Stanislaw Lem: Transfer (1962)

Der Pilot einer Weltraummission in die Außenbezirke der Milchstraße kehrt aufgrund der Zeitverschiebung 100 Jahre nach seiner Zeit auf die Erde zurück und findet eine völlig veränderte Welt vor. Die Menschen sind aufgrund eines Eingriffes in die Genetik von jedwedem Agressionstrieb befreit und eine „mitdenkende“ Architektur bewahrt sie vor den Gefahren des Alltags. Dies hat, wie der Held des Romans von Lem Hal Bregg feststellt, nicht nur positive Folgen – seine „Neu-Zeitgenossen“ kennen keine Herausforderungen, kein Risiko mehr, ihr Lebensinhalt liegt in der Zerstreuung – zumal die „Automaten“ ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Der Einstieg in diesen Roman, der bei näherem Hinsehen garnicht mehr so sehr Science-Fiction ist, gestaltet sich sehr farbenreich und beinahe psychedelisch. Es wird jedoch zusehends klar, daß es sich um eine illusionäre Welt handelt. So wird beispielsweise der Himmel auf allen Ebenen der vielschichtigen Stadt an die Decke projeziert, um die Bewohner der darunterliegenden Ebenen nicht zu benachteiligen. Was außerdem frappierend ist ist die Vereinfachung der Sprache, die sich (zumindest in ihrem Auftreten im Stadtbild) auf äußerst simple, schlagwortartige Werbeslogans beschränkt. Hier findet sich eine Analogie zu den apokalyptischen, aber nach wie vor aktuellen Befürchtungen Vilém Flussers der in seinen Schriften eine Abkehr vom Alphabetismus, von der schriftlich überlieferten Geschichte prognostiziert.

Aus heutiger Sicht gibt es einige Anachronismen, zu welchen unter anderem die relativ schlicht gehaltene Persönlichkeit des Hal* Bregg, der einen manchmal doch stark an den Hau-Drauf-Kirk der ersten Enterprise-Staffel, der weder von der „obersten Direktive“, noch von der Emanzipation der Frauen einen blassen Schimmer am Horizont erkennen ließ, beiträgt. Von einem lichtjahreweitgereisten, jahrzehntelang auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen würde ich – zumindest außerhalb von Romanen – doch eine etwas differenzierte Sichtweise erwarten. Auch wenn er „nur“ Pilot und kein Wissenschaftler ist. Trotzdem: auch wenn wir dem Lem’schen Entwurf teilweise weit vorraus sind (was beispielsweise die Vernetzung betrifft) bin ich doch dankbar dafür das wir teilweise noch weit hinterherhinken mit unseren dennoch bedrohlichen Überwachungsautomaten. Und bis auf die Überwindung der Schwerkraft und die Reisen an den Rand der Galaxie ist das ja alles schon angelegt.

Beispielsweise wird die von Internetenthusiasten und Cyber-Warriors propagierte allgegenwärtige Abrufbarkeit von bibliothekarischem Wissen (Information wants to be free!) in einer kurzen Passage aufgeführt, die mich sofort an die Ende des letzten Jahrtausends so hochgelobten E-Books erinnerte. Hier zeigt sich die visionäre Kraft von Stanislaw Lems „Transfer“ explizit am tatsächlich Realisierten und gleichzeitig Utopischen.

*HAL wie der Computer in Kubricks „2001: a Space Odissey“?

Illustration von der NASA: Space Colony Art (1970s).

Links zu Lem bei Dings.

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