Dieser Tage

Auch hatte ich gestern Abend durch eine glückliche Fügung ein mir noch nicht bekanntes Blog in den RSS-Leser getan und las so froh die letzten 25 Einträge eines fremden Menschen. Da dieser [wie ich nun einmal gezwungenermaßen auch] nicht sehr oft etwas zu schreiben scheint, brachte mich das schnell zum Januar des letzten Jahres zurück und zu guten Gedanken über die Ewigkeit, die ja nur einen Mausklick entfernt ist immerzu. So saß ich also dort, im ersten Hinterhaus, in dem Büro zwischen den Höfen. Es sind sehr viele Fenster zu allen Himmelsrichtungen. Der hinterste Hof ist als Parkplatz eingerichtet, außer der durch eine hohe Mauer und Bambusgestrüpp abgegrenzten Freifläche eines Restaurants dient er als Parkplatz und Rauchgelegenheit der Angestellten aus den Geschäften zum Steintor hin. Es ist der Hinterhof des Discounters (Freitags kommt ein Mann und schaut in der Mülltonne nach brauchbarem), des Waffenhändlers und des Ein-Euro-Shops in dem ich einst eine Kassette kaufte „101 North American Bird Songs“ um möglicherweise dereinst eine Vergleichsfolie zu haben für Präzisionsmessungen der Hintergrundstrahlung (das Rauschen des Universums im Radiogerät), die ich anzufertigen mir vielleicht vornehmen könnte; Ein schmuckloser Platz, der auch an einer durch eine niedrige Mauer nochmal abgegrenzte Stelle als Lagerplatz für Müll und Bauschutt in oder außerhalb der dafür vorgesehenen Behälter dient. In den höheren Stockwerken liegen auch Wohnungen, die einem zu Herzen gehen können: An einem der Fenster, im 6. Srock unter dem Dach, wurden künstliche Sprossen aufgeklebt und es hängen Rüschengardinen darin, denen man den Gilb bereits aus der Ferne ansehen kann. Dahinter, auf der Fensterbank stehend, ein Wasserkocher, Blumenvasen, eine Teekanne etwa. Zwei Stockwerke darunter die heringssalatrosanen, ehemals roten Gardinen, die viel zu kurz sind und nur behelfsmäßig in der Mitte der Fenster befestigt. Auf dem Balkon eines anderen Hauses hängt die bleiche Flagge des einst so stolzen spanischen Königreiches am aus fahlem, gelbem, mit einer Flechte bewachsenen Kunststoff bestehenden Dach angehängt. Auch ein gerupfter Sichtschutz aus Schilfgras steht dort, in einer Ecke jedoch, sowie zwei Monoblock-Stühle an einem Tischchen, das mit einer grünweiss karierten Wachsdecke vor der Witterung geschützt ist.

What more do I have to say.

Ich hatte mir gerade die Jazzsendung angemacht, dann kam der Moment in dem alle ruhig waren, eine ganze Weile lang, nur hier und da ein Klick und ein Tipp. Und durch das geöffnete Fenster zum trüben Hinterhof pfiffen es die Spatzen nochmal und nochmal von den Dächern. Die Stadt machte dann Tatütata und Ella sang „Summertime“ dazu; dabei ist erst April. Als ich dann nachhause fuhr, regnete es.

Einige Tage später dann, am Morgen, an der großen Straße entlang auf Höhe Conti kommt aus der Phillipsborn ein dickliches Mädchen auf einem quietschenden Rad gefahren, angetan mit einer Trainingsjacke mit appliziertem Kronenlogo tritt sie mächtig in die Pedale, wird fast von einem Benz-Geländewagen erfasst, als dieser auf den Parkplatz des TCH einbiegt, flucht und nimmt es zum Anlass, auf die dreispurige Straße zu wechseln und dort auch zu bleiben bis zur Unterführung am Fixpunkt, dort unter den donnernden Zügen verliere ich sie aus den Augen, fahre auch die andere Strecke (hier an der Ecke allmorgendlich durch Brötchenduft und Architektur eine Erinnerung an ich weiß noch nicht was). An den Briefkästen des Postbank-Hauptgebäudes sehe ich sie, wie sie außer Atem den Brief endlich in den gelben Kasten schmeißt.

So vergehen die Tage in dieser Zeit, die der Wind vor sich hertreibt zusammen mit den leichten gelben Wertstoffsäcken, die noch von Gestern am Wegrand standen.

Gerade am Spielplatz im Park gesessen, der alte Stadtstreicher mit den ganz grauen, langgelockten Haaren, der breitete eine Unterlage (um nicht zu sagen eine Decke) auf dem Rasen aus neben seinem Einkaufswagen. Darin, ich hab es genau gesehen, bewahrte er neben diversen Plastiktüten ein Paar Ski auf, inklusive Stöcke. Kein Foto. Auf dem Klagesmarkt wurde bereits das Festzelt zur Veranstaltung am Tag der Arbeit aufgebaut. Die alte Dame kommt mir wieder in den Sinn, die vor dem einige Tage zuvor niedergelegten Kranz am Gedenkstein der Gewerkschaft steht, die verwelkenden roten Nelken betrachtet. Den Arm trägt sie in einem Dreieckstuch und mit dem Gummifuß ihrer Krücke rückt sie die Schärpe zurecht, um die Aufschrift lesen zu können.

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