Das war ein Winter

   ganz nach meinem Geschmack! Ein wenig zu warm an manchen Tagen. Das Land hat einen ganzen Wald in den Ofen geschoben und einen Kohlenberg noch dazu.

Es schneit ja immer noch! Und da stößt die Flexibilität der kapitalistischen Plansollerfüllung an ihre natürlichen Grenzen, es gibt kein Vogelfutter mehr zu kaufen, ein Saisonartikel, so bekommen die Gefiederten jetzt Papageienfutter gestreut, die ersten bunten Federn wachsen bereits und besonders den Meisen steht es sehr gut an, die kleinen Hirsekörner. Auch unsereiner schräger Vogel steht auf wackligeren Beinen in der kalten Luft und ist es erst langsam überdrüssig, auch wenn ich nun, heute morgen erst, das „Winter Journal“ von Auster zu lesen angefangen habe, in der Bahn zur Arbeit, dem langgezogenen Transit-Schlauch.

Eine Zeichnung von Menschen in der U-Bahn oder in einem anderen Nahverkehrszug

Zeichnung: gunopark.tumblr.com

Die Hälfte liest vielleicht Bücher oder eine Zeitschrift, oder 1/3 möglicherweise. Ein weiteres Drittel tatscht auf den Bildschirmen der Devices rum und macht ein blödes Gesicht wohlmöglich noch dazu. Leute, die Ihr Telefon Smarty nennen. Ein Mann spricht mit einem Freund über irgendwo herausgeholte Leichenteile, darüber wie er jetzt arbeitet und wo und schließlich das man sich wieder sehen könnte, demnächst einmal, in dieser Reihenfolge und ohne nennenswerte Nuancierung in der Stimmlage, es ist alles dasselbe für ihn an diesem Morgen. Mir kommt in den Sinn, wie Bildagenturen ihre Werke neutral und dennoch emotional beladen zu beschreiben versuchen, ich denke an Happy Caucasian Couple Enjoying Dream Vacation. Später am Tag dann, das Aushandeln der AGB mit den Schusterjungen und den Hurenkindern.

20-Cent Stücke

Heute am Vormittag das letzten Freitag bestellte neue Buch von Paul Auster, „Winter Journal“, in der Buchhandlung abgeholt, was ein sehr guter Vormittag dafür war, Du hattest Deinen senfgelben Mantel an auf dem Hollandrad und das Licht war schön und die Luft roch nach Herbst. Vor mir kauft ein Polizist einen Geschenkgutschein und bezahlt mit ganz viel Kleingeld und der Ladenbesitzer erzählte mir, dass er alles Wechselgeld wieder loswerden würde und es gleicht sich aus, nur die 20-Cent-Stücke, die werden immer mehr.

anna und die muschel

getrieben bin ich und lasse mich treiben, manchmal. ich wachse noch ein wenig in diesen wochen, werde größer, bilde ich mir ein. durch die straßen, auf den plätzen.

@grundkonzept lese gerade „in the country of last things“, die hauptrolle heisst da so! das ist netz schon eh immer ein wenig gewesen dada..

dort lerne ich nun auch austers anna blume kennen, deren ursprünge ich noch nicht (kannte), als ich mich im scriptorium befand. aber irgendwas hat der herr auster ja mit der niedersächsischen landeshauptstadt hannover, der kartoffelkönigin unter den deutschen metropolen. dieser peter von hannover bspw. aber wahrvermutlich hatte er nur gehört, dass sein nachname eine muschelsorte bedeutet, fand dann passenderweise einen nachnamen der eine blume bedeutet und sich daraus einen schönen spleen gezimmert, anna und paul, my own private merzbau, gewissermaszen. (wie anmaszend zu denken das er schwitters nicht kennt!) und dann wäre noch ein gewisser leopold zu erwähnen, (dem muss ich nachgehen,) die spatzen in den händen, sie pfeiffen es von den dächern, aus den letzten löchern,

(lasse ich mich treiben und, da ich jetzt eine woche catsitting hinter mir habe, im haus der eltern, die wege in die stadt andere waren, auch eine gewisse sprunghaftigkeit die bus-, strassenbahn- und u-bahn-linien anbetreffend entwickelt. spontan steige ich ein, steige ich aus, keine angst vor sich schliessenden türen, keine angst vor roten fußgängerampeln, sie sind eine empfehlung, kein gebot. rechts stehen, links gehen, das lernen die leute hier nicht mehr, zwar geben sie sich mühe).

mein kater leo schnarcht übrigens. und bloomenkohl frißt der auch, sofern mit ein wenig butter versehen nach dem kochen, und. nierchen zwar. aber: butterblume.

ich war am anfang, im ersten drittel, des buches, als ich anfing dieses zu schreiben. nun bin ich am ende. während des lesens habe ich gemerkt, dass die dystopische welt, die auster hier (relativ am anfang seiner verlegenen schreiberei (1987), wohl aber nach den ersten erfolgen (der 4. roman lt. wikipedia)) entwirft, nur einen steinwurf entfernt ist von der welt, in welcher wir zur zeit (noch) leben. der sprichwörtliche erste stein ist hier angesprochen. wer im glashaus sitzt, der fällt selbst hinein..

Paul Auster: „In the Country of last things“,
Faber and Faber ltd., London 1988., Seite 175.

dies alles trifft mich insbesondere auch deshalb (gerade jetzt), weil ich mich selbst, synchron zu der allgemein gerade stattfindenden neuordnung bekannter systeme, in einem zustand befinde. in einem zustand des zerfalls, der neuordnung, jedenfalls in einem labilen. usw. muss ich mich mit diesen leuten auseinandersetzen. ein himmelreich (für einen bausparvertrag!): wie mies, wie bürgerlich, so bin ich ja (eigentlich) garnicht. und trotzdem, und gerade deswegen, vielleicht, muss ich heute in meiner küche schlafen.

weil ich das versprochen habe.

(ich kenne diese menschen(!), die dort auftreten, in austers dystópeia, im land der letzten dinge, sie kreuzen meine wege, und einige von ihnen sind gute bekannte, freunde fast schon: vorboten. schönen zeiten (entgegen). sie leben jedoch bereits in diesem untergangsland, in welchem die zeit bereits selber im zerfall begriffen ist.).

ich geh jetzt schlafen:

… … … gerade eben (gestern)

ein neues buch angelesen(!): dabei ist mir jetzt gerade ein wenig unheimlich, wie sehr ich (sofort wieder einmal) gleich auf der ersten seite mit auster einverstanden bin:

„These are the last things. A house is there one day, and the next day it is gone. A street you walked down yesterday is no longer there today. Even the weather is in constant flux.“

Paul Auster: „In the Country of last things“,
Faber and Faber ltd., London 1988., Seite 1.

(und dann noch: diese haptik des sauren papiers, die diese billige paperback-ausgabe mitbringt, diese dicken, holzigen seiten: dieses jetzt gerettet sein,)

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soeben jonathan safran foer’s „extremly loud & incredibly close” beendet. es ist ein wirklich wunderschönes buch. die figuren beginnen auf ganz eigentümliche weise zu reden, jede mit einer eigenen sprache, zu leben, und das ereignis, um welches sich dieses ganze buch ja dreht und windet, und das ist auch etwas besonderes, an dieses haben sehr sehr viele und auch ich ihre eigene erinnerung. die mondlandung in böse. ach ja, ich war noch niemals in new york, aber in dieser stadt spielen sich viele der begebenheiten ab, zu denen ich die bücher las in der letzten zeit. austers brooklyn follies bspw., smoke (der film) den ich neulich gesehen habe auf DVD, wie auch hier zeugnisse (bspw. fotografien) eine rolle spielen.

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über haupt gibt es da, so bilde ich es mir ein, zumindest analogien, denen ich noch einmal genauer nachgehen muss, wenn ich irgendwann einmal zeit habe. da ist der junge, der nur weiss trägt, und nach leuten mit dem nachnamen black sucht, teilweise begleitet von einem mr. black durch die strassen new yorks streift. oskar schell -> shell -> muschel -> auster. zwar sehr verstiegen und an den haaren herbei, eben dieses beispiel,

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uberhaupt anna log: auch eine anna ist hier ja vertreten, wie die blume bei herrn auster und herrn schwitters, wobei auster seinen weissgekleideten mit einem gewissen peter von hannover vergleicht, welch jeniger definitiv eine erfindung ist. nun wird es hier ein wenig wahnhaft zwar, seis drum.

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ich höre in der letzten zeit wieder sehr häufig den dänischen klassiksender, immer eine spur mehr november dort enthalten. gut. ich mag diese traurigen tage, die nun bald wieder vor der tür auf mich warten, mit ihrem grauen schwindsüchtigen licht.

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die familienzusammenführung: von sir francis bacon, dessen auf einem bild in der tate modern verwendetes rot ich in lynchs twin peaks (traumszenen) und anderswo in seinen filmen wiedererkannte (und ist bei lynch nicht alles traumszene?), mit coupland’s ausführungen über brentwood in L.A., in welchem er u.a. die monroe mit der damals noch lebenden lady di vergleicht (elton john), und während des lesens (jedoch nicht gleichzeitig) wiederum sah ich „mullholland drive“ und fand es sich gut ergänzend, diese familienzusammenführung also: spar ich mir für später einmal.

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in einer weihnachtskarte für einen kunden hab ich einmal „familie“ mit zwei L geschrieben aus versehen. famillie vanille.

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die drei sterne hab ich bei den gebr. goncourt ausgeliehen.

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eben gerade auf der meinem balkon gegenüberliegenden straßenseite: das mädchen (studentische hilfskraft) sperrt die tür der schrecklichen kneipe mit dem falschen artikel ab, setzt sich auf ihr fahrrad, stöpselt umständlich die kopfhörer in die ohren, schaut auf ihr mp3-player-display, wählt (so ist zu hoffen) die der situation angemessene musik, und: zieht sich handschuhe an, bevor sie losfährt.

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„It made me start to wonder if there were other people so lonely so close. I thought about „Eleanor Rigby„. It’s true, where do they all come from? And where do they all belong?“

(Jonathan Safran Foer: “Extremly loud & incredibly close” , P. 163)

Mr. Blank, eating Pizza

Einen ganz in weiß (jedoch ohne Blumenstrauß) gekleideten Mann gesehen, der, einen Karton Pizza auf der einen Hand vor sich hertragend, (aus diesem geschnittene Stücke Pizza essend), über die Kreuzung Spichern/Krieger schlenderte (des Nächtens) und dann interessiert vor dem ausgehängten Angebot der Kneipe mit dem falschen Artikel stehenblieb. Sofort an den Auster und den Mr. Blank aus den Travels in the Scriptorium habe denken müssen. Ob sich der Pizza-Esser wohl zuvorderst mit der Frau, der die Zeit verloren ging, getroffen hat im Park? Ich werde es wohl nie erfahren.

Nachdem

ich mit dem heutigen Tage nun, neben der größten Verkehrskreuzung Niedersachsens sitzend, das neue Buch von Auster, Travels in the Scriptorium, zu lesen begonnen habe. Fiel mir vorhin ein, dass die Frau der die Zeit verloren ging ja wie aus einem seiner Romane gefallen scheint. Beispielsweise Stadt aus Glas, insbesondere diese Stelle, wo es um die Wege durch die Stadt geht. Wie ich sie dort stehen sehe, abseits der Parkwege, still verharrend, tatsächlich wie festgezurrt durch unsichtbare Fäden (der Zeit), mit einem Gesichtsausdruck, zugleich in sich versunken und wie ein erschrockenes Tier. Zehn Minuten später, wenn ich vom nächtlichen Einkauf bei der Tankstelle zurückkehre, steht sie auf der gegenüberliegenden Hundewiese. Beispielsweise kommt dort die Frage auf, ob sie vielleicht wirklich herunterzählt, einem geheimen, nur ihr bekannten Code folgend. Sie ist von relativ unbestimmbarem Alter, um die 40 Winter, schätzungsweise, knapp einen Meter und Fünfzig Centimeter an Größe, mit einer struppigen Frisur angetan. Dazu würde ich, auch wenn es offensichtlich nichts damit zu tun hat, dieses Notizbuch zählen, mit den darein geschriebenen Zahlenkolonnen und Stenographie, welches ich einige Zeit hier im Altpapier vorfand, und bis heute nicht zu entziffern imstande.

Paul Auster ist „Mr. Blank“

eines Tages wachte ich auf und sah einen alten Mann, der auf der Bettkante sitzt, einen Schlafanzug und Pantoffeln trägt, dessen Hände auf den Knien ruhen und der auf den Fußboden starrt. Von diesem Moment an kam dieses Bild immer wieder, Tag für Tag. Schließlich wollte ich wissen, was es damit auf sich hatte. Also habe ich blind drauflos geschrieben, ohne zu wissen, was ich tat. Irgendwann wurde mir eines klar: Wenn das Bild etwas zu bedeuten hatte, dann, dass ich mich selbst in der Zukunft sah [.]

Das Interview als MP3 vom vom Deutschlandradio. (Via Dings)

Nebenbei, schön, und was mir gerade erst auffällt, was ich noch nicht wusste also, dass eine gewisse Anna Blume offenbar eine große Rolle spielt, dortigerseits, wobei eine zweite Person aus meiner Stadt, ein sog. Peter von Hannover, nur ganz am Rande bemerkt, wird.

[Aus dem Notizbuch]

25.1. Heute lag der Brief im Kasten. Es hat lange gedauert. Hab ihn in die Innentasche gesteckt und bin schnell, durch die kalte Luft hindurch, zum 200er Bus gegangen. Dann die Kopfhörer und die Sonnenbrille (Lobpreisung der Sonnenbrille). Den Brief öffnen, lesen, merken wie die Last der letzten Monate sich auflöst, schlucken, […]. Aus dem Fenster schauen. Sonnenbrille. Ausgestiegen am Lindener Markt. Nach Luft schnappen (kalte Luft) und […] herunterschlucken. Ein Angestellter der Sparkasse, wo ich Geld vom Sparbuch abehebe um den Laser bei der Zahnärztin zu bezahlen, trägt obenrum rosa. Nach der Behandlung fährt noch die Strahlenkanone einmal um meinen Schädel. Schwindel. Ein wenig benommen wieder an der Kälte. Nehme den Bus 300 Richtung Pattensen.

Ein dicker Hauptschüler sagt zu seinen dummen Freunden etwas über mich, als ich mich setze (bilde ich mir ein?). Ich schaue ihn böse an aus dem Winkel meines rechten Auges, da ist er dann ruhig, das dicke dicke Kind.

* Am „Grünen Hagen“ kurzes Innehalten, Bericht. Jetzt ist nicht mehr alles so grau noch, es wird besser, wieder mutiger.*

In Pattensen beim Walmart gewesen. Gekauft: 1 Packung Darjeeling Tee, 1 Flasche stilles Vulkanwasser, 1 rostrotes Cordhemd (Gr. M, 5€) sowie 1 belegtes Brötchen, einen Schoko-Muffin beim vorgelagerten Einzelhandel, einen Hamburger (1€). Alles gegessen im Laufe, bis auf das Hemd.

Ggn. 14h dann endlich in der Fabrik. 4½ Stunden gearbeitet. Zwischendrin die Kollegin „Buchhaltung“, als sie merkte das der Drucker endlich druckt und ausrief „jetzt passiert endlich was“, mit den Worten „passieren tut immer was, genau genommen“ erfreut. Auf dem Rückweg in die Ecke der Feierhalle (=“Narrhalla“) der „Ricklinger Narren“ gepisst. Zuhause tiefgekühlte Pizza Scampi: 16 sind auf dem Foto a.d. Packung, 11 tatsächlich auf der Pizza. Dazu eine Dokumentation: „Paul Auster – Mein Leben“ gesehen, welche ich am Tage mittels DVB-T-Stick auf den Computer aufgenommen hatte. Es ist alles so wie ich es mir vorgestellt hätte, ich es mir vorgestellt, in diesem Film. Auster ist grauer als auf dem Foto, welches in einem meiner Notizbücher klebt. Ein schöner, interessanter Mann. Brooklyn. Viele Fragmente aus den Büchern in diesen 50 Minuten entdeckt. Gestört hat mich nur das diese Filmleute die Musik aus „Dead Man“ von Neil Young verwendet haben. Wenigstens nicht „American Beauty“, für dieses mal. Sein letzte Buch, die „Brooklyn Follies„, gerade gestern Nacht ausgelesen. Danach (wieder Heute!) ohne Sorge einen Brief an die Uni geschrieben und eingetütet. Konnte es mir nicht verkneifen, das zweiseitige Gutachten mit einer pinken Büroklammer zusammen zu heften. Als Briefmarke das Motiv „Klatschmohn“. Als geheimes Zeichen meiner Ergebenheit.