Das Blühen, von dem ja eigentlich garnicht mehr die Rede sein kann

Als ich gestern Abend durch den kleinen Park laufe und meine Runden drehe, da ist der süße Duft der letzten Sommeraromen, die die Pflanzen jetzt noch absondern, aber es ist schon bemerkbar, wie die Anstrengung dabei überwiegt, wie jetzt eine Müdigkeit ist, die Wärme und das Blühen, von dem ja eigentlich garnicht mehr die Rede sein kann, anbetreffend. Wie jetzt das Jahr müde geworden ist und sich den grauen Herbst herbeiwünscht, anstattdessen.

Ich gehe Joggen, wo Alkoholiker ihre Kampfhunde Gassi führen. Auf dem Weg zu den Laufrunden überhole ich einen Mann in Jacket und Schottenrock. Auf den Steinstufen am Rande des Parks sitzten drei bekopftuchte Frauen und dampfen zwei Shishas weg.

Am Morgen sind in den Grasbüscheln auf der sumpfigen Wiese, die jetzt als Gewerbegebiet ausgeschrieben ist, ganz viele von Tau bedeckte Spinnennetze zu sehen.

Aber das Jahr jedenfalls ist müde und neigt sich auf unsicheren, fast schon trunkenen Beinen, dem sicheren Ende entgegen.

Während die Glocken schon den Abend einläuten

Als ich am Lister Platz aus der U-Bahn-Station komme, da sitzt jemand auf der Bank bei den Betonbögen, die das Überdach des Ausgangs begrenzen, und spielt auf der Gitarre, während die Glocken schon den Abend einläuten, neben ihm sitzen Leute und unterhalten sich. Ich gehe ein Stück die Meile hinunter zur Bank, im Weggehen höre ich noch die ersten Akkorde von „Wish You Where Here“. Vor dem Eingang kommt mir langsam ein Mensch mit einem Rollator entgegen, bevor ich durch die Tür gehe sehe ich noch, es ist einer von denen, die wir verkaufen. Da läuft die Diktierfunktion auf dem Handy schon nicht mehr. Als ich wieder herauskomme, sitzt er auf einer der Holzbänke vor dem Fischladen und raucht, eine selbstgedrehte, er hat einen weißen Bart und seine Frau steht in einem Anorak neben ihm und spricht mit ihm. Ich gehe ausnahmsweise durch die Passage und dann an der Edenstraße nach rechts, an der Ecke in dem Laden kaufe ich Brot. Heute ist der kurze Weg, den ich hier am Abend mache, wieder ein wenig so, als würde ich durch einen dieser schönen Kinofilme laufen und gleich könnte es vielleicht zu regnen anfangen. Gegenüber der Bushaltestelle preist eine in grellem Rot blinkende Laufschrift zuerst „Nudel gerichte“ und dann „Doner“ an. Ich nehme den Bus 121 in Richtung Haltenhoffstraße.

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Menschen in der Stadt

Der Kiosk hat ein Verkaufsfenster für die Vorbeieilenden und einen Laden, in dem ich stehe. Am Fenster der Einarmige in der Jeansweste, der einen anderen Akzent hat als der Mensch im Kiosk, möchte ein „Chindeler“, der Kioskmann versteht aber nur „Krombacher“. Ich hole ein „Lindener“ aus dem Kühlschrank, halte es dem Einarmigen hin und frage, ob er das möchte. Der nickt. Kioskmann und Einarmiger zufrieden.

Die Bahn, mit der ich jetzt fahre, fährt zu einer Haltestelle, an der sowohl die ‚Swiss Life‘ als auch die ‚HDI‘ große Niederlassungen haben. Gestern saß mir schräg gegenüber eine Frau im schwarzen Kleid, die hatte eine Tasche dabei, auf welcher, über die ganze Tasche verteilt, die Buchstaben „MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK MK“ geschrieben standen. Auch hatte sie kürzlich einen teuren Friseur besucht und las in der Zeitschrift „Glanour“. Ein Mann im Jeanshemd, ausgetretenen Schuhen und mit halber Glatze, der hinter ihr Stand, las unbemerkt und interessiert mit. Mir direkt gegenüber eine Dame, die eine ganz ähnliche Mode trug wie die Glamour-Frau, nur in der Ausführung nicht ganz so glatt. Aus der Tragetasche neben ihr ragten Blumenköpfe.

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Am Abend stieg ich an der Noltemeyerbrücke aus, gleich steht dort auch ein Mann mit einem knallblauen Turban auf dem Kopf, mir gegenüber an der Fußgängerampel, außerdem Holzfällerhemd, Stone-Washed-Jeans, Turnschuhe und ein grauer Bart. Das war am 28. August diesen Jahres.

Allerdings ein Schwarzweißfilm, die brauchen immer etwas länger und dann der Feiertag

Als ich gestern am Morgen unten in der U-Bahn-Station war, hörte ich, wie ein Junge den Vater fragte, warum sie eine Fahrkarte kaufen müssten. Der Vater antwortete, weil sie sonst Strafe zahlen müssten, wenn eine Kontrolle käme.

Dann ging den Tag über der große Sturm über das Land. Im Büro saß ich und sah die Wolken über den weiten Himmel dahinjagen und wie die Flugzeuge sich in der Einflugschneise gegen den Wind stemmten. Die hohen Moorgräser auf der noch zu bebauenden Gewerbegebietsfläche wogten hin und her mit den Böen und die gerade vor ein paar Jahren gepflanzten Bäume auf dem Firmengelände bogen sich, aber fielen nicht. Nach der Mittagspause dennoch der übliche Gang um das halbe Gebäude, an der Kantine hinaus auf die Terrasse, an den blauen Mülltonnen vorbei, auf deren Deckel Gewegplatten gelegt sind, der wilden Tiere wegen, die sonst die Kantinenreste wegplündern würden, ein Frettchen habe ich neulich schon gesehen vom Bürofenster aus, die werden sich aber alle noch zurückziehen, wenn einmal alles bebaut ist. In der Gemeinde lag die FDP bei der letzten Bundestagswahl bei 15,5%. Der faschistische Kandidat heißt Friedhof oder so ähnlich. Der macht’s nicht mehr lange.

Am Nachmittag meldete sich Frau L. aus der Küche auf ihrem Nachhauseweg bei Frau F. vom Empfang , woraufhin diese eine Rundmail schrieb, dass die Verkehrsbetriebe den Verkehr (nicht den Betrieb) aufgrund des Sturms eingestellt hätten, woraufhin bei Twitter mitverfolgt werden konnte, wie schnell die Einsatzkräfte die umgestürzten Bäume und abgerissenen Äste von den Schienen räumten. Auf dem oberen Abschnitt meiner Linie ließ eine Freigabe jedoch auf sich warten, Kollege M. hatte sich aber schon angeboten, mich mit dem Auto mit zurück in die Stadt zu nehmen.

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An der Schlägerstraße stieg ich dann in U-Bahn. Kurz vor Endpunkt fragte ein Mädchen seine Mutter, warum die Scheiben der U-Bahn so zerkratzt wären. »Das waren Jugendliche« »Warum machen die das?« »weil ihnen langweilig ist«.

Am Abend beim Drogeriemarkt dann endlich die letzten Fotos abholen gekonnt. Der Film war bereits in der Kamera, als wir in den Urlaub flogen Anfang September. Allerdings ein Schwarzweißfilm, die brauchen immer etwas länger und dann der Feiertag. Das erste Foto war eines von Freund K., welches ich bei ihm im Garten aufgenommen hatte an einem Tag im Sommer. Dem Protokoll unserer fernschriftlichen Kommunikation zufolge könnte es am 3. Juni gewesen sein. Ein paar Fotos weiter eine Aufnahme von M., K.’s Schwester. das war am 26. Juni. Café am Bahnhof. Das ist so lange her alles.