The Bachmann Overdrive

Ad-Hoc-Kurzkritiken zu den Lesungen in Klagenfurt, was mir in drei Sätzen einfällt und nicht unbedingt chronologisch. Habe gerade bis auf zwei Lesungen die heute (und Gestern? fangen die da an?) verpassten nachgehört, die Videos und Autorenportraits und Diskussionen sind hier online nachzuschauen.

# Sehr gut gefallen hat mir der Text von Clemens J. Setz, bei dem mir jedoch erst während der Diskussion der blühende Neurosengarten des Protagonisten auffiel – während der Lesung schien mir das alles so plausibel und nachvollziehbar. Das plötzliche erscheinen dieses merkwürdigen Gerätes, und wie dadurch die kleine Welt neu gewichtet wird; Ein wenig zu auffällig, aber vielleicht geht auch nur mir als Textzersetzer das so, fand ich die bewußt gesetzten Stolpersteine der Wortwiederholungen: „Er riss sich von der Waage los und ging zum Auto. Erst als er die Wagentür schon geschlossen hatte…“ und an anderer Stelle „Uhr“ und „Urkunde“. Schön aber, wie sich das Faible für Zeiger und Zeigegeräte immer wieder in einem dicht gewobenen, aber doch unauffälligen Netz zeigt.

# Beim Text von Angelika Reitzer musste ich immer an Berlin denken, oder besser: An diese austauschbaren Agenturmenschen, die im Studium noch sehr wild gewesen sind, deren Subversion sich aber im Rückblick auf das präzisieren des Begriffes Party-Culture beschränkt hat. Die nicht gemerkt haben, wie das Leben (um nicht sagen zu müssen: Das System) sie aufgrund des fehlens innerer Reflektion langsam ausgehöhlt hat. Die aber trotzdem irgendwie von dem Gefühl beschlichen werden, dass etwas nicht stimmt, sie wissen nur nicht was. Also müssen Drogen her, mangels Masse – Ich kann hier aber auch überinterpretieren. Jedenfalls oft beschrieben, diese Sache, alles in allem ganz ok, aber auch nichts Besonderes. Schreibt man „Besonderes“ hier groß?

# Mit Patrick Findeis Text „Kein schöner Land“ (PDF) wurden meine Vorurteile gegenüber den Schreibschulen leider bestätigt. Diese Texte müssen offenbar alle in der Provinz spielen und die natürlich auch dort vorhandenen sog. menschlichen Abgründe in der scheinbaren Idylle des Landlebens aufzeigen. Diese dort vorzufinden ist aber nur bei Stephen King (auch nicht mehr) überraschend. Der Tod trägt dort immer Blaulicht, den Schreibschülern wird offenbar angeraten, sie sollten ihre Hauptcharaktäre mit einem besonderen Detail beschreiben, hier ist es eine Zahnprothese. Sprachhandwerklich auf hohem Niveau, aber ansonsten eher nun ja. Die Jury fand’s toll, also spricht aus meiner Einschätzung vermutlich wieder nur der Neid. Grün ist die Hoffnung stirbt zuletzt.

# Markus Orths „Zimmermädchen“ (PDF) fand ich gut, ein schöner Versuch über die Anonymität von Hotelzimmern und den kreativen Umgang der Angestellten mit derselben. Ich fragte mich aber die ganze Zeit, ob diese Maid nicht irgendwann mal vermisst wird von ihrem Vorgesetzten, wenn sie große Teile ihrer Arbeitszeit unter den Betten der Gäste verbringt. Das soll das Lektorat klären.

# Bei Alina Bronsky fand ich gut, wie sie die Sprache ihrer 17jährigen Heldin aufnimmt und es ihr dadurch gelingt, eine harte Geschichte in einem lakonischen und dennoch immer empathischen Ton wiederzugeben.

# Ein wenig stolz bin ich darüber, dass ich mir mit Martin von Arndt einmal kurz E-Mails geschrieben habe. Wir haben ihn damals in unserer Sendung Woertersee gefeatured, wenn man so sagen mag, also ein paar von ihm ins Internet hineingelesene Texte gebracht. Whatsoever, seinen Text fand ich zwar sehr humorvoll, auch gefallen hat mir der wache Blick auf die Mutter-Sohn-Beziehung und wie diese das Verhältnis des Protagonisten zu seiner Frau belastet, aber alles in allem war mir diese Geschichte ein wenig zu allgemein. Nun handelt es sich um einen Romanauszug und da ist definitiv noch ausreichend Stoff für spannendes vorhanden. Auf den Titel „Der Tod ist ein Postmann mit Hut“ (PDF) wurde leider nur zu Anfang und am Ende des Textes Bezug genommen, darüber hätte ich gerne mehr erfahren. Über die weissen Blätter.

# Mein Favorit bis hierhin ist Thorsten Palzhoffs Beitrag „Livia“ (PDF). Dort finde ich das Schreiben des Autoren und die sog. Realität, gleichzeitig mit dem Erzeugen von Spannung, am besten miteinander verwoben.  Palzhoff spielt sehr klug mit dem Spannungsfeld von Fakt oder Fiktion (PDF) und verortet, äusserst pointiert, diesen scheinbaren Gegensatz in einer von Medienrealitäten geprägten Gesellschaft, in der die Unterscheidung zwischen der wirklichen und der medial vermittelten Weltsicht zusehends verschwindet.

Indem er ein Filmteam des WDR als eine Ansammlung von Charaktären aufführt, gelingt dem Autoren die erste Täuschung; Wir als Leser kommen in Versuchung, dieses imaginäre Filmteam als ein reales anzusehen (Briefroman, Goethe, Werther). Im weiteren Verlauf der Story(!) verwendet Palzhoff noch  mehr Tricks aus der intermedialen Zauberkiste. Und er weist uns als Leser, Rezipienten, Zuschauer sogar darauf hin, wie er mit den Zeichen und den Symbolen, die die Zeichen bilden, arbeitet: „Die beiden stehen vor der großen Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge und lösen aus den untersten Schienen die Steckbuchstaben heraus. Ein uniformierter Bahnbeamter kommt auf sie zu, drohend, warnend, aber sie bemerken ihn nicht, weil sie in ihr Spiel mit den Buchstaben vertieft sind.

Und dann, am Ende der Geschichte, gibt es noch einen Kinofilm auf einem Videoband, welches aufgezeichnet wurde von diesem Filmteam. währenddessen sich vor den Türen das Leben ereignet.

(t.b.c.)

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