Buchstaben geschrieben und wollte einen Satz hier lassen, zu den Veränderungen, die die Zukunft bringen wird: denn sie werden kommen: Nicht heute, nicht morgen, aber dieses Jahr noch, vielleicht werden sie nur visuel sein. Dann habe ich mich entschlossen, auch weil er so schön passt, den Text heute noch unkorrigiert hier ins Öffentlich-Digitale zu setzen, vielleicht mache ich morgen hier und dort noch einen Strich..]

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Allerdings und ganz unerwartet kam die Zeit wieder. Durch die Rückkehr an diese Orte, zu den selben Büchern, die dort immer noch sind, die ich schon einmal in der Hand hatte, die ich schon einmal gelesen habe: Das alte Gebäude, die Stadtbibliothek, auch ein dunkelroter Backstein und die schier unfassbare Fülle (sie ist es immer noch) an Geschriebenem darin. Der Geruch der Oberstufenzigaretten vor den Eingangssäulen: Im Haus selber gab es Veränderungen, auf meine Nachfrage wann dies alles geschehen sei – 2000. Das Treppenhaus ist nun im Zentrum des Gebäudes: Ich sitze im Erdgeschoss an einem der PCs und recherchiere meine Signaturen, die Zettelkästen, sie sind auch noch hier, die Microfiche-Leseaparate, tatsächlich sitzt jemand daran, die Spulen rotieren, die Nase im grünen Fluor, im Geheimnis, im Text. Hier ist es geschehen, hier bin ich an die Schrift geraten, hier geschieht es wieder. Stärker bin ich noch nicht geworden, in all den Jahren, muss ich mich manchmal immer noch an den Regalen festhalten, wenn ich aufstehe und zu schnell bin, Schwarz und verschwindsüchtig vor den Augen; So schwer wiegen die Worte, die hier versammelt sind, das ein Einzelner seinen ganzen Mut zusammennehmen muss, sich ihnen entgegenzustellen.

Aber auch an der großen Straße, neben dem Schwimmbad, ist eine Stadtbibliothek, dorthin kann ich mir jetzt, eine Neuerung, vorbestellte Bücher schicken lassen: Als ich dort bin, es sind ja nur drei Schritte, wieder sehr viel Glück: Ein Kindheitstraum wird wahr! Die Comics, die ich mir früher auch schon geliehen habe, von denen ich immer wünschte, sie einmal alle behalten zu können, sie werden im Bücherflohmarkt verkauft, für 20 Cent das Stück. Ich kaufe gleich 18 von ihnen: Mit dem alten Rennrad war ich dann unterwegs, von der Schule am Maschsee zur Reihenhaussiedlung am Stadtrand, entweder ich fuhr an der Hildesheimer vorbei und war dann im fünfstöckigen Bücherregal verloren für eine Stunde, oder ich hielt am Marktplatz in Linden und ging dort ins Rathaus, wo die Bücherei war. (Auch hier ein schönes Detail: In dem hohen Raum war unten in der vorderen Hälfte die Jugendbücherei; ungefähr in der Mitte führte eine Wendeltreppe auf eine Galerie, die war zu drei Seiten nach unten offen: An der Längsseite war gerade Platz für eine Regalwand entlang, vorne und hinten war ein wenig mehr Raum; Hier standen vor allen Dingen die Romane für die Erwachsenen, so dass ich zunächst wenig dort zu schaffen hatte, außer manchmal aus Neugierde über den Blick von Oben hinaufzusteigen. Ich werde demnächst wieder einmal dorthin gehen müssen um mich dort umzuschauen, ob die Erinnerung nicht trügt und alles ganz anders war. Die Damen an den Leihschaltern waren immer ein wenig burschikos und misstrauisch, aber nach einer Weile kannten sie einen dann ja doch auch. Hier gab es ebenfalls SCHALLPLATTEN auszuleihen, die heillos zerkratzt waren und zumeist aus den 60ern und 70ern stammten; Ich habe noch eine oder zwei bespielte Kassetten, die aus dieser Sammlung stammen: Bekenntnis zur Raubkopie bereits im Jugendalter!)

Dann bin ich durch den Regen mit dem Rad Nachhaus gefahren, den Rucksack gefüllt mit den schönsten Sachen.

Child Abuse und Major Murks

Manchmal gehe ich aus, um einzukehren. Manchmal bin ich dann an Orten, die schwer zu finden sind: obschon mitten in der Stadt, doch an einem verwunschenen Ort, zu einer verwunschenen Zeit. Oder am Montag. In der FAUST war in einem Proberaum ein Konzert angekündigt, die New Yorker Child Abuse gaben sich dort die Ehre. Getränke jedenfalls sollten selbst mitgebracht werden, was kein großes Problem darstellte. Draußen war noch Eis in einer trüben Rinne, die sich auf kniehöhe an der Hauswand befand und zu Zeiten der Bettfedernfabrik für etwas gut gewesen ist. Feingliedrige Äste befingerten den fahlen Nachthimmel, der Radweg war mit steigendem Pegel auch nah am Wasser gebaut. Nur an dieser Stelle wird er von an der Wand angebrachten Neonröhren beleuchtet. Hier ist auch die eigene Geschichte, wie die der Stadt und der Familie, die Fußwegs 5 Minuten vom Flussufer die erste Wohnung in Hannover hatte. Zwischen den zwei Kriegen, die Fabrik, in der der Übungsraum liegt, gab es damals schon. Merkwürdig, sich das vorzustellen, während die Musik spielt.

Zunächst spielte Major Murks ein ca. ½-stündiges Set auf seinen zwei Schneider-Amstrad CDC464 Computern. Wie ein anderer Besucher des Konzerts neulich im Radio sagte, handelt es sich hierbei möglicherweise um Kunstmusik. Jedenfalls sitzt Major Murks vor einem blau und einem olivgrün leuchtenden Bildschirm, auf welchen die grafische Oberfläche der in BASIC geschriebenen Soundprogramme zu sehen ist. Die versteht wohl nur derjenige, der die Software entworfen hat, aber an einen Massenvertrieb wurde dabei eher weniger gedacht. Es ist schön meditativ und sehr angenehm zu hören, wenn man nicht auf schnöselige Kunstverstehergedanken kommt.

Die sollten auch bei der zweiten Band des Abends besser in der Schublade gelassen werden. Auch hier kann jeder Mensch sich seinen eigenen Musikstil ausdenken, bei Bedarf. Zur Verfügung stehen unter anderem die Worte Jazz, Grind, Noise, Free, Core, Punk. Ich hatte das Vergnügen, die Band vorher nur von ihrer Myspace-Seite zu kennen und mir ist kein Etikett eingefallen, dass ich auf die Töne kleben könnte. Es war toll laut und sperrig, aber mit Köpfchen und Knöpfchen mit Bleeps und Samples. Es war laut, ein wilder Auftritt, ich denke und vermute das der Band die direkt über den Köpfen aufgehängten Lautsprecher besonders gut gefallen haben. Es ist ja in dem Video ansatzweise zu sehen, wobei ich auch hier nur sagen kann, selber ankucken is das neue Youtube! Ohrenstöpsel mitnehmen, es ist nicht leise.

Insgesamt also alles sehr schön ausgegangen. Danke auch an Silly Art Fick für stets neue Herausforderungen, die Videos sind von Haselore (dort auch noch Videos von Child Abuse) und vom Freund K., der demnächst für zwei Monate dahinzieht (wo der Kaffee wächst).

Was bisher geschah

Vorgestern am Donnerstag, auf dem Weg zur Arbeit, P. getroffen. Ich fragte ihn was denn mit seinem Fuß sei, ob er ihn verstaucht hat, dabei war er nur vorsichtig beim Laufen, wegen des glatten, tauenden Eises auf dem Bahnhofsvorplatz. Erzählte mit von einem am Montag stattfindenden Konzert, ich würde noch eine Mail dazu bekommen.

Wenn man traurig in seinem Bett liegt und durch einen Spalt des Vorhangs hindurch entweder auf die vorbeiziehenden Wolken blickt, oder auf ein noch erleuchtetes Fenster am Haus gegenüber, oder sogar auf den Mond, als wenn da nichts wäre außer dem. Und auch das wäre nichts als ein Bild.

Ein Foto gemacht von den Zeitschichten, Sedimenten auf der Fensterscheibe: Da ist der Frühling, der Sommer und der Herbst. Das Foto ist nichts geworden, vermutlich: Es war aber Anlass, hier festzuhalten was es bedeutet, dass genügt.

Die Cordjacke, die nach dem Umzug verschollen war, wieder gefunden. Sie war in einem Karton im Kabuff im Treppenhaus. Ein Knopf fehlt, eigentlich ist sie auch schon immer zu groß gewesen. Überlegt, sie in die Altkleidersammlung zu geben, für einen Weiterverkauf auf den Second-Hand-Märkten Kenias oder zur Rotkreuzdeckenherstellung. dann überlegt, mit einem neuen Kniff einen Kopfkissenbezug daraus herzustellen, der sich knöpfen lässt. Nun werde ich einfach einen Knopf annähen und sie behalten.

Gestern Nachmittag bei K. gewesen. Kuchen und Kaffee mit Sojamilch. WordPress und das Calenberger Loch. Was wir werden wollen: Lokomotivführer und Feuerwehrmann sind raus aus der Lostrommel. Was wir geworden sind und wo der Kaffee wächst.

Ich allein bin verantwortlich für das Vergehen der Zeit.

Da fuhr

ich dann am Gestern mit dem Fahrrad zur Arbeit und am Moltkeplatz: Ist ein Markt aufgebaut, (eine Obstverkäuferin beißt in einen Apfel hinein), neben der Leierkastenfrau sitz ein dicker, lieber Hund, zuvor die Blätter, von den Bäumen, im dunstigen Sonnenlicht, fallen, ein Kindergarten macht einen Ausflug und eine Nonne, die ist auf dem Weg ins Krankenhaus vom roten Kreuz.

Die Luft ist genau richtig kalt für den Überzieher, die Sonne blitzt hinter den Gardinen hervor. So war es.

Dann heute am Morgen: Das schwärzeste Schwarz sah ich, als ich die Espressokanne aufschraubte um den feuchten Kaffeesatz herauszuklopfen. Schwarz und schimmernd, zieht es Materie an.

An der großen Straße, das Hotel wechselt täglich seinen Namen, Hot Is oder Hotel I oder Ho Ib. Ich habe dort die Möbel hinein getragen, in jedes Zimmer: Einen Schrank und ein Bett und eine Wandverkleidung mit angebauten Nachttischen, erinner ich mich, manchmal, wenn ich nun daran vorbei fahre, wie ich auf dem Parkplatz stand und eine Zigarette geraucht habe. Manchmal denke ich, dort hinein zu gehen und mich an die Bar zu setzen, für einen Abend lang, zur Messe wohlmöglich auch noch, eine Geschichte zu erfinden.

Wenn ich eine halbe Stunde vor Schichtbeginn hier losfahre, wir produzieren dort tatsächlich in vier Schichten, die sich teilweise überschneiden, dann also habe ich noch genug Zeit, auf der Streusandkiste sitzend, ca. auf dem halben Weg von der U-Bahn dorthin, ein Gedicht zu improvisieren,

Im Moment schreibe ich auf allem was Papier ist, es ist furchtbar.