random notes on reality (33, 34)


Als ich den Weg über die Brücke gemacht habe, gestern, kurz verstanden wie das ist mit dem Wollen, dem Nichts-Wollen und dem nicht wollen und wie sich das zur Ewigkeit verhält, dann sofort wieder vergessen, aber es ist alles ein wenig besser jetzt. Die Straße weitergegangen zu den Häusern, das Hotel an der Ecke, ein wenig ferner das Pagodendach, hinter Bäumen und einem Industriebetrieb gelegen. Ich bin diese Straße oft gegangen, habe einmal hier in der Nähe arbeiten müssen, dazu gibt es auch eine Geschichte. Das ist sehr lange her und damals ist es mir nicht so aufgefallen, in welch einer Gegend der Stadt, die in großen Teilen von einer so berückenden Profanität ist, wir uns hier befinden. Am Mittag sehe ich im grauen Mittelfeld einen Mann auf Fahrrad, mit einem über den Kopf beladenen Anhänger, der ist bestückt mit einem Lampenschirmgestell, einem Vogelkäfig und ähnlich filigranen Metalldingen. Das frisch geschnittene Gesträuch steigt mir in die Nase, alles Erinnerung an die Zeit, welche blos. Das Ende der Straße liegt im Dunst und jeder zweite Laden sagt mir Toto Lotto. Am Nachmittag, zurück im Bureau, kurz dem Charme des ß erlegen. Gestern in der Nacht geträumt, ich würde in eine Zeitungsdruckerei schauen, die Laufbänder an denen die Zeitungen hängen und auf denen sie liegen, die Konfektioniermaschinen mit den von unten belüfteten Rollflächen, kleine Kugellager die durch Luftdruck nach oben gedrückt werden, dass alles kenne ich ja ebenfalls von einer anderen, früheren Arbeit, jetzt im Traum erwschien mit diese wie nur erträumt, so lange her ist es schon, diese Druckerei jedenfalls war sehr verrostet und nicht mehr in Betrieb, so weit ist es schon mit dem Zeitungssterben, ich wollte ein Foto machen, um es bei Rost hochzuladen, hatte jedoch die Kamera nicht dabei (häufig schon, im Traum, Fotos angefertigt und dann, manchmal noch während des Traumes, manchmal wenn wieder wach, ein wenig Traurigkeit das ich sie nicht auf der Speicherkarte finden würde). Ich blicke also aus dem Fenster, während über mir der große elektrische Rechenschieber immer mehr noch speichert, ich sehe wie die Gebäude so sind, mit ihren teergepappten Bedachungen und den Schornsteinen, den kleinen, aus denen sie weißen Dampf heizen in die noch kalten Himmel Ende Februar, die den Zügen zuwinken, gleich zwei Luftsprünge weiter, die hier vorbeifahren von der Stadt und zu der Stadt, (Und die Bahngleise, an denen ich langlief, der ICE mit dem Graffitti darauf, der das Zeichen durch das Land fährt, das Zeichen einer Anonyma, und leider ist die Industrie nicht mehr vorhanden und im Eisenwerk kein Eisen mehr,) denke ich an diese Zeile, 1998 ca., Der Zug, der Silber und Rot durch die graue Stadt fährt, wie ein Vorzeichen der Jahrtausendwende, dem Fluße hinzu fliegt aber der Kranich mit weiten Schwingen und langem Hals.
Heute morgen eine schöne ganz zufällige Collage gesehen, die die Herren Schmorlundvon in Auftrag gegeben wohlmöglicherweise. (= Also auf der Schnurcheljagd gewesen am Morgen, wie versproghen.)
Das Haus neben dem Theater am Aegi wurde großflächig abgerissen, ich fuhr heute daran vorbei und musste natürlich gleich an Malte denken und wie er diese Häuser beschrieben hat vor Einhundertundzwei Jahren, denen man ihr Nebenhaus entfernte, die dann ganz alleine dastehen.
Dann ein Stück gegangen, geredet, bis zum See und wieder zurück. So bleibt eine Stunde von dem, was ein Leben hätte sein können.
Am Sonntag sind wir dann aufs Expo-Gelände gefahren, weit hinaus an den Stadtrand wo der Mediencampus brütet neben dem Messegelände. Einmal im Jahr findet hier in der Fachhochschule (die sich nun nur noch Hochschule nennt) das festival für jungen fotojournalismus statt, inzwischen im dritten Jahr.
Allgegenwärtig ist die Bilderflut, mit der wir konfrontiert sind und die sich durch Mediatisierung und die damit einhergehende schnelle Verbreitung digitaler Fotografien im Internet ergeben hat. Auf diese unüberschaubare Masse an Fotos reagiert das Festival nicht mit kulturpessimistisch kuratierten Kleinoden, sondern versammelt in 60 Ausstellungen über diverse Häuser verteilt ebenfalls eine Masse an Fotografien, die an einem Tag schlichtweg nicht erfasst werden kann. Fighting Fire with Fire.

Das Festivalticket ist deshalb auch ein Nylonband um den Arm, mit welchem die Ausstellungsräume während der gesamten Woche besucht werden können. Das wir es dennoch erst am letzten Tag geschafft haben ist eine andere Geschichte, über die hier der Mantel des Schweigens.

[Die Schwester hatte es schlauer gemacht und wohnt auch in der Nähe, so das sie unser persönliches Highlight durch Zufall und Glück bereits einen Tag vorher entdecken konnte. In einem Treppenhaus und nicht zur Ausstellung gehörend hängt eine kleine Reihe Fotos an der Wand, auf welchen Menschen zu sehen sind, die vor Projektoren tanzend Seifenblasen in die Luft pusten. Eines der projezierten Fotos zeigt unsere Großmutter, die sich offenbar im Garten ihrer Arbeitsstelle angeregt mit einer Kollegin unterhält...] [Und hier ist es nun ein Foto von einem Foto in welches ein Foto projeziert wird. Seifenblasen.]



»Everybody knows this is nowhere« Ist der Titel einer der Ausstellungen, die wir uns angesehen haben. Andrea Gjestvang zeigt in lakonischen Bildern das einsame Leben junger Menschen in einem einst florierenden Fischerdorf der Finnmark – überwältigende Natur und menschliche Perspektivlosigkeit in einem der ärmsten Teile eines sehr reichen Landes.
»Now|Here« von Jonas Ludwig Walter nimmt den Faden andernorts wieder auf. Er portraitiert hingegen keinen verlassenen Ort, sondern einen, den es niemals wirklich gegeben hat – und zwar gleich zwei mal. Seine Fotos zeigen das Leben einer Gruppe von Arbeitern, die ein nicht fertiggestelltes Atomkraftwerk abbauen. Sie wohnen in einem Musterhaus, dass ein in den Konkurs gegangenes Bauunternehmen vor Ort zurückgelassen hat.
Viele der von uns besuchten Ausstellungen thematisieren Orte und die mit ihnen verbundenen menschlichen Schicksale. Manche dieser Orte sind umkämpft und reflektieren eine Welt, die sich im Umbruch befindet auf besondere Weise. Dies ist sehr gut zu beobachten in den Bildern von Andrew Burton, der unter dem Titel »Occupy Wall Street« die Besetzung des Weltfinanzzentrums in New York dokumentiert. Burtons Fotografien kamen mir bereits sehr bekannt vor, was bestimmt ihrer Verbreitung in den Social Media zuzuschreiben ist – fast ikonographisch stehen sie für den friedlichen Protest und ungleichen Kampf der Okupisten gegen die kapitalistische New World Order.
Die schleichende Verdrängung eines anderen Marktplatzes zeigt hingegen Antonia Zennaro in »Die verschwindende Meile«, in der behutsam die Metamorphose des Rotlichtbezirkes in St. Pauli beschrieben wird.



Mary Turners Ausstellungstitel »A Place To Stay« kann als übergeordnete Beschreibung für die letzten vier Ausstellungen angesehen werden, die wir besucht haben. Auch diese Fotoserie über einen Wagenplatz britischer Traveller zeigt von Vertreibung bedrohte Menschen und in letzter Konsequenz auch die Zerstörung ihrer Zuflucht.
»Zwei Bier für Haiti« von Nathalie Mohadjer ist nach der Spendenaktion einer Bewohnerin einer Obdachlosenunterkunft benannt, bei der jeder der dort Lebenden auf zwei Bier verzichten sollte. So kamen zugunsten der Erdbebenopfer 15 Euro zusammen.
Objektiv etwas besser getroffen haben es die Dauercamper, die Jonas Wresch für seine Reportage »Immobilis – Eigenheim Wohnwagen« auf dem Campingplatz „Erlengrund“ im niedersächsischen Gifhorn aufgesucht hat. Hier fand sich die Bildunterschrift, die für sich genommen schon so stark ist das sie fast des dazugehörigen Fotos nicht mehr bedarf…
“Herausgeputzt für die Weihnachtsfeier sitzt Sascha Deutschendorf auf dem Sofa und streichelt seinen Rottweiler”
Hunde spielen auch eine wichtige Rolle in Ann Sophie Lindströms Bildern mit dem Thema »Punk ist kein Kaffeekränzchen«, in welchen sie das Leben auf dem hannoverschen Wagenplatz Scheißegalien zeigt. Auch hier plant die Stadt Hannover mittlerweile die Umsiedlung der Wagen von Hainholz an den Stadtrand, und beweist durch die Wahl der neuen Heimat Fingerspitzengefühl und eine ausgezeichnete Kenntnis verschiedener (un)bürgerlicher Millieus; Die Punks sollen in eine Kleingartenkolonie ziehen.

Insgesamt hat uns das Festival sehr gut gefallen.