„Der westliche Mensch und die westliche Gesellschaft sind abstrakte Horizonte eines konkreten, vorwiegend für lineare Codes programmierten Kommunikationsfeldes, und nur in Funktion dieses Feldes sind sie da. Statt «Programm» läßt sich selbstverständlich auch «Glaube» sagen, denn das Programm ist die Weise, in der ein Kommunikationsgewebe funktioniert, also Mensch und Gesellschaft da sind. Der westliche Mensch und die westliche Gesellschaft sind aufgrund eines ganz spezifischen Glaubens da, und es ist sinnlos, in Abwesenheit dieses Glaubens von einem westlichen Menschen und einer westlichen Gesellschaft auch nur zu sprechen.
Von dem spezifischen Glauben, dank dessen wir überhaupt erst da sind – den wir also nicht «haben» sondern der uns hat-, läßt sich einiges aussagen, sobald man sich bewußt wird das er ein Programm für linear verschlüsselte Informationen ist. Es ist der Glaube, daß die »Welt« prozessual ist, und also Leben ein Fortschreiten dem Tod entgegen; daß sich die Dinge zeilenförmig «ereignen»; daß die Zeit ein eindeutiger Strom ist, in welchem sich nichts wiederholt und jeder einzelne Augenblick unwiderruflich und einmalig ist; daß sich die Dinge eins nach dem anderen und aus dem anderen entwickeln und daß man sie erklären kann, wenn man diese Folge aufzählt; daß es möglich ist die «Welt» zu lesen, das heißt in klare und distinkte Begriffe aufzulösen. Kurz, es ist der Glaube, daß die «Welt» jene Struktur hat, in welcher sich Symbole zu linearen Codes ordnen. Anders gesagt, vorwiegend für lineare Codes programmierte Gedächtnisse, wie wir es sind, existieren «geschichtlich», denn sie glauben, daß die «Welt» eine lineare, «historische» Struktur hat.“

(Aus: Vilém Flusser: „Die kodifizierte Welt“ (1978) enthalten in Flusser: „Medienkultur“, Fischer Verlag 1997)

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