Prototypen. Mittagspause im Park. Neben dem große…

Prototypen.

Mittagspause im Park. Neben dem großen Baum am „Eingang“ des Georgengartens die aus einer H&M-Werbung herausgefallene Fotostudentin die ihre Freundin knipst die hüpft und Blätter über sich wirft. Fröhlichkeit. Die Fotografin: Anliegende Jeans auf 7/8 umgeschlagen, schwarze Lederstifel, schwarzes Oberteil „outdoor/military“ und natürlich: schwarz-rot gefärbte Haare im Fransenlook.

Ich fahre ein Stückchen weiter, setze mich auf die Wiese und lese. Ein paar Minuten später gehen sie plappernd auf dem Weg an mir vorbei, ich höre die Worte „Fotos“ „E-Mail“ und „Berlin“.

Der Schleudergang meiner Waschmaschine,

davor: Steve Reich: Pulses: Nahtloser Übergang. Zwei schwarze Plastikaktenkoffer heute Abend leergeräumt vorher, giftiges Papier verbrannt. Einen Brief den ich schrieb, der Rauch zog in Richtung deiner Wohnung. Dich schreib ich nicht mehr groß. In der Wanne gelegen und mit der Wurzelbürste und Kernseife geschrubbt, daß Buch zuende gelesen. Merkwürdige Gedanken wieder gehabt in diesen Tagen, den daß ich hier jetzt immer weiterschreibe, und das auch noch in 10 Jahren tue und noch in zwanzig Jahren und bis man mich nicht in eine Mülltonne einfüllen darf.

Früher allen ernstes Schulhefte in Geheimschrift vollgeschrieben, selbstausgedacht, aber einfache Kodierung also nichts mit E statt A und K statt L oder soetwas, auch keine verschiebung um X Stellen oder so etwas.

Was aber soll ich die nächsten 20 Jahre hier reinschreiben? Mit Kafka werden die sich wohl nicht allein bestreiten lassen.

11. September. Vorgestern abend mit Utitz. Ein Tr…

11. September. Vorgestern abend mit Utitz.

Ein Traum: Ich fand mich auf einer aus Quadern weit ins Meer hineingebauten Landzunge. Irgend jemand oder mehrere Leute waren mit mir, aber daß Bewußtsein meiner selbst war so stark, daß ich von ihnen kaum mehr wußte, als daß ich zu ihnen sprach. Erinnerlich sind mir nur die erhobenen Knie eines neben mir Sitzenden. Ich wußte zuerst nicht eigentlich, wo ich war, erst als ich mich einmal zufällig erhob. sah ich links von mir und rechts hinter mir das weite, klar umschriebene Meer, mit vielen reihenweise aufgestellten, fest verankerten Kriegsschiffen. Rechts sah man New York. Der Himmel war grau, aber gleichmäßig hell. Ich drehte mich, frei der Luft von allen Seiten ausgesetzt, auf meinem Platze hin und her, um alles sehn zu können. Gegen New York zu ging der Blick ein wenig in die Tiefe, gegen das Meer zu ging er empor. Nun bemerkte ich auch, daß das Wasser neben uns hohe Wellen schlug und ein ungeheuer fremdländischer Verkehr sich auf ihm abwickelte. In Erinnerung ist mir nur, daß statt unserer Flöße lange Stämme zu einem riesigen runden Bündel zusammengeschnürrt waren, das in der Fahrt immer wieder mit der Schnittfläche je nach der Höhe der Wellen mehr oder weniger auftauchte und dabei auch noch der Länge nach sich in dem Wasser wälzte. Ich setzte mich, zog die Füße an mich, zuckte vor Vergnügen, grub mich vor Behagen förmlich in den Boden ein und sagte: Das ist ja noch interessanter als der Verkehr auf dem Pariser Boulevard.

(Aus: Franz Kafka, Tagebücher 1910-1923 (1912), Fischer Verlag)