Gestern zaghafte Schritte

im mitt- und nachmittäglichen Müßiggang. Limmerstraße, Steet Kitchen, die Linie 10 zum Steintor. „Love & Friendship“ im Hochhaus-Kino, dass wohl umgebaut wird. Jedenfalls waren wir in einem improvisierten Kinosaal plaziert, im Erdgeschoss. Dicht in eine Reihe gestellte kubische Corbusier-Sessel, die erste Reihe dann konsequenterweise die LC4 Chaise Lonque. Wir saßen weiter hinten auf unbequmen Stühlen. Ein schöner Raum mit interessanter Beleuchtung, viele Lampen an den Wänden und eine indirekte Lichtquelle hinter Glas, die wie Tageslicht wirkt. Kein Foto. Der Film (nach einem Roman von Jane Austen) nimmt gemächlich Fahrt auf und ist dann vorbei, als er richtig lustig wird. Schöne Kostüme und gescheite Dialoge. Kann aber gut angeschaut werden, an einem Montagnachmittag im Januar.

Aus den Briefen – 6 –

mir ist das zu klein, diese Briefmarkengröße, da kann man überhaupt nichts erkennen ehrlich gesagt. Ich habe trotzdem vorgespult bis zu der stelle, an der das capitol-hochhaus ins bild gerückt wurde, aber ich würde mir eigentlich wünschen diesen film zb einmal in akzeptabler größe schauen zu können.

das ist immer noch eine sache, die ich für ein weitaus größeres wunder halte als das internet in gänze: das ich hier einen sender aus schleswig-holstein empfangen kann, aus wales, aus frankreich, den niederlanden usw. usf.,

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ich werde einmal zusehen mir den termin für eure treppenhauskunstaktion frei zu machen, versprechen kann ich wie immer nichts leider, aber ich nehms mir feste vor.

so ich habe heute meinen schönen freitagabend und meine schreiberei für heute auch bereits erledigt. deshalb habe ich zeit mails zu schreiben und mich den schönen dingen zu widmen. höre steve reichs music for 18 musicians, nachdem bereits pierre favre und sun-ra hier liefen. […] auf die mittelwelle geht es heute wohl nicht mehr. der neue pc stört den empfang leider oder auch zum glück sehr. zum glück deshalb, weil dies dann schon öfter der grund war, die kiste auszuschalten und radio zu hören.

Die Kopie des Films, den wir uns bei Freunden anschauten,

an diesem Sonntag war ein auf DVD kopierter VHS-Mitschnitt aus dem Fernsehen. Die Software zur Digitalisierung hatte wohl eine Normalisierungsfunktion, die nicht abgeschaltet worden war und die bei den wenigen stillen Stellen das Grundrauschen langsam hochgepegelt hatte. Auch waren hier und da VHS-Funken zu sehen, wie sie bei einem wackeligen Scart-Anschluss entstehen können. Ich fand das jedenfalls interessant. Der erste Film, den wir uns anschauten, war Hasch mich, ich bin der Mörder (Ot.: „JO“) mit dem tollen Louis den Funès. Es hatte ja geschneit und wir waren schön über die teilweise vereisten Fußwege gestapft, an der Eisfabrik vorbei und weiter in Richtung Sallstraße.

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Von Bürokratie und Selbstbehauptung

Die Eröffnung mit dem Blick auf Kaurismäkis Film-London, Iron-Lady-London 1990

Die Baustellen-Kräne der damals im entstehenden Docklands […] ein langsamer, langer Schwenk über das nebelige London und die Themse am Morgen. Das alles eine Vorhersage der Dinge, die da kommen würden.

Eine kleine Skizze zur Beziehung zweier Filme. Aki Kaurismäkis „I Hired a Contract Killer“ ist jedenfalls in Teilen ein Gegenentwurf zu Welles‘ Kafka-Verfilmung „Der Prozeß“, dieser labyrinthenen Welt der Dachböden und Besenkammern, in denen der mit seinem Schicksal kämpfende Protagonist Joseph K. in der schönen Schwarz-Weiß-Verfilmung von 1962 sich in enger werdenden Kreisen bewegt. Dieser fiktiven Existenz wird aus ihr unerklärlichen Gründen der Prozeß gemacht, durch welchen K. schließlich verurteilt wird. Der Held in Kaurismäkis Geschichte, Henri Boulanger, verurteilt sich zunächst selber, in dem er nach gescheiterten Selbsttötungsversuchen einen Killer auf sich ansetzt. Im weiteren Verlauf ist er in ähnlicher Weise auf der Flucht – vor sich selbst und seinem Vorurteil, welches er nach seiner plötzlichen Entlassung gefällt hatte – „Scheu, schmal, fast stumm und sehr anrührend, eine komische Kafka-Figur, ein Enkel Buster Keatons.“ („Der Spiegel“ vom 18.03.1991)

The film depicts the city (its eastern side, especially) on the threshold of change, lurching from post-industrial slumber towards the embrace of the global economy. […] The cranes […] clearly demonstrate that this is an urban environment which is in a state of flux or mutability; it is an unstable rather than a fixed environment. (A Place to Go? Exploring liminal space in Aki Kaurismäki’s I Hired a Contract Killer)

[Ich erinnere mich vage an meine erste Besichtigung der London Docklands, deren Baustelle die in den Himmel ragenden Kräne markieren – 1993 auf einer Fahrt mit dem Abiturkurs. Wir sind mit einem fahrerlosen, autopilotgesteuerten Zug dort hin gefahren. Auf dem Weg aber hat uns am meisten die an der Strecke gelegene Battersea Power Station beeindruckt, weil wir alle die Animals von Pink Floyd toll fanden. Die Verbindung dieser beiden Dinge war natürlich großartiger als Maggies Bankhochhäuser auf den ehemaligen Docks es je sein könnten. So war das.]

Verschlossene, vernagelte Türen in Londons East End 1990, in Kaurismäkis London

Joseph K. steht draußen vor der Tür des Gerichtssaals

In beiden Filmen werden insbesondere Türen zur Symbolisierung von Übergängen und Abschlüssen gezeigt, in Kaurismäkis Film besonders zu Anfang sehr deutlich, im Vorspann bereits mit den verschlossenen Türen und vernagelten Fenster der City of London am Übergang zu den 90er Jahren, die zugleich die Abwesenheit von Leben anzeigen, im „Prozeß“ manchmal übergroß markiert, manchmal als Loch in der Wand auf K.s Weg durch den Steinirrgarten der Gerichtsbarkeit. Das Werk Kaurismäkis beginnt nach der Bestandsaufnahme der Leerstände am Beginn, in dem eine Tür von einem Büroboten mit einem Rollwagen aufgestoßen wird – so kommt der Film in Bewegung, so setzt die Handlung ein, durch das achtlose, beiläufige Aufstoßen dieser Tür im Verwaltungsgebäude des Wasserwerks.

Im „Prozeß“ werden 5 unterschiedliche Türen insgesamt 15 mal geöffnet oder geschlossen, ein Teppich wird angehoben, zwei Schubladen geöffnet, ein Vorhang einmal auf- und dann wieder zugezogen und ein Rollo versucht herunterzulassen. Der Film beginnt mit dem Blinzeln des erwachenden K., eine Bewegung, die einige Einstellungen danach in der sich zögerlich und langsam öffnenden Zimmertür ihre Entsprechung findet und in der Variation wiederholt wird.

Anfangsszene "Der Prozeß" -- die Tür des Joseph K. wird langsam geöffnet

Anfangsszene "Der Prozeß" — die Tür des Joseph K. wird langsam geöffnet – eine blinzelnde Tür des erwachenden, feindseeligen Raumes analog zum blinzelnden Auge des Protagonisten einige Einstellungen zuvor…

Joseph K. öffnet die Tür zum Zimmer des Frl. Bürstner, beobachtet von den Beamten.

In der Verfilmung von Welles erschließt sich das Motiv der Tür in der einmontierten Türhüterlegende, die sowohl im Roman als auch im Film als intradiegetische Metareferenz markiert ist, was in der Verfilmung noch durch den Verweis auf das Medium Film unterstrichen wird, indem nämlich der Vortragende einen Diaprojektor zur Illustration seiner Ausführungen nutzt, auf welchem Zeichnungen zu diesem kurzen Text gezeigt werden – hier kann von einem eliptischen Verweis gesprochen werden, in welchem der Film über das Bild auf sich selbst und zurück auf die die Erzählung deutet.

Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«

Franz Kafka: Der Prozeß

Henri Boulanger, soeben entlassen, verlässt seine Arbeitsstelle

Henri Boulanger. Eine Tordurchfahrt.

Aber nicht nur mit dem Türenmotiv als Grenzmarkierung und Raumende zitiert der „Contract Killer“ den „Prozeß“ – welch Unterschied liegt aber zwischen dem unüberwindbaren Großraumbüro der Kreditanstalt und der heruntergekommenen Schreibstube des zu privatisierenden Wasserwerks. Im „Prozeß“ entzieht sich der Protagonist nur durch die Verweigerung der Selbsttötung der übermächtigen Maschinerie der Bürokratie, bei Kaurismäki hingegen wird die Demontage des Systems betrieben und an Stelle der Türhüterlegende steht Joe Strummers Outlaw-Ballade „Burning Lights“

Some dreams are made for children
But most grow old with us
And when the air can hope to hold on
And to the ground from dust to rust.

Joe Strummer

Das Büro in der ersten Szene von Kaurismäkis "I hired a Contract Killer"

Joseph K. beim Direktor-Stellvertreter in "Der Prozeß" von Orson Welles nach Franz Kafkas Roman.

Kaurismäkis Story ist also ganz eigen und reflektiert an einigen Stellen, besonders am Anfang zitierend die filmische Welt von Orson Welles. Wie sich herausstellen wird ist tatsächlich das Scheitern und der folgende affektive Akt der Selbstbehauptung durch das Anheuern des eigenen Killers bereits zu Beginn des Films ein Befreiuungsschlag, der die Helden dieser wunderbaren dystopischen Utopie zu einer glücklicheren Existenz verhilft.

Kaurismäki lässt die Kamera stehen und wir schauen erstaunt auf die Schönheit der ruhigen Bilder. Entsprechend agieren auch die Schauspielerinnen und Schauspieler; Alles ist Blick und kleine Geste. Farben die abgetupft scheinen von Hitchcocks Filmen, die ruhige Kamera verstärkt den Eindruch des fotographischen, bildhaften.

Joseph K. hingegen bleibt bis zur Schlußszene, in welcher auch er sich endlich von dem ihm bedrohenden System emanzipiert indem er den Suizid verweigert, Angestellter der Institution, ganz verstohlener, schüchterner Blick und unbegreifende Hände, die es dennoch immer wieder versuchen, er bleibt dem Direktor-Stellvertreter subordiniert. Das ist die große Tragik dieses Entwurfs, die Unausweichlichkeit. Das ist die große Hoffnung des Henri B.: Das Trotzdem und gerade deswegen.

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Kaurismäki, Aki: „I Hired a Contract Killer“, Finnkino / Pandora Filmproduktion / Pyramide Films / Svenska Filminstitutet (SFI) / Villealfa Filmproduction Oy, 1990. (IMDb-Seite)

Welles, Orson: „The Trial“, Paris-Europa Productions / Hisa-Film GmbH / FI-C-IT, 1962, DVD-Neuauflage Studio Canal Plus 2008. (IMDb-Seite)

[Vorgestern abend]

den Film gesehen „I hired a contract Killer“, der unter diesem Titel in die Kinos kam, 90/91, jetzt unter dummem deutschem Titel in den Fernseher geraten, Aki Kaurismäki und: Diese Farben, die der immer in seinen Filmen hat, die so ganz alt erscheinen, wie etwa aus Hitchcocks „Fenster zum Hof“, so ist auch alles andere hier eine verschiedene Welt, die doch exakt die Zeit bedeutet, die sich in ihr widerspiegelt. Die Baustellen-Kräne der damals im entstehenden Docklands (die erste Einstellung!), dieser monumentalen Grabsteine des alten Großbritannien der Kohlekumpel und Docker, von der Dame aus Eisen persönlich aufgerichtet. Konsequenterweise zitiert wird dann auch Marx, „Die Arbeiterklasse hat kein Vaterland“ und ein langsamer, langer Schwenk über das nebelige London und die Themse am Morgen. Das alles eine Vorhersage der Dinge, die da kommen würden und die jetzt gekommen sind und an ihr Ende gelangen. Aber die Blumen werden doch gekauft vom letzten Geld, wie überhaupt Blumen oder Briefmarken oder Kuchen davon gekauft werden sollten, der Killer hat eine Tochter die ihm Essen kocht.

Dann steht Joe Strummer auf der Bühne in einer Kneipe und singt so schön.