Ein Tatsachenbericht

aus dem Mai des Jahres,
herbeitelegraphiert mit
dem Telefon aus Blech
dose und Bindfaden:

Sternschnuppen, Satelliten,
nur am Abend Katharsis
maschine, Lack und Blumen
draht. Taschen voller Zellstoff,
Murmeln die Knochenaugen
Schwarz auf Weiß ins Ohr.

Sitze am Schreibtisch und
sieh den Fingernägeln beim
Wachsen zu. Entschuldigung
das ich Ihnen auf den Gold
zahn fühlen musste.

Schiffnamen (4)

2.11., morgens: Eider, Tara, Bizon-82, Mississippi
3.11., morgens: Charon, Bienenbüttel(?)
5.11., morgens: Lijia(?), Saturnus, Arcturus, Meggy
6.11., Nachmittag: Stadt Lindenfels

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Es ist jetzt dunkel abends, die Namen sind nicht zu erkennen. Viele Schiffe haben Licht auf Deck. Am Kanal gibt es keine Straßenlaternen. Viele dieser neuen Radbeleuchtungen sind zu hell.
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11.11., morgens: Lagda(?), Polaris, abends: Tara, angetäut am Listholze.
12.11., morgens: Ikaros (überholt), Tom Burmester (von Ost nach West), Laura am Listholze. Abends: Athena (am Listholze festgemacht).

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Fahrradfahren am Morgen und am Abend. Dann riecht es von den Schrebergärten auch nach Feuer im Ofen, am Abend vom Wagenplatz nach Möbellack im Feuer, oder Spanplatte, vielleicht, vom kalten Wind die Tränen.
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Heute am Abend die Gänse auf dem Feld mit der Wintersaat, die gerade aufkeimt. Athena liegt vor der Brücke am Listholze, aus der tschechischen Republik, in der Kombüse steht ein Topf mit Erbsensuppe auf dem Herd, der Duft von Erbsensuppe und Speck liegt in der Abenddämmerung. Überall sind die anderen Leben.
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13.11., morgens: Amber

19.11.: BM-5241, Heinrich
20.11.: Pollux, Stanley

26.11., morgens: Labe 15, Annegret. Abends Oberon (angetäut am Listholze)
27.11., morgens: Oberon (angetäut am Listholze). Abends: Fossa (von West nach Ost), Oliwia (angetäut am Listholze)

30.11., Muflon-65

La Ola einarmig

Ich kann mich nicht erinnern, wie in Peine die Busstopps aussehen. Es war dunkel und vielleicht war es auch Salzgitter. Die Winkekatzen machen La Ola einarmig zum Geisterspiel, noch laufen die Wetten auf das Jahr der Ratte in Metall. Die großen Elephanten trinken an der Wasserstelle. Manchmal aber spielt auch das alte Europa ein Lied mit Akkordeon auf den Transistoren, in der Pfanne sind dann die Puffer, immerhin. Das Licht im September, die Wolken und die Erinnerung an alle Sommer, an alle Geister.

1.000 Seifen

Nach 1.000 Seifen riechen raue Hände:
ganz von Lipiden umhüllte Gestalten

kommen Dir näher, als du denkst, und welches

Gebein Dir auch entgegen kriecht,
universeller eindeutiger Bezeichner:

Nimm alle Uhrzeigersinne beisammen,

(hör auf, das Schweigen, an unverhofftem Ort,)
geht die Ratte in Metall frohgemut ans Werk!

Zu der Suchanfrage „Herrndorfstraße“ wurde in Google Maps nichts gefunden

Nachdem ich in der vorletzten Nacht, im Traum, wieder unverhofften Besuch bekommen hatte, dann gestern Nacht an einem mir noch unbekannten Ort der Stadt gewesen mit ganz wunderbaren und erstaunlichen Gebäuden, deren geschwungene Ziegeldächer speckig und rotbraun in der Sonne glänzen. Dorthin gelangt auf einer bis dahin unbekannten Bahnstrecke, auf welcher die Bahn eine erstaunlich sehr steile Abfahrt von einer Brücke nimmt. Ich mache eine Bemerkung zu der Straßenbahn-Fahrerin, irgendetwas mit Achterbahn. Ich habe mein Fahrrad dabei und steige an der Station Herrndorfstraße aus und sehe gleich das schöne Haus, dessen Dach ein wenig an einen Reptilienrücken erinnert, ein Gürteltier, vielleicht. Ich gelange in eine düstere und mit Staubfangtüchern verhangene Straße, in der mir gleich ein in Lumpen gekleideter und mit wirren Worten sprechender Mensch entgegenkommt, sodass ich gleich umkehre. Bemerke, wieviele Touristen in dieser Gegend sind und überlege, was die wohl in der Stadt machen mögen, jetzt, da doch alles geschlossen ist. Ein Dönerladen verkauft immerhin etwas zu Essen durch ein geöffnetes Fenster. Auf einem an einer Straßenecke stehenden Stadtplan steht folgerichtig „Nova Zona Touristica“, um diese Gegend zu bezeichnen. Es wird trotz des Ausnahmezustands einiges geboten, Straßenbahnen, die ich aus Kindheitstagen kenne, kutschieren die Besucher durch die Gegend. Ich kann mir gerade noch den Namen der Straßenbahnstation merken, denn ich habe vor, hier noch einmal herzukommen und dann den Fotoapparat mitzunehmen. Dann [aufgew.], froh über die schönen Bilder, die ich am letzten Rest der Nacht noch mir ausdenken konnte. Ich hatte tatsächlich den Wecker auf 7 Uhr vorgestellt, zuvor, fühlte mich dann in dieser Entscheidung zusätzlich bestätigt.

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Ich fahre ja z. Zt. aufgrund des Bestrebens, möglichst vielen Menschen möglichst weiträumig aus dem Weg zu gehen, mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das Rad müsste zum Schrauber, denn im Kugellager hat sich offenbar ein kleiner Schwarm mechanischer Spatzen niedergelassen, die mein Treten mit rhythmischem Spatzengezwitscher begleiten. Mein Arbeitsweg führt mich jeden Morgen und jeden Abend durch das Moor. Es ist bereiter denn je, sich das Land wiederzuholen. Schon lassen sich die Gänse auf dem Fußweg am See nieder.

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Schalttag

Ein Zaudern, und die Blumen, im Schaufenster
der Änderungsschneiderei. Verständnis für
die goldene Zukunft : Die Gänseblume

weht im warmen Februarwind, ein Fetzen
Wirklichkeit, herangeschlichen aus fernen,
uralten, traurigen Tagen. Bild könnte

enthalten Himmel, Baum und im Freien, ein
leises Verweilen zwischen Signal und Rauschen,
Schwebstoffe, die nicht in Lösung gehen.

Ganz umhüllt sind Deine Schritte

So haben die Krähen Dir das Lied gesungen an diesem frühen Morgen in der letzten Januarwoche des Jahres 2018. Mit Schritten, die bald nicht mehr Deine sein würden, liefst Du in das Dämmerlicht hinein, den Schatten auf der Seele nachspürend, weil dieser Morgen noch unsicher ist, nicht ganz vorhanden und passiert.

Als würdest Du durch Schnee laufen klingen Deine Schritte, bis Du stehen bleibst und der frühen Amsel die Straße und den Morgen lässt. Hier kommen die Krähen vom nahen Stadtwald herüber, überfliegen die Villen aus dunkelrotem Backstein (wie geronnenes Blut), in ganzen Schwärmen sitzen sie in den Wipfeln und singen das Lied vom Winter und den Menschen. Ganz umhüllt sind Deine Schritte und ist die ganze Dämmerung vom Krähengesang und wenn es dann so kommt, wie es kommen muss, wieviel essen sie von uns und wieviel andersrum?

Die Stadt gibt sich Mühe mit der Traurigkeit

20170925_182708.jpg – Lister Platz

Auf der Lister Meile im leisen Regen versucht ein Bettler, sich ein paar Euros zusammen zu sammeln, auf dem Rücken trägt er einen Klapphocker mit sich herum. Gleich fängt ein Straßenmusiker an, »My Heart Will Go On« zu intonieren, der vor der Sparda-Bank unter einem knappen Vordach steht, die Stadt gibt sich Mühe mit der Traurigkeit und dem Grau. Wenig später steige ich in den Bus und bin froh darüber, einmal wieder mit diesem Bus zu fahren, durch diesen schönen Stadtteil, ich schaue aus dem Fenster. Schräg gegenüber auf der anderen Seite des Gangs sitzt ein alter Mann, der sich hustet und räuspert als wolle er auf sich aufmerksam machen, aus den Augenwinkeln habe ich vielleicht schon ein merkwürdiges Grinsen gesehen. Eine Frau steigt ein und fragt den Fahrer, ob er weiß, wo die Robertstraße wäre. Was soll da sein? … Eine Pizzeria. … Nein, tut mir leid, weiß ich nicht. … Ach sie fahren ja hier um die Ecke, uh, dann muss ich jetzt aussteigen … dreht sich um und der nach unten gehaltene Regenschirm spannt auf und verhakt sich mit umgedrehtem Schirm unter den Sitzschalen, dann klappt sie den schnell zu, woraufhin dem Mann auch einfällt, dass er hinaus muss und er geht ihr hinterher. Er hat einen mintfarbenen, mechanischen Schmutzaufnehmer dabei, ich sehe es jetzt erst, als er den Bus verlässt.

***

Zerfaserung der Augenblicke, weitere Objekte für die Sammlung seidener Fäden. Bisweilen auch versiegelte Luft zu atmen, in den stillen Stunden, wenn der Morgen Dich bei der Hand nimmt und sagt wir müssen jetzt einmal an Morgen denken, aber nicht sich damit meint.

Das andauernde Ringen mit etwas großen und dunklem erfordert sehr viel Kraft und Ausdauer. Die Runden im Park helfen dabei, aber ob ich früh genug losgelaufen bin, um noch einen plausiblen Vorsprung erreichen zu können? Von Ziel oder Sieg ganz zu schweigen.

Gartenpavillon am Ende der langen Allee. Menschen im Sommer. Mit dem alten Handy ein paar Fotos gemacht, die dann aber aus Versehen gelöscht. Es ist nicht schlimm, ich kann neue machen. Das Geräusch metallener Rechen auf dem Kies der Parkanlage begleitet den guten Nachmittag.

Gleich kopfüber

Wie bereits gestern trinke ich den Rest des Kaffees aus, der übrig ist, heute jedoch mache ich nicht den Fehler, die ‚Apollo‘ von Eno / Lanois / Eno zu hören, die ich mir nach dem Hören einer sehr langen Radiosendung spontan beim Onlineauktionshaus kaufte, und darüber die Zeit zu vergessen. Auch werde ich (zunächst) keine Gedicht|e lesen, sondern mich gleich kopfüber. Gestern Rückmeldung von S. zu den eigenen Gedichten, er hat ja mit allem recht was er schreibt.

Gegen Morgen wild geträumt, verschlungene Pfade, mit Ranken fast überwuchert, bemooste Steine, eine ratternde, achterbahnähnliche Bergbahn (die Schienen jedoch ausschließlich auf dem Boden). Dann in einer Art Gartenwirtschaft, jemand stellt Bier auf den Tisch, es ist eine Leinwand aufgebaut, auf der ein apokalyptischer FIlm läuft, in einer Steppe spielt sich eine Szene ab, in der Autowracks o.ä. am Rande einer Straße stehen und diese tw. blockieren. Ein Mensch, der mit mir am Tisch sitzt, stürzt sich in die Leinwand hinein, ist dann in dem Film, wir sehen ihn, wie er beginnt, die Trümmer zur Seite zu schieben. Dann bin ich selber in dem Film und helfe dabei.

Dann laufe ich außen auf einem geländerlosen Balkon im obersten Stockwerk eines Hauses entlang, an einer Ecke befindet sich jedoch eine Sicherung, die sich jedoch als viel zu wackelig herausstellt. Hier geht es nicht weiter. Der Rückweg kann nur durch ein Fenster gehen, welches in ein Zimmer führt, der Bewohner ist da und ich kenne ihn wohl auch, jedenfalls darf ich durch das Fenster hinein. Es laufen drei Fernseher, einer steht auf einem kleinen, runden Tisch, zwie auf dem Boden. Es sind alte Röhrenfernseher, auf denen unterschiedliche Szenen aus einer Kinderserie gezeigt werden, in der es um die Erlebnisse anthropomorpher Lokomotiven geht. Auf dem Boden sind mindestens zwei kleine, voneinander unabhängige Spielzeugeisenbahnen aufgebaut, legobunt, die beständig im Kreis fahren und eine Lichterkette mit bunten Lämpchen verstärkt meinen Eindruck, hier hat sich jemand eine kleine Wunderwelt erschaffen. Ich finde es unangenehm, hier so einzudringen, aber es besteht ja keine andere Möglichkeit.