[Schwierig zu entziffern Heute weil bei und im Regen geschrieben]

* 14.9.

Der hannoversche Niesel ist wieder da, fürsorglicher Regen der alles bedenkt, noch ist er mild. Patchouli weht die Limmerstraße hinunter aus diesem Laden wo sie diese Hippiesachen aus Indien verkaufen, weht in den Abend und der Niesel der sich auf das Notizbuch legt und die Schrift noch beim Schreiben verblassen läßt wie fürsorglich das ist. Und in Dir Dein Leben und um Dich herum all dass was nicht Dein Leben ist und die Erinnerungen und die Suche nach etwas von dem Du selbst nicht mehr weißt was es ist genau, Gedichte von Borkenkäfern und der Kamillenteeduft des verblühenden Sommers, das Neonlicht in der Autowerkstatt am lindener Hafen. Da sitzt Du dann auf einem Mauervorsprung und der Regen knistert um Dich herum und wieder wie das aussehen muss wenn einer wie ich (gegangenen Wegs) im Regen sitzt und Worte in ein Notizbuch hineinschreibt. Aber es ist was es ist nun einmal.

(Aus dem Notizbuch)

9.8.’05

Dazwischen der Sprechraum, Regie 1 und 2, man kann da hindurchschauen, der Kollege erzählt dem Publikum gerade etwas Live während hier Julia Terre auf einer Silberscheibe rotiert und ich kann gleichzeitig schreiben und dem Text zuhören in das Notizbuch in diesen abgedunkelten Räumen wo nie Tageslicht scheint schlagen wir der Zeit ein Schnippchen. Es fühlt sich so unwirklich an.

17.8.

Monsters essen leckre Sachen
Monsters essen Sahne
Monsters essen leckre Sachen
Sahne mit Banane.

Zwei vor 20 Jahren zwangsverheiratete Schleierfrauen steigen mit dem Stolz und der Zukunft des großtürkischen Reiches in den Bus ein. „Im Bus ist sehr warm, können Sie bitte Klima anmachen!“ „Ich habe keine Klimaanlage.“ „Dann nehmt halt das Kopftuch ab und zieht mal weniger Kompaktes an“ möchte man ihnen sagen. Sie jedoch würden es missverstehen.

(Aus dem Notizbuch)

„Freedom of Speech“, gibt’s da eigentlich keinen Schutz für, wird umgelabelt zur Freiheit am Telefon endlos nichts zu sagen, während der Verfassungsschutz eben mal eine Gesprächsnotiz macht. Bitte aktualisieren Sie ihr Benutzerprofil.

Der Einbeinige der mit mir auf den Bus wartet. Einen Schuh hat der an. Bei dem Zuhause stehen lauter einzelne Schuhe in einer Reihe. Das die wahrscheinlich trotzdem immer zwei kaufen müssen. Antidiskriminierungsgesetz. Ob das zählt? Oder does he sell the other shoe @ Ebay, an einen anderen Einbeinigen dem das andere Bein fehlt? Miese Vorstellung. Die Gedanken sind frei.

?Ich habe nie Katzen getötet. Wie komme ich dara…

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Ich habe nie Katzen getötet. Wie komme ich darauf mir einzubilden irgendjemand würde ein solches Bekenntnis auf seinem Shirt durch die Gegend tragen wollen? Musste es gerade schon wieder anmachen, dieses Lied, wie Hoffmann das singt, es ist von Brel eigentlich, und es ist so hinreißend und herzerschütternd und schön das man es garnicht glauben mag. Und wer das Kitsch nennt, der hat bestimmt eine großartige Zukunft. In der Seifenproduktion. Aber wie komme ich darauf? Welcher Teufel hat?

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In dem Notizbuch da hab ich ja das Schreiben am falschen Ende angefangen, und es dann schnell gemerkt und geändert. Heute wieder auf die ersten 2 Seiten dort gestoßen, da stehen die Dienst- und Privatmobilnummer von diesem Menschen der uns hat in seiner Wohnung schlafen lassen in Hamburg, einfach so, weil ich die Frau kenne die er auch kennt. Ich hab ja keine zehn Minuten mit dem geredet, und wir hatten uns eh nur getroffen damit er mir die Schlüssel gibt. Ich finde das ja immmer noch unglaublich cool. Mit -ganz kurz nur- überlegt die Wohnung einmal hier zu beschreiben. Dann gemerkt das das nicht geht. Garnicht.

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(aus dem Notizbuch, im Bus geschrieben): Ich schreibe immer Geschichten in denen genau ein tragischer Held vorkommt. Vielleicht sollte ich mal etwas anderes probieren? Warum ist das so?
Die GEschichte ist weg, die mir eben eingefallen war als ich in Pattensen im Schatten des Lasters* aus Traben-Trarbach stand und wartete. Sie (die Geschichte) verlief so das ich auf das Einfamilienhauswohngebiet in dem ich groß geworden bin zu sprechen gekommen wäre – Roter Klinker. So könnte ich das Buch nennen, aber ich hab schon einen anderen Namen.
Da ist wieder die Erinnerung, wenn wir „Cowboy und Indianer“ gespielt haben früher – und wir haben das tatsächlich getan- wollte ich immer Indianer sein. Die hatten keine Gewehre. In unserem Müsli-Haushalt gab es keine Gewehre. Anstatt von Spritzpistolen hatten wir Plastikenten die Wasser spuckten und zu allem Überfluss auch noch mit den Flügeln schlugen – die kindliche Phantasie kann aus jedem Stöckchen eine tödliche Waffe zaubern. Hier wurde sie auf eine harte Probe gestellt.

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weil ich ja momentan und alles zuschanden gerät un…

weil ich ja momentan und alles zuschanden gerät und ich eh nicht dazu komme und die kleinschreibung aus zeitgründen wieder nehme weil dann die finger zumindest ansatzweise den gedanken folgen können die armen armen finger die waren auch mal flinker, früher. weil das alles so ein elend das man sich immerhin und noch immer entscheiden kann zu lachen und zu weinen und beides gleichzeitig und weil bachmann preis was für’n scheiss (=mal echt jetzt!) und es eh niemanden interessiert und so weiter, ich sollte das da oben genauer ausführen (meiner version: zu doof zu wissen man raucht nicht im bett)(das ist alles so klinisch rein, selbst bei der jungen dame da eben klang ficken wie das was steht im duden im kapitel „böse worte die man beim schüleraustausch sofort als erstes lernt in der fremden sprache“): aber in klagenfurt sorgt es immer noch für kurzes innerliches erschrecken, und sowieso ist das alles nur innerlich dort, innere medizin in die donau rinn. saal voll mit bedenkenträgern. so gramatikalisch korrekt das man sich fragt ist das nun deutsch noch oder schon latein vielleicht kathargo zerstört lasst nun endlich taten folgen. die gedanken? die sind schon längst woanders.

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weil eh alles so ist wie es ist der treue köter hoffnung auch bekannt als rantanplan geht alleine gassi, er kennt den weg. so war das früher bei mir zuhause, die hunde gingen ihren weg dann alleine irgendwann im „grünzug“ so wurde das genannt das stückchen grün mit splitterweg zwischen den roten klinkerhäusern. einfamilien. manchmal dann irgendwann nur noch einhalbfamilien. roter klinker.

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(und deshalb): ich komme nicht dazu das mal hier alles aufzuschreiben, hamburg war toll tori amos war toll es hat alles wundervoll funktioniert die freilichtbühne im stadtpark eine hervorragende verortung für poesie und gesang dieser gangart. fast ein wenig zu entspannt dort das alles, dann noch am freibad dort gewesen im biergarten. der traum von der großen stadt, aber was soll das bringen. hab ich das nun doch noch geschrieben? (): ich wollte eigentlich seit dem ersten staben oben nur das wort an mein notizbuch übergeben was ich hiermit tue. es bringt ja eh nichts.

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22.6.05: Zugfahren, im Sommer, der klimatisierte Himmel mit den Feldern und Wiesen hinter der Glasscheibe, der Frischhaltefolie. Charmant die Schorfflecken am nackten Knie des Mädchens. (Auf der Rückfahrt: Die Sommersproßen auf Deinem Gesicht, die da waren plötzlich wegen der Regentropfen an den Fenstern die diese Schatten warfen): Sommerregen. In Uelzen hatten wir den eingeholt, der Duft von Sommerregen durch das geöffnete Zugfenster, dies war schon immer so.

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Pferde die Nass wurden stehen auf der Wiese. Erinnerungen an tagelange Zugfahrten, von Paris aus in den Süden, nach Wakefield oder einfach nur für einige Stunden an die Nordsee, durch die DDR nach Masuren – Spurweitenwechsel. Gestern mit den Füßen in der Elbe.

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Tori Amos auf der Freilichtbühne. Saarlandstraße, Stadtpark. Keine Schilder.

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23.6.05: Gedanken an die Oma; Erfrischungtücher die riechen nach künstlicher Zitrone und Desinfektionsalkohol. Sie holt sie heraus während wir auf der Rücksitzbank sitzen des alten roten rostigen Citroen GS im Sommer auf der Fahrt an den Bodensee.

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Keine Schilder hier das ist so üblich in Hamburg, auch den Weg zur U-Bahn muss man sich so halb erraten. Die stehende Hitze eines langen Sommertages, viele haben sich eingefunden und grillen auf dem Rasenstücken zwischen den staubigen Wegen hin zur Freilichtbühne. Dort gelöste Stimmung, eine von hohen Hecken umwachsene Gartenbühne, eine angedeutete Mulde die Rasenfläche. Platz zum stehen, sitzen und schauen.

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[In Bleistift]: Die Hand, der Bus, der Stift, die Straße. Verwachsen.

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Hier sitze ich auf dem Balkon wie auf einem Felsvorsprung, im schnellen fliegen umschwirrt von Schwalben oder sind es Mauersegler. An Italien denke ich, unten auf der Straße der Verkehr und Reden aus der Kneipe samtweiches Licht ein Fernseher plappert vor sich hin aus dem Fenster nebenan. Das die Schwalben die Mauersegler ähnlich den Fledermäusen ein Sonar eingebaut haben müßen ein Echolot wie sie um die Mauern stürzen oder erschrecken betäuben sie damit die Mücken die sie fressen?

Aus dem Notizbuch

„Supermarktblumen sind auch Blumen, verstehst Du das?“ wollte ich gerade hier reinschreiben als die Frau ausstieg mit dem Mittelalterkostüm und dem kleinen Hund. Da war ein junger Türke mit einem noch kleineren Hund, die haben kurz gespielt. Merk Dir diesen Moment dachte ich, „Merk Dir diesen Moment!“, und fing an zu schreiben.

Ich bin das mongoloide Baby von Amélie Poulain

Und Überhaupt, Taxen, mit denen hab ich ja auch so ein merkwürdiges Geflecht von Ereignißen. Mal ausnahmsweise prosaisch gesprochen.

Am Mittwoch noch ein wenig mit der Nacht in den Augen mit dem Bus zum ZOB gefahren, beiläufig streift mein Blick eine dunklere Frau in einem Taxi. Erst wieder dieser positive Rassismus, der sich daran ergötzt das es normal ist inzwischen das die Neger jetzt auch Taxi fahren. Dann der Gedanke, daß es darum garnicht mehr geht, sondern die Unterscheidung dadurch gemacht wird, daß es Menschen gibt die Taxi fahren, und es gibt Menschen die fahren Bus.

Ich fahre manchmal mit Chauffeur (ich glaube ich erwähnte es), oft mit dem Bus und am liebsten Fahrrad.

Aus dem Notizbuch:

1o Uhr am ZOB wo die Mondfähre abfliegt. Hier ist mehr Europa der 25 als in Brüssel, Straßburg oder Berlin, hier sind sie angekommen die Millionen ukrainischer Gastarbeiterinnen, von denen immer die Rede ist neuerdings. So groß kann der Kulturschock nicht mehr sein, hier am schönsten Ort Hannovers. Einzigartigkeit durch Hässlichkeit. Drei Junkpunks trinken ihr Morgenbier, drei schwarze Taxen mit dunklen Chauffeuren stehen. Drei polnische Busfahrer in Trainingshosen nutzen die Pinkelpause nach dem 48-Stunden-Ritt Gdansk-Hannover dann Retour. Die Schwarzen gehören zur neuen Nummer 434343. Es sind größere Wagen, von vornherein auf mehr Fahrgäste ausgelegt. Sie fahren mit Erdgas.

Die Fahrer der 3811 haben sich um einen Schwarzen versammelt jetzt, der soll da nicht Pause machen wo er steht. Die Entscheidungen des Marktes werden wie immer auf der Straße ausgetragen. Der Bundestag hat der EU-Verfassung mit großer Mehrheit zugestimmt. Weiß irgendwer was da eigentlich drin steht?

Später dann auf den Feldern bei den Windrädern, ein Außendienstler pinkelt neben seinem Wagen auf einen Feldweg. Die Silbermetallic Pleitegeier ziehen weiter über das Land. Ich denke böse Dinge wie „Ich bin das mongoloide Baby von Amélie Poulain“ und „Das war aber lieb von dem Herrn Gauleiter“. Ich weiß es heißt „Trisomie 21“. Und „Ministerpräsident“.

Aus dem Notizbuch***Kopf voll bunter Scherben,…

Aus dem Notizbuch

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Kopf voll bunter Scherben, die ich zusammensetzen zu einem neuen Mosaik beizeiten, damit sie nicht verloren gehen. Die Erinnerung.

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Der Strich unter der Zeile (in dem Buch das ich lese): Wie sich die Zeit, der Moment auf eine vergessene Art und Weise hier manifestiert, im Abrieb des Bleistiftes, wie sich die Nervosität der Hand verbindet mit dem Ruckeln des Busses auf der Straße, wie die Schlaglöcher abgezeichnet werden in dieser unsichtbaren Momentaufnahme. Die Straße in dem Buch (das jemand schrieb vor Zeiten) in dem Bus der fährt durch die Stadt in der ich wohne vorbei an dem Friedhof auf dem die Großeltern liegen, alle jetzt seit letzter Woche [und beim nächsten Weg garnicht mehr daran gedacht], zur Arbeit fährt.

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(Uwe Johnson): schreibt es genau so, er legt die Klammern um eine Aussage, und dann folgt eine Erläuterung. An Stelle eines Kommas setzt er dieses viel gewichtigere und eigentlich ja verbotene Zeichen (): ein, so entsteht eine besondere Beziehung zwischen den Worten, ihre Tragweite bemißt sich neu. [Gedanken zu Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“, welches mich in den Augen einiger Mitreisender in den Verkehrsmitteln als Schnösel dastehen läßt da es farblich genauso gestaltet ist wie die Jacke von Aldi die ich für 11,59€ gekauft hatte – Ockerbeige mit schwarzen Absetzern].

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Heute Abend wieder: Arbeiten am Text, der fertig ist, der jetzt noch auskristalisieren muss.

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