Der Sturm ist schon in der Luft

den ganzen Tag über. Durch den Regen mit dem Fahrrad, zunächst zum großen Supermarkt an der großen Straße, dann auf den Mittwochs-Markt. Verschiedene Gemüse, Eier, Fisch, Kartoffeln (Belana und Süßkartoffeln). Wie anders die Leute hier miteinander sprechen. „Was hat sie jetzt da liegen“ sagt der Händler zu der Kundin und dann zählt sie es ihm auf, sich selbst noch einmal in Erinnerung rufend, was sie jetzt kaufen möchte, „Petersilie hat sie noch da“ , ergänzt er die Aufzählung, die kaufe ich dann auch, glatte. Der noch sanfte, kleine Regen tropft derweil von den Dächern der Stände. Ich möchte kein Foto machen.

***

Als ich gestern diesen Artikel las, musste ich beim im Zitat zitierten „salle des pas perdus“ gleich an die Bahnhofshalle im Groninger Bahnhof denken, daran, wie die automatischen Holztüren beim Aufschwingen klingen, wie selten es ist, das es noch Wartehallen gibt. Davon (neben weiteren Fieldrecordings aus dieser Stadt) gibt es eine Aufnahme.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Neulich, in Oldenburg (Oldb.), saß ich auch in einem Wartesaal, den es in diesem schönen, aus einer anderen Zeit übrig gebliebenen Bahnhof, noch gibt. Charakteristischer Klang in diesem Raum ist das Weiterrücken der Uhrzeiger der großen Uhr über dem Eingang. Davon keine Aufnahme.

***

Auf dem Rückweg vom Markt war der Regen dann ein wenig stärker. Später, weil ich keinen Kümmel mehr in der Küche hatte, musste ich noch schnell zu einem weiteren Supermarkt. Hier bereits stärkerer Wind, den ich auf dem Rückweg merke. Der Sturm ist schon in der Luft und wird morgen landen.

***

Immer wieder irrlichternde Gedanken im Kopf, wie ein freieres Leben, welches sich ja gerade zeitlich begrenzt zwar ereignet, vielleicht doch möglich sein könnte. Dann sitzt man jedoch am Morgen in der Küche und hört in der Presseschau, wie die Journallie die Agenda-Kosmetik des Schulzen kommentiert und bereits diese lachhaften Wiedergutmachungsversuche, ganz im Sinne der neoliberalen Pest, wegzuargumentieren versucht. Da ist wieder die ewige 40-Stunden-Woche, die wir alle in Zukunft damit verbringen werden, die Robotergetriebe schön zu ölen. Kurze Verzweiflung über all die Dummheit, deren einziger Sinn es ist, das Leben der vielen schwerer zu machen. Die Deutsche Bank werden sie auch retten, nach der Bundestagswahl, weil Systemrelevant etc. pp., denn da gelten die Marktgesetze dann bekanntlich plötzlich nicht mehr.

***

Was solls. Den Tag dann hauptsächlich damit verbracht, eine schöne Suppe mit Rindfleisch zu kochen. Ich hatte noch eine eingefrorene Beinscheibe im Kühlschrank. Dabei zurerst die Sendung Brüssel Zentral, dann La France en Duo und dann sogar Urban Landmusik gehört, weil heute einer der Tage war, an dem mir Country-Musik gefällt. Die Wäsche hängt auch nicht mehr auf dem Balkon, der Sturm kann dann meinetwegen kommen.

Holzschutzfarbe

Sogar liegt eine Katze auf dem Verbundpflaster vor der Garage
der Carport riecht nach Holzschutzfarbe und auch die Grillen
neben dem Splitweg sie singen das Abschiedslied  (als wenn
es morgen niemals geben würde und immerzu) sogar auf
dem  Fahrrad auf dem Weg nachhause ziehen alle Sommer
vorrüber

Es müssen Gräser stehen am Rande der Straßenbahschienen
viel mehr leuchten und leise summen es könnte doch könnte
doch eine Essenz von Regenwasser

destilliert werden, mit den Gießkannen, es müssten Gräser stehen.
Am Feuerlöschteich, sogar am Zaun und das trockene, gemähte,
neben dem leeren Messeparkplatz riecht, leise, zum Feierabend,

müsste dann das Katzenauge verloren gehen, am Wegesrand,

20160902_141039

dass die lungenflügel flattern, im sommerwind,

& weil weiterhin überall geschrieben wird, aufgeschrieben was passiert, während die Zeit um uns herum verstreicht, leere ich einmal die Texte hier aus und lasse sie liegen wie salziges Treibholz am Strand, das vielleicht noch jemand braucht um sich ein eigenes Feuer anzuzünden, unter den bedeckten Himmeln im August, unter den bedeckten Himmeln der freien Welt.

*

der mann gestern abend erzählt er habe einen guten schutzengel als er ein wenig stolpert in der u-bahn in den außenbereich meines sichtfeldes hält er eine ţüte weißwein. erzählt er fährt jetzt nachhause da können wir noch schön fernsehen (ein älteres ehepaar soll zuhören und tut es)  erzählt vor dem schlafengehen denkt er an seine sünden erzählt was er alles gemacht hat im leben erzählt totgeschlagen hab ich noch keinen habe ich auch nicht vor erzählt nachbarn ärgern kleines schnäppschen goodbye mister.

* hey sister soul sister *

Reklame: Finden Sie die Stärken ihres Kindes heraus und das passende Berufsprofil.

Schlagzeile: Touristen im Selfie-Wahn lassen Babydelfin sterben.

Kollege (am Telefon): Das Stück Kuchen wird größer je größer der Betrieb wird …

*

30.12.’15: Der „Arbeitslose Musiker“ (Selbstbeschreibung), der immer vor dem Penny in der Nordstadt stand und nach Wechselgeld fragte, mit dem ich irgendwann später zufällig am Tresen in der Schaufelder nach einem Konzert zwei Bier trank, singt am Lister Platz, dort am Eingang zur U-Bahn, wo sie immer sitzen, „Junge komm bald wieder“. Natürlich kann er mich nicht erkennen und das ist auch gut so. Es gibt rare Momente, in denen die Unterschiede egal sind.

*

 In der Kneipe an der Bödeker, in die wir manchmal gehen, erzählte ein Mann an der Bar, das George Lucas einmal hätte einen Film drehen sollen mit improvisierter Musik, Miles Davis, nicht Sting. Er mochte Sting nicht.

* Eine Reihe von Fotos *

 20160625_121948 20160625_141643 20160625_155612 20160706_183351 20160711_113243 20160711_165907 20160722_092034 20160722_091852 20160721_204714 20160714_135729 20160711_20552020160729_221731

*

licht gespenstert
vogelsand
kupferdraht
duftreis
am ende des tages

*

 

dieser text aber will alles sich die ewigkeit einverleiben. tage sind durchsetzt mit ausgedehnten déja-vus. die nächte auf verschlungenen traumpfaden. der vorstand bei der heilpraktikerin in klausur-tagung. wir haben uns gegenseitig unsere notizbücher gezeigt. an dem tag an dem ich zum letzten mal dort arbeite, wenn ich dann allen die hand gegeben und mein „man sieht sich immer zwei mal im leben“ aufgesagt habe, dann werde ich rennen, so schnell wie ich nur kann, raus aus der tür und fort von dem ort, so schnell ich nur kann.

* dass das unbeugsame herz schlägt *

das unausgeschlafene zittern das vibrieren überall. am abend ein loch in der scheibe [der bank, die 3 monate später, nach einem überfall, schließen wird. die gegend wird nicht besser] — fahrradfahrt in der nacht, am  wohnheim vorbei, auf dem rückweg, an der hannomacke vorbei, dass das unbeugsame herz schlägt, immer noch und immer noch und immer noch, dass diese orte da sind, immer noch, jetzt von fremden besetzt, dass die lungenflügel flattern, im sommerwind,

Die Zeugen Jehovas haben ein Faible für bunte Krawatten

Jedenfalls die Männer. Schon den kleinen Jungs binden sie knallblaue Schlipse um und schicken sie dann raus zum Spielen auf der Expo Plaza, in der schwülen Hitze, die wir heute hier hatten. Die Frauen tragen gerne Röcke. Einmal im Jahr findet hier ein großes Treffen der Auserwählten statt. Schon die ganze Woche über stand eine Abordnung, ganz unschuldig tuend, in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft, um Werbung für die wohltätigen Sprachkurse zu machen. Denn Jesus war ein Syrer, sowas in der Art, vermutlich. Für drei Tage wird dann die Eishockey-Mehrzweckhalle ganz zum Königreichssaal. Der Regenmacher-Workshop hatte zwar zwischenzeitich einen kurzen Erfolg, konnte aber erst am Abend, als die Veranstaltung zuende war, die ganze Pracht der Bemühungen einheimsen. Nach der Arbeit war ich noch kurz in der Bibliothek, schräg gegenüber. Ich hätte gedacht, dass meine Karte noch nicht seit fünf Jahren abgelaufen ist. Aber sie wurde verlängert und ich kann auch damit Bücher leihen, ebd., a.a.O. Werde einmal die Systemtheorie auswendig lernen. Unter Dachvorsprügen und der Fußgängerbrücke dem Regen ausweichend zur Station, auch hier viele Gutgläubige auf dem Weg in die Herbergen. Musik und Radiobuch in der Bahn. Abendbrot, dann noch kurz in den Supermarkt, dann rasiert und geduscht, jetzt Wochenende.

Renn mit dem Regenschirm

Renn mit dem Regenschirm aufgespannt die Straße
das wipfeln Dir die Palmen aus der Ferne herüber
die Tram erklimmt mit rotierenden Spulen den
Berg dennoch im Sommerwind und Du und das Meer
und die zur Tarnung als Krähen ins Land gehenden
Advokaten, der stürmische Abend, das Tor zur
neuen Welt ist weit offen.

Dies ist eine Fotografie des ganzen Himmels für Dich.