Während die Glocken schon den Abend einläuten

Als ich am Lister Platz aus der U-Bahn-Station komme, da sitzt jemand auf der Bank bei den Betonbögen, die das Überdach des Ausgangs begrenzen, und spielt auf der Gitarre, während die Glocken schon den Abend einläuten, neben ihm sitzen Leute und unterhalten sich. Ich gehe ein Stück die Meile hinunter zur Bank, im Weggehen höre ich noch die ersten Akkorde von „Wish You Where Here“. Vor dem Eingang kommt mir langsam ein Mensch mit einem Rollator entgegen, bevor ich durch die Tür gehe sehe ich noch, es ist einer von denen, die wir verkaufen. Da läuft die Diktierfunktion auf dem Handy schon nicht mehr. Als ich wieder herauskomme, sitzt er auf einer der Holzbänke vor dem Fischladen und raucht, eine selbstgedrehte, er hat einen weißen Bart und seine Frau steht in einem Anorak neben ihm und spricht mit ihm. Ich gehe ausnahmsweise durch die Passage und dann an der Edenstraße nach rechts, an der Ecke in dem Laden kaufe ich Brot. Heute ist der kurze Weg, den ich hier am Abend mache, wieder ein wenig so, als würde ich durch einen dieser schönen Kinofilme laufen und gleich könnte es vielleicht zu regnen anfangen. Gegenüber der Bushaltestelle preist eine in grellem Rot blinkende Laufschrift zuerst „Nudel gerichte“ und dann „Doner“ an. Ich nehme den Bus 121 in Richtung Haltenhoffstraße.

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Menschen in der Stadt

Der Kiosk hat ein Verkaufsfenster für die Vorbeieilenden und einen Laden, in dem ich stehe. Am Fenster der Einarmige in der Jeansweste, der einen anderen Akzent hat als der Mensch im Kiosk, möchte ein „Chindeler“, der Kioskmann versteht aber nur „Krombacher“. Ich hole ein „Lindener“ aus dem Kühlschrank, halte es dem Einarmigen hin und frage, ob er das möchte. Der nickt. Kioskmann und Einarmiger zufrieden.

Die Bahn, mit der ich jetzt fahre, fährt zu einer Haltestelle, an der sowohl die ‚Swiss Life‘ als auch die ‚HDI‘ große Niederlassungen haben. Gestern saß mir schräg gegenüber eine Frau im schwarzen Kleid, die hatte eine Tasche dabei, auf welcher, über die ganze Tasche verteilt, die Buchstaben „MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK“ geschrieben standen. Auch hatte sie kürzlich einen teuren Friseur besucht und las in der Zeitschrift „Glanour“. Ein Mann im Jeanshemd, ausgetretenen Schuhen und mit halber Glatze, der hinter ihr Stand, las unbemerkt und interessiert mit. Mir direkt gegenüber eine Dame, die eine ganz ähnliche Mode trug wie die Glamour-Frau, nur in der Ausführung nicht ganz so glatt. Aus der Tragetasche neben ihr ragten Blumenköpfe.

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Am Abend stieg ich an der Noltemeyerbrücke aus, gleich steht dort auch ein Mann mit einem knallblauen Turban auf dem Kopf, mir gegenüber an der Fußgängerampel, außerdem Holzfällerhemd, Stone-Washed-Jeans, Turnschuhe und ein grauer Bart. Das war am 28. August diesen Jahres.

Die Stadt gibt sich Mühe mit der Traurigkeit

20170925_182708.jpg – Lister Platz

Auf der Lister Meile im leisen Regen versucht ein Bettler, sich ein paar Euros zusammen zu sammeln, auf dem Rücken trägt er einen Klapphocker mit sich herum. Gleich fängt ein Straßenmusiker an, »My Heart Will Go On« zu intonieren, der vor der Sparda-Bank unter einem knappen Vordach steht, die Stadt gibt sich Mühe mit der Traurigkeit und dem Grau. Wenig später steige ich in den Bus und bin froh darüber, einmal wieder mit diesem Bus zu fahren, durch diesen schönen Stadtteil, ich schaue aus dem Fenster. Schräg gegenüber auf der anderen Seite des Gangs sitzt ein alter Mann, der sich hustet und räuspert als wolle er auf sich aufmerksam machen, aus den Augenwinkeln habe ich vielleicht schon ein merkwürdiges Grinsen gesehen. Eine Frau steigt ein und fragt den Fahrer, ob er weiß, wo die Robertstraße wäre. Was soll da sein? … Eine Pizzeria. … Nein, tut mir leid, weiß ich nicht. … Ach sie fahren ja hier um die Ecke, uh, dann muss ich jetzt aussteigen … dreht sich um und der nach unten gehaltene Regenschirm spannt auf und verhakt sich mit umgedrehtem Schirm unter den Sitzschalen, dann klappt sie den schnell zu, woraufhin dem Mann auch einfällt, dass er hinaus muss und er geht ihr hinterher. Er hat einen mintfarbenen, mechanischen Schmutzaufnehmer dabei, ich sehe es jetzt erst, als er den Bus verlässt.

Heubüschel vom Himmel

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Heute auf der Arbeit schwebten minutenlang Heubüschel vom Himmel hinab, ich konnte garnicht aufhören, mir dieses merkwürdige Schauspiel anzuschauen und zu denken solang es keine Frösche sind. Die Stellfläche des Logistik-Unternehmens gegenüber war gesprenkelt von diesen unverhofften Schwebeteilchen.

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Die Mutter schickt per Textnachricht die Meldung hinüber, sie habe Bolognese und Huhn eingekocht.

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Einer dieser Tage also, an denen der Himmel so hell erleuchtet ist, dass sich das müde Herz überlegt, vielleicht doch gleich zu sterben, weil es besser nicht mehr werden kann. Wie in jedem Sommer mehrmals, je nach Sommer.

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Der Bussard, der noch nicht vertrieben ist im neu entstehenden Gewerbegebiet, umkreist die langsam abwärts gleitenden Fremdkörper.

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Am Abend endlich an der Noltemeyerbrücke gewesen; Das der Friseur mich nicht mehr vorlassen wollte, war nicht weiter schlimm, die Gegend war wie eine andere Stadt und der Mittellandkanal. Eine neue Filiale eines Pizza-Franchise feiert sich noch selbst mit bunten Ballonen und einem schönen Fettgeruch, der das Gefühl der Fremdheit nur verstärkt, dass ich hier habe und gut finde. Unverhoffterweise ergeben sich neue Zusammenhänge und Knotenpunkte allerorten.

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Fast wie Blasen im Raum erscheinen Déja-vus, als könnte ich mich innerhalb der wenigen Meter, die sie beinhalten, bewegen wie in einer anderen Welt, würde ich es nur wagen.

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Aus der Mieterzeitung habe ich einen Artikel ausgeschnitten, in welchem über ein 19-stöckiges Gebäude in einer dieser vollkommen unbekannten chinesischen Millionenstädte berichtet wird, in welchem im sechsten bis achten Stockwerk eine S-Bahn-Station eingebaut wurde.

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Ich glaube das war das letzte Fragment, nach dem ich noch suchte, bevor dies hier veröffentlicht werden konnte. Falls ich mich geirrt haben sollte, wird mir dies sicher im Morgengrauen einfallen. Dann wird es auch gut sein.

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Historische Bauten aus einem untergegangenen Land

Als ich gestern mit der Straßenbahn aus Altwarmbüchen zurück in die Innenstadt fuhr, auf der Noltemeyerbrücke, da kam gerade ein Schiff den Kanal hinaufgefahren in Richtung Anderten/Schleuse. Froh darüber gewesen, dass der Mittellandkanal durch die Stadt gebaut ist und ich aus der Straßenbahn hinaus die Schiffe sehen kann, wenn denn gerade einmal eines zu sehen ist. Das war so ein Moment wie wenn in Berlin eine Straßenbahn durch ein Haus hindurchfährt.

Während ich das hier schon schreibe, also nachdem ich den ersten Absatz geschrieben habe, die Schlafanzughose angezogen, zwei T-Shirts, 2 Paar Socken und eine Boxershorts auf den Heizkörper-Wäscheständer gehängt, denn auch wenn der Balkon durch den darüberhängenden Balkon überdacht ist, wird die Wäsche beim wiederum andauernden Regenfall einfach nicht richtig trocken draußen. Das Notizbuch gesucht, denn während der Fahrt habe ich gestern auch ein paar krickelige Notizen aufgeschrieben, die ich nachlesen möchte.

Wohnpark Altwarmbüchen. Besteht aus gleichförmigen Häusern mit Fassaden in Brauntönen. Es sind historische Bauten aus einem untergegangenen Land. In den umgebenden Einfamilienhaus-Clustern gibt es offenbar einen Trend, mit exotischen Baumgewächsen anzugeben.

U-Bahn-Station Kröpcke, Ebene -1 (Verteilebene)

Den halben Tag in Bankgeschäften unterwegs gewesen, gezwungenermaßen. Mit dem neuerworbenen Monatsticket etwa zum Kröpcke gefahren, dort die Türen der Filiale verschlossen vorgefunden, dann wieder nachhause, um später noch einmal den gleichen Weg zu nehmen. Auf dem Rückweg über Niedersachsenring und mit Bier für ca. 5 Euro, Schuhen für ca. 150 Euro sowie Medikamenten für ca. 3.600 Euro bepackt nachhause gelaufen. Das Bier wird z. Zt. getrunken und was davon ausgedacht ist, kann sich jeder selber ausdenken.

Nudeln mit Gulaschsuppe

Heute am Morgen, auf dem Weg zu meinem Termin, habe ich im Aegi eine der neuen Bahnen erwischt. Ich fuhr in eine Gegend der Stadt, in die ich sonst nie fahre. Die jetzt viel leiseren neuen Triebwagen, die helle LED-Beleuchtung und dazu noch eine Parfumwolke, die in den Wagen eingebracht worden war und sich mit dem Geruch der neuen Sitze und Türdichtungen vermischte, also wie im Duty-Free-Shop im glitzernden Flughafen, etwa Schiphol. Noch dazu saß ich als alternative Version meiner selbst dort auf den neuen Schalensitzen, mit der lila Krawatte und in Gedanken bereits im Flugmodus, so dass ich mich, mehrere Sekunden lang, tatsächlich in einer groß angelegten Transit-Situation befunden haben muss, denn auch die Zeit verging viel schneller, als sie es normalerweise tut.

Dann der Wechsel zum letzten geklauten Dienstag, bis in unvorhersehbarer Zukunft. Rückfahrt entlang der an der Bahnstrecke aufgereihten Hannoverschen Kaffeemühlen (der Pfeffersäcke, damals wie heute), Nudeln mit Gulaschsuppe, am Nachmittag im Erdgeschoss-Kino im Anzeiger-Hochhaus. „Monsieur Pierre geht online“. Der alte Pierre Richard und ich hingegen seit 1 1/2 Tagen auf der Suche nach einem französisch erinnerten Namen, wie mich jeder fünfte beim Abspann daran erinnert, ist eine andere Geschichte.

Regenbogen aus Holz

Müde. Treffen mit M. am Vormittag. Vor dem Bahnhof hat ein Kurator aus Hamburg einen Regenbogen aus Holz aufstellen lassen, durch einen ihm bekannten Künstler namens Darko Caramello Nikolic. Als wenn das der echte Name wäre! Zum ersten Mal(!) in der Ernst-August-Galerie gewesen, für ungefähr eine halbe Minute. Sogar bei Starbucks gewesen, aber weder etwas gekauft, noch auf der Toilette, sondern nur kurz in die Schlange gestellt, dann schnell wieder weg, weil Text von M. kam, sie wäre jetzt wieder drin. Oder draußen? Jedenfalls haben wir uns dann getroffen. Drinnen. Sind dann raus. Sind dann in das andere Kettencafé im Bahnhof, weil man dort in der Sonne sitzen konnte, zwischen den Wolken und mit Blick auf den Regenbogen aus Holz, der derweil für eine Photosession herhalten musste.

Der Presseladen ist zu und der andere Presseladen hatte die Edit nicht, aber Compact und Tichy’s Einblick ebenfalls schön zwischen den Satiremagazinen (Titanic, Eulenspiegel, Mad-Magazin) platziert. M. hat die Cosmo gekauft, die jetzt aussieht wie eine Puppenausgabe der Cosmo, für 1,- Euro. Ich habe sie dann noch in den Zug nach Salzgitter gesetzt.

Gestern war ein schöner Tag

Am Abend bis kurz nach 11 auf der Fête gewesen, zum Schluss am Leineufer, wo momentan, wie überall, vieles in einer Baustelle mündet. Der Fluss und das Sommerlicht und das Wissen, dass ein Foto hiervon zu machen sinnlos wäre. Calenberger Neustadt, zum Kiosk, weil der Bierstand nicht genug Limo für Alster eingeladen hatte. Calenberger Straße, am Ende ist der hohe Turm des Ihmezentrums, zu sehen Ihmeplatz 1. Das allerdings wäre über den zweiten Fluss. Wie nah hier doch alles beisammen liegt, letztenendes.

Gleich wird es dann vielleicht doch ein Gewitter geben.

Elfmeterschießen

Ein halbes Pfund Lakritze & auf Insta Bilder aus dem Neandertal. Ich bin der Fisch im Trüben, mein Fahrrad parkt an der Laterne da vorn. Die leuchtet ihr gelbes Licht auf die ölige Straße herab.

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Der letzte Dienstag war ein geklauter Dienstag, jedenfalls ab 12 Uhr ungefähr. Wir waren dann am Nachmittag wieder einmal im Hochhaus-Kino, welches jedoch nach wie vor im Parterre stattfindet. Nur statt dem Sammelsurium teurer Sessel hat man sich mittlerweile für die unbequemsten entschieden. Sind inzwischen ja routinierte Müßiggänger, wenn wir mit den Rentnern in die Nachmittags-Vorstellung gehen. Ein Kuss von Béatrice mit einer tollen Catherine Deneuve, die ich zuletzt in „Das brandneue Testament“ gesehen habe, an Karfreitag 2016, wobei entweder das КИНО auf Risiko spielte und den Film trotzdem (gerade deswegen) zeigte, oder aber die Moralzensurbehörde es versäumt hatte, den Film auf den vermaledeiten Feiertags-Index zu setzen. Ich wollte immer eine Kritik dazu schreiben, die aber bisher nicht zustande kam. Jedenfalls so ein toller Film ist es, dass er eigentlich am Karfreitag nicht gezeigt werden dürfte, ginge es nach der Obrigkeit und der Katholischen Kirche.

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„Ein Kuss von Béatrice“ ist auch ein toller Film, in dem Catherine Frot zeigt, dass sie der Deneuve jedenfalls durchaus den Whisky reichen kann. Gut, dass ich mich nicht davon irritieren ließ, dass die Elle den Film auch gut fand, wie der Trailer vermeldet. Das Schöne an dem Film jedenfalls ist, oder das Besondere, vielmehr, das einerseits der grundlegende Konflikt nicht weiter erklärt wird, denn es ist einfach viel zu lange her. Auch gut, dass das bittere Ende nicht gezeigt wird. Wir wissen alle, was passieren wird, aber es ist nicht notwendig, hier ins Detail zu gehen.

Danach weiter mit dem Rad durch die große Baustelle, die sich seit Neuestem vom Steintor bis zum Clevertor erstreckt und die Stadt so schön improvisiert erscheinen lässt, an dieser Stelle. Kabelstränge hängen, an Holzmasten befestigt, über die Fahrbahn. Die Frau im Da Piu erzählt, dass sie die Weinstöcke Anfang der 80er eingepflanzt hat. Die blonden Frauen neben uns am Tisch zeigen Fotos ihrer vergangenen und zukünftigen Hochzeitskleider auf ihren Smartphones. Dann holt die eine einen Beutel Tabak raus und dreht sich eine Zigarette und ich bin überrascht, wie schnell ich mir ein Urteil erlaube und wie wenig es braucht, dies wieder in Frage zu stellen.

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Auch am Donnerstag vibriert die Luft vor Ambivalenzen. Seit 12 Uhr hängt das Gewitter im unentschiedenen Himmel und wartet auf das Elfmeterschießen. Später Gesprächstermin am frühen Abend, danach treffe ich mich mit R. und F. im Biergarten an der Yachtschule. Drinnen geschlossene Gesellschaft, stellenweise Applaus für irgendwas auf der Außenterrasse. Wir sitzen unter einen Schirm, der aber, wie sich bald herausstellt, keinen Schutz gegen wolkenbruchartigen Regen mit eher horizontalem Verlauf bietet. Kalt ist es nicht, aber mein Hemd ist bald vollkommen durchnässt. Als ich einmal auf die Toilette, die sich der Biergarten mit der Restauration teilt, gehe, halte ich Herbert Schmalstieg, dem ewigen Bürgermeister, die Tür auf, der mir von drinnen entgegenkommt. Aber wir trinken trotz Unwetter noch die Biere aus und laufen dann den Altenbeckener Damm hoch zur Haltestelle, als das schlimmste Unwetter vorüber ist und versuchen nicht in die matschigen Pfützen zu treten. R. zählt weiterhin – 21 – 22 – 23 – – wie weit das Zentrum des Unwetters von uns entfernt ist.